Schwierige Ausbildung in der Corona-Pandemie

Karlsruhe (tas) – Für Unternehmen ist die Rekrutierung von Auszubildenden derzeit nicht ganz einfach, doch den Kopf in den Sand zu stecken, ist auch keine Lösung, warnen IHK und Handwerkskammer

Arbeit in der Lehrwerkstatt: Viele Betriebe haben derzeit Probleme, neue Auszubildende zu rekrutieren.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

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Arbeit in der Lehrwerkstatt: Viele Betriebe haben derzeit Probleme, neue Auszubildende zu rekrutieren.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

2021 wird für die Berufsausbildung zu einer besonderen Herausforderung. Zumindest, wenn man Arbeitsminister Hubertus Heil glauben darf. Der SPD-Politiker benutzte vor Kurzem drastische Formulierungen, als er davon sprach, dass es bisher noch gelungen sei, in der beruflichen Ausbildung eine „Katastrophe abzuwenden“.

Doch die Corona-Pandemie zieht sich hin, und für Jugendliche ist es nicht einfacher geworden, in Kontakt mit potenziellen Arbeitgebern zu treten. Die wiederum überlegen sich derzeit genau, ob sie weiter ausbilden sollen.

„In schwierigeren Zeiten müssen wir klappern und motivieren“, sagt der Sprecher der Handwerkskammer Karlsruhe, Alexander Fenzl. Denn 2021 wird zur Nagelprobe für die Gewinnung künftiger Fachkräfte. 2,7 Prozent weniger Ausbildungsverträge hatte die Kammer im vergangenen Jahr registriert, damit liegt sie immer noch vergleichsweise gut im Rennen.

Die bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe gemeldeten Unternehmen schlossen im selben Zeitraum 9,2 Prozent weniger Ausbildungsverträge ab. Besonders in der Veranstaltungsbranche und im Tourismus habe es überdurchschnittliche Rückgänge gegeben. Hingegen nicht im Hotel- und Gastgewerbe. In ganz Baden-Württemberg lag das Minus im vergangenen Jahr bei 12,9 Prozent, die Karlsruher können dabei immerhin noch auf die zweitniedrigste Minusrate im Südwesten verweisen.

Ausgefallene Betriebspraktika


„Die Gründe für den Rückgang der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge sehen wir insbesondere, aber nicht ausschließlich in der Corona-Pandemie. Wegen der wirtschaftlich schwierigen Lage und Unsicherheiten, Kurzarbeit, behördlich angeordneter Schließungen, Homeoffice und weiterer Gründe können viele Unternehmen nicht wie geplant ausbilden“, begründet Wencke Kirchner, die Geschäftsbereichsleiterin Ausbildung und Weiterbildung der IHK. „Hinzu kommt ein erschwertes Azubi-Recruiting durch verschobene Bewerbungsphasen, der Einführung digitaler Bewerbungsprozesse, fehlendem Berufsorientierungsunterricht in den Schulen, ausgefallenen Betriebspraktika sowie Unsicherheiten und Zurückhaltung seitens potenzieller Bewerber.“

Was das Ausbildungsjahr 2021 bringen wird, ist noch nicht ausgemacht. Aktuell seien noch 1.000 Plätze für Auszubildende im IHK-Bezirk offen, bei der Handwerkskammer sind es in der Online-Lehrstellenbörse 350. „Wir sind derzeit aber noch dabei, die Betriebe abzuklappern, um herauszufinden, wer weitere Ausbildungsplätze anbieten kann“, sagt Fenzl.

Ob die auch wirklich alle besetzt werden können, steht aber auf einem anderen Blatt, zumal die Maßnahmen der Kammer zur Berufsorientierung derzeit schwierig sind. „Normalerweise sind unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Tag für Tag in den Schulen unterwegs und informieren über das Handwerk“, sagt Fenzl. Doch solche Veranstaltungen finden im Moment cornabedingt nicht statt.

„Reagieren mit kreativen Lösungen“


Die Pandemie bringe zwangsläufig das Gefühl von Unsicherheit mit sich, und die sei auf beiden Seiten zu spüren. Bei den Jugendlichen: Kann die Ausbildung in dieser für viele Betriebe schwierigen Zeit auch wirklich abgeschlossen werden, und wie sind die beruflichen Perspektiven? Und auch einige Betriebe machten sich Gedanken über die Zukunft. Fenzl: „Unsere Botschaft ist jedoch: Corona geht vorbei, und dann wird das Fachkräfteproblem wieder in den Vordergrund treten.“

Das sieht auch Wencke Kirchner so. „Der Fachkräftemangel wird langfristig gesehen trotz Corona-Pandemie eine der größten Herausforderungen für die Unternehmen darstellen. Wer heute das Ausbildungsengagement zurückfährt, steht in Zukunft vor Fachkräfteproblemen.“

Damit es erst gar nicht so weit kommt, will Arbeitsminister Heil für ein bisschen mehr Sicherheit sorgen. Erst Mitte der Woche brachte das Bundeskabinett eine Ausweitung des Förderprogramms „Ausbildungsplätze sichern“ auf den Weg. Bis zu 700 Millionen Euro stehen dabei bis 2022 zur Verfügung. Arbeitgeber erhalten staatliche Zuschüsse, wenn sie Ausbildungsplätze erhalten oder ihre Zahl sogar noch ausbauen.

Laut Kirchner sei das Engagement der Ausbildungsbetriebe aber auch so weiterhin sehr groß. „Sie reagieren mit kreativen, flexiblen und teilweise individuellen Lösungen, um die Ausbildung während der mit der Corona-Pandemie verbundenen Einschränkungen beziehungsweise behördlich angeordneter Schließungen bestmöglich fortzuführen“, sagt sie. Wo nötig, sei sogar Homeoffice für Auszubildende ermöglicht worden, zudem Mehrschichtsysteme, digitale Lern- und Unterrichtskonzepte oder die Möglichkeit der überbetrieblichen Ausbildung.

Nicht alles an der aktuellen Situation ist nachteilig für die Nachwuchskräfte. Kirchner: „Einige Betriebe haben ihren Auszubildenden unter entsprechender Aufsicht und Anleitung mehr Verantwortung übertragen und diese beispielsweise einzelne Abteilungen oder Unternehmensbereiche selbstständig führen lassen.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Tobias Symanski

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Erstellt:
19. März 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
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