See in Bühl könnte kippen

Bühl (hol) – Tauchen und Fischen im Trüben: Das ist derzeit angesagt beim Kleinen Hägenichsee in Bühl. Das Gewässer ist in schlechtem Zustand und könnte kippen.

„Der Naturschutz hört unter der Wasseroberfläche auf“: Tauchsportler Michael Thees am Kleinen Hägenichsee. Foto: Harald Holzmann

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„Der Naturschutz hört unter der Wasseroberfläche auf“: Tauchsportler Michael Thees am Kleinen Hägenichsee. Foto: Harald Holzmann

„Das ist ein klinisch toter See.“ Dieses harte Urteil über den Kleinen Hägenichsee hat im April 2018 ein Biologe nach einem Tauchgang in dem Gewässer abgegeben. Und daran dürfte sich seither kaum etwas geändert haben. Dabei liegt der See doch an der Grenze zum Naturschutzgebiet Waldhägenich und mitten im Landschaftsschutzgebiet. Doch die Idylle trügt: Auch im direkt benachbarten Großen Hägenichsee stehen die Alarmzeichen auf Rot.

Die Angler aus Altschweier, die am Großen Hägenichsee regelmäßig ihre Haken auswerfen und zudem dafür sorgen sollen, dass der Kleine Hägenichsee leergefischt wird, sie fischen im Trüben. Das zeigen zwei Filme ganz deutlich, die der Tauchsportverein Mittelbaden gedreht und veröffentlicht hat. Besonders schlimm ist die Lage im Kleinen Hägenichsee, der kürzlich von SPD-Stadträtin Barbara Becker während einer Gemeinderatssitzung als „Jauchegrube“ tituliert wurde. Dort betrug die Sicht bei einem Tauchgang 2018 schon in einer Tiefe von einem halben Meter gerade mal 20 Zentimeter. Das heißt: Es erreicht nicht genug Sonnenlicht den Boden, um ein normales Pflanzenwachstum zu ermöglichen.

Entsprechend traurig sah es vor drei Jahren auch am Grund des bis zu vier Meter tiefen Sees aus. „Es ist weithin eine Schlammwüste dort“, sagt Tauchsportler Michael Thees bei einem Termin vor Ort. Bis zu 80 Zentimeter dick ist die Moder-Schicht, das haben die Taucher festgestellt, die hobbymäßig und mit wissenschaftlicher Unterstützung schon viele Baggerseen unter die Lupe genommen haben. Und Thees sagt: „So schlimm wie der Kleine Hägenichsee ist kein anderer See in der Region. Der Naturschutz hört hier direkt unter der Wasseroberfläche auf.“

Fauliger Geruch schreckt Taucher ab

Pflanzen: Fehlanzeige. Lediglich die Weiße Seerose und ein Bestand an Schilfrohr seien auf zwei kleinen Flächen zu finden. Der Rest des Gewässers: voll von Schwebstoffen. Im Sommer zeugt zudem ein fauliger Geruch davon, was dort in der Tiefe vor sich geht. Deshalb haben die Tauchsportler in der warmen Jahreszeit 2019 auch auf eine Wiederholung des Tauchgangs verzichtet. In den kommenden Wochen jedoch, bevor höhere Temperaturen den Fäulnisprozess im sauerstoffarmen Gewässer wieder beschleunigen, wollen die Taucher den kleinen See noch einmal untersuchen. „Wir wollen sehen, ob sich in den letzten drei Jahren was getan hat“, sagt Thees. Hoffnung hat er wenig.

Die beiden Hägenichseen waren früher Baggerseen. Seit über 50 Jahren werden sie zum Angeln genutzt. Ein Gutachter aus Freiburg kam bereits 1995 im Auftrag der Stadt Bühl zu dem Schluss, dass der kleine See am Umkippen ist, weil sich zu viele Fische darin befänden, die zudem auch noch zu stark gefüttert würden. 2015 untersuchte dann ein Baden-Badener Büro das Gewässer. Das Ergebnis damals bestätigte die Expertise von 1995: Der Kleine Hägenichsee wurde als „stark sanierungsbedürftig“ eingestuft. Es gebe einen starken Wunsch nach ökologischer Aufwertung, hieß es damals im Gemeinderat. Der See sei schließlich von drei Seiten vom Naturschutzgebiet umgeben.

Diese Grafik zeigt die Position der Seen im Waldhägenich. Grafik: ©mapcreator.io/©HERE/jv

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Diese Grafik zeigt die Position der Seen im Waldhägenich. Grafik: ©mapcreator.io/©HERE/jv

2016 wurde denn auch festgelegt, dass der See leergefischt werden soll. Außerdem wurde beschlossen, eine Windschneise zu schlagen und den Bewuchs rund um das Gewässer zu stutzen, um Luft und Licht einen Weg zu bahnen. Das ist auch geschehen. Mehr jedoch nicht. „Viel zu wenig“, sagt Thees. „Ich verstehe nicht, dass da nur zugeschaut wird, wie der See stirbt.“

2022, so der Plan, sollen Verwaltung und Gemeinderat darüber befinden, wie es weitergeht. Dabei stehen zwei Möglichkeiten zur Auswahl: die Anlage von Flachwasserzonen, um Wasserpflanzen, Amphibien und Libellen die Ansiedlung zu ermöglichen, und die Installation eines Belüfters, der den Sauerstoffgehalt des Gewässers erhöhen würde. Auf diese technische Option war 2015 freilich aus finanziellen Gründen verzichtet worden – und die städtischen Finanzen sind auch heuer angespannt. „Vielleicht wäre das aber ja doch eine Möglichkeit“, sagt Thees.

Fachleute warnen vor einem Durchbruch

Er bringt zudem die Idee ins Spiel, einen Teil des Sees durch einen Unterwasserzaun abzusperren, sodass die wohl immer noch dort lebenden tief gründelnden Karpfen nicht hinkommen. „Vielleicht kann sich so ein Teil des Sees wieder erholen“, meint er. Die Windschneise habe jedenfalls augenscheinlich nicht viel gebracht. Das geht auch aus einer Stellungnahme der Bühler Stadtverwaltung hervor, die kürzlich gegenüber dem BT erklärte, der Sauerstoffgehalt in dem Gewässer habe sich seit 2016 nur unwesentlich verbessert.

Nachgedacht wird auch über einen anderen, extremen Schritt: einen Durchbruch vom Kleinen zum Großen Hägenichsee. Doch davor warnen Fachleute, die mit den Sporttauchern zusammenarbeiten. Diese Maßnahme könnte das Todesurteil für den Großen Hägenichsee bedeuten, meint Thees. Er glaubt nämlich nicht, dass dieser die Kraft hat, das kleine Nachbargewässer aufzupäppeln. Denn auch der Große Hägenichsee ist nicht gesund.

Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Untersuchung 2019 im Auftrag der Stadt Bühl durch den Biologen Christof Senftennagel gewesen. Immerhin wurden damals bei einem Tauchgang zwar noch sieben Pflanzenarten darin gefunden. Allerdings herrschte auch dort schlechte Sicht, es gab kaum Bewuchs am Grund – und die Art der Pflanzen wies auf große Sauerstoffarmut hin. Zudem seien am Boden des Sees mehrere verrottende Strohballen gefunden worden, sagt Thees, der davon überzeugt ist, dass sicherlich auch das nicht der Wasserqualität zuträglich ist.

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Erstellt:
7. Mai 2021, 07:02 Uhr
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