Sechs Millionen Masken pro Woche made in Rastatt

Rastatt (ema) – Die Firma Dach hat unter Hochdruck eine eigene Produktion von Masken aufgebaut. Jetzt hadert sie damit, dass „alle nur noch billig wollen“.

Die Firma Dach musste allein Maschinen im Wert von acht Millionen Euro kaufen. Foto: Egbert Mauderer/BT

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Die Firma Dach musste allein Maschinen im Wert von acht Millionen Euro kaufen. Foto: Egbert Mauderer/BT

Die Perspektive steckte schon vor zwei Jahren planerisch in der Schublade: Bis 2023 wollte Ming Gutsche mit ihrem Unternehmen Dach die Produktion von Schutzmasken in Rastatt starten. Dann kam Corona. Was von langer Hand angesichts von Seuchen wie SARS, MERS oder Ebola vorbereitet werden sollte, musste nun in kürzester Zeit übers Knie gebrochen werden. Mittlerweile laufen in der angemieteten Halle in der Lochfeldstraße rund sechs Millionen Masken pro Woche vom Band. Doch die Unternehmerin bekennt: Die anfängliche Euphorie ist Ernüchterung gewichen.

Die Geschäftsführerin kann sich noch gut an die „Goldgräberstimmung“ im Frühjahr vergangenen Jahres erinnern. Als sie im März 2020 zu Gast bei Gesundheitsminister Jens Spahn war, habe der flammende Appell gelautet: Dringend Masken-Produktion in Deutschland aufbauen. Die Rastatter Firma war auf dem Sektor bereits im Geschäft. Allerdings ließ man die Produkte in China anfertigen und nach Deutschland liefern. Die Dach-Chefin zog ihre Expansionspläne also vor und stampfte unter Hochdruck mit einer 25-Prozent-Förderung der Bundesregierung eine Produktion in Rastatt aus dem Boden. Als es mit dem ersten Staatsauftrag aus Berlin knapp zu werden drohte, stellte sich die Unternehmenschefin sogar in einer August-Nacht selbst an die Maschine, um fristgerecht liefern zu können.

Die hergestellten Masken werden im eigenen Labor vor Ort geprüft. Foto: Egbert Mauderer/BT

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Die hergestellten Masken werden im eigenen Labor vor Ort geprüft. Foto: Egbert Mauderer/BT

Zuvor mussten Maschinen geordert werden – aus Frankreich, Deutschland und sogar von einem italienischen Windelhersteller, um das nicht nicht ganz einfache Produkt herstellen zu können. Die Herausforderung: Es kommt aufs Tempo an. Mehrere Vliese sowie der Nasendraht müssen für die FFP2- und OP-Masken zusammengeführt und per Ultraschall verschweißt werden. Bis zu 450 Masken pro Minute „spuckt“ eine Maschine aus. „Bei der Geschwindigkeit ist das Material etwas widerspenstig“, wissen Produktionsleiter Volker Zywietz und Dach-Justiziar Marc Jüdt. Da kann der Lauf schon mal ins Stocken geraten, wenn wie derzeit rund um die Uhr in drei Schichten produziert wird.

Bei Dach weiß man: Die Rechnung, Schutzmasken in Deutschland wirtschaftlich zu produzieren, geht nur auf, wenn man schneller als die Chinesen ist und auf den in Asien üblichen Personalaufwand verzichtet. „Das geht nur mit einem hohen Automatisierungsgrad“, sagt Jüdt.

„Dramatisches Wachstum mit Schmerzen“

Gleichwohl: Dach, seit drei Jahren im Gewerbegebiet Rotacker ansässig, ist innerhalb eines Jahres rasant gewachsen: Zählte man Anfang 2020 in dem Neubau noch rund 25 Beschäftigte, die sich um Auftragsproduktionen von Schutzanzügen, medizinischen Atemschutzmasken, Kopfbedeckungen, Handschuhen und Überschuhen in Gesundheitswesen und Lebensmittelindustrie kümmerten, so wuchs die Belegschaft durch die Aufnahme einer Produktion auf aktuell 75 Mitarbeiter. Von einem „dramatischen Wachstum mit entsprechenden Wachstumsschmerzen“ spricht Jüdt. Der Umsatz sprang von 15 auf rund 50 Millionen Euro nach oben. Doch die Investitionskosten waren eben entsprechend hoch, sagt Gutsche. Allein die Maschinen kosteten rund acht Millionen Euro.

Mittlerweile hat sich bei Dach das meiste unter den neuen Bedingungen eingespielt. Die Produktion muss vorerst weiter per „Notlösung“ in der angemieteten Halle 500 Meter vom Firmensitz entfernt laufen. Lieber wäre es dem Unternehmen natürlich, direkt auf dem eigenen Gelände die Fabrik zu errichten. Platz wäre genug da; allerdings sind Teile des Areals mit PFC verseucht. Und durch die schlagartige Neuausrichtung mit der Maskenproduktion ist das Neubauvorhaben erst mal in den Hintergrund gerutscht.

Ming Gutsche wagte den Sprung in die Masken-Produktion. Zwischenzeitlich ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen. Foto: Egbert Mauderer/BT

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Ming Gutsche wagte den Sprung in die Masken-Produktion. Zwischenzeitlich ist die Euphorie der Ernüchterung gewichen. Foto: Egbert Mauderer/BT

Produktionsleiter Zywietz ist stolz darauf, wie sich das Produktionsteam innerhalb kürzester Zeit formiert hat. Und dass die Qualität stimmt, die im eigenen Labor permanent überprüft wird. Bei der FFP2-Maske etwa, so betont er, müsste man „nur“ eine Filterleistung von 94,1 Prozent schaffen; Dach liege aber bei rund 98 Prozent. So würde der Mund-Nasen-Schutz sogar die FFP3-Anforderungen erfüllen. „Wir verkaufen ein Produkt, das Menschen schützt. Dieser Geist ist in der Maske drin“, sagt der Produktionsleiter.

Gutsche: Alle wollen nur noch billig

Die Verantwortlichen des Unternehmens, das seine 25-Jahr-Jubiläumsfeier coronabedingt aufs kommende Jahr verschieben muss, sind sich bewusst, dass die aktuelle Hochphase abflauen kann. Ein Stück weit, das räumt Jüdt ein, sehnt man das sogar herbei. In den vergangenen Monaten hätten 24 Stunden am Tag eigentlich nicht ausgereicht. Die Nachfrage werde irgendwann zurückgehen; der Markt sich bereinigen. Von dem Credo, unbedingt in Deutschland Masken herstellen zu müssen, hört Ming Gutsche im Lande kaum noch: „Alle wollen nur noch billig“, stellt sie ernüchtert fest und bekennt im Rückblick auf die vergangenen anderthalb Jahre: „Bei aller Liebe, aber das möchte ich nicht noch mal erleben.“

Info: Die Firma Dach in der Rotackerstraße 21 bietet vom 8. bis 10. Juli erstmals einen Werksverkauf an. Neben zertifizierten medizinischen Masken werden auch Schutzkittel, Kopfbedeckungen und Überschuhe aus der eigenen Produktion angeboten. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Öffnungszeiten: Donnerstag und Freitag 10 bis 17 Uhr, Samstag 10 bis 14 Uhr.

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BT-Redakteur Egbert Mauderer

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Erstellt:
7. Juli 2021, 07:14 Uhr
Lesedauer:
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MS 07.07.202108:05 Uhr

Nicht erst einmal habe ich versucht, online irgendwo die in Rastatt gefertigten Masken zu bekommen. Vergebens. Lange Zeit waren sie ausverkauft. Ohnehin ist es darüber hinaus eine Hürde, wenn sie im größten Online-Marktplatz nicht erhältlich sind, und darüber hinaus im größten Auktionshaus ebenfalls nicht. Lediglich im (sehr) spezialisierten Hygiene-Fachhandel, wo man als Privatkunde häufig gar nicht einkaufen kann oder aufgrund eines hohen Mindestbestellwerts sich die Bestellung nicht lohnt.
Also kauft man halt bei einem der zahlreichen anderen Anbieter, die dort ebenfalls ihre in Deutschland produzierten Masken anbieten.
Immerhin wird jetzt ein Werksverkauf angeboten. Jetzt, wo viele geimpft sind und die Maske hauptsächlich tragen, weil es Pflicht ist (und somit weniger Wert auf Qualität legen), wird das auch nicht mehr viel bringen.


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