Sehnsucht nach dem „Schwarzen Stein“

Gernsbach (stj) – Statt im Oktober 2020 die Achttausender in Nepal zu bestaunen, wird Michael Chemelli daheim zum Bürgermeister-Stellvertreter.

Michael Chemelli mit Sherpa Keder auf dem Suriya Peak in 5.145 Metern Höhe. Das Foto entstand bei seiner ersten Trekking-Tour in Nepal im Jahr 2009. Foto: Sherpa Longa

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Michael Chemelli mit Sherpa Keder auf dem Suriya Peak in 5.145 Metern Höhe. Das Foto entstand bei seiner ersten Trekking-Tour in Nepal im Jahr 2009. Foto: Sherpa Longa

Die Vorbereitungen liefen schon fast das ganze Jahr 2019: Michael Chemelli war viel laufen, joggen, wandern, hat seine Ernährung umgestellt und mehr als zehn Kilo abgespeckt. Als das große Ziel näher rückte, den Sehnsuchtsort Nepal ein zweites Mal zu bereisen und einige der faszinierenden Achttausender zu bestaunen, bremste Corona das Vorhaben im Laufe des vergangenen Jahres aus. Doch der 53-Jährige lässt sich von dem Virus nicht aufhalten. Sein Ziel: der Kala Patthar, ein Berg im Mahalangur Himal in der Region Khumbu im Südosten Nepals.

Im Jahr 2009 war Chemelli schon einmal im Himalaja-Gebirge. Er hatte die Reise über die Nepalfreunde Tübingen gebucht. Dort angekommen unternahm er eine dreiwöchige Trekking-Tour, die ihn unter anderem mit zwei Sherpas auf den Suriya Peak führte. Die 5.145 Meter Höhe bildeten den höchsten Punkt seines Abenteuers. Die Faszination hat ihn bis heute nicht losgelassen: „Das Trekking im Langtang/ Helambu-Nationalpark hat mich begeistert und inspiriert.“

Deshalb will er unbedingt zurückkehren nach Nepal – und seinen persönlichen Höhenrekord noch einmal übertreffen. Diesmal mit seinem Freund Nico Blender, der ebenfalls davon träumt, das höchste Land der Erde zu bereisen. Ihr Ziel, sollten sie es erreichen, liegt dann am Südgipfel des Kala Patthar, was so viel bedeutet wie „Schwarzer Stein“, auf rund 5.560 Metern.

„Wenn man drei Achttausendern gegenübersteht, das ist einfach phänomenal“

„Wenn man drei Achttausendern gegenübersteht, das ist einfach phänomenal, das kann man überhaupt nicht beschreiben“, klingt die Begeisterung nach wie vor durch, mit der Chemelli im BT-Gespräch von seinem Abenteuer vor knapp zwölf Jahren berichtet. Seither ist sein persönlicher Kontakt zum damaligen Tour-Guide Krishna nie abgerissen. Im Gegenteil: Er unterstützt den Sherpa in der aktuell schwierigen Zeit auch regelmäßig finanziell. „Der ganze Tourismus, von dem das Land fast ausschließlich lebt, ist seit März 2020 komplett zum Erliegen gekommen“, erzählt der Scheuerner. „Die haben kein Geld, um sich Essen zu kaufen“, unterstreicht seine Frau Gabriele, wie arg die Nepalesen von den Corona-Beschränkungen gebeutelt sind. Zudem leiden dort viele noch immer unter den Folgen des verheerenden Erdbebens im Jahr 2015.

Auch wenn Gabriele Chemelli nicht mitkommt in das höchste Gebirgsmassiv der Erde, steht sie doch voll hinter dem Vorhaben ihres Mannes. Damit er bestens vorbereitet ist, hat sie an der Ernährungsumstellung entscheidenden Anteil. Die vielen Trainingseinheiten aber absolviert der vielfach ehrenamtlich engagierte Gernsbacher größtenteils alleine. „Im Lockdown habe ich den Schwarzwald richtig kennengelernt“, blickt er zurück auf die intensive Vorbereitungszeit, die sich nun bestenfalls im kommenden Oktober auszahlen soll. Chemelli ist im ständigen Austausch mit Krishna, der sich um die ganze Tour vor Ort kümmert.

Sollte die Pandemie nicht ein weiteres Mal den Flug und die Trekking-Pläne durchkreuzen, geht es für ihn und die beiden Murgtäler (und etwaige weitere, die sich für das Abenteuer interessieren) im Oktober 2021 vom Flughafen in Lukla, der als der gefährlichste der Welt gilt, in Richtung Mount-Everest-Basiscamp. Das erreicht man von Lukla in acht Tagen (zwei Akklimatisierungstage inklusive). Pro Tag sind 1.000 Höhenmeter zu bewältigen; selbst am Ruhetag steigt man einige 100 Höhenmeter auf und wieder ab, erläutert Chemelli das unmittelbare Training in der Höhenluft, ehe das große Ziel Kala Patthar in Angriff genommen werden kann.

Von dort aus wollte Chemelli schon im Oktober 2020 den atemberaubenden Blick auf den Mount Everest und andere Achttausender genießen, stattdessen ist er in seiner Heimatstadt zum Stellvertreter des Bürgermeisters gewählt worden. Nach dem Ausscheiden von Sabine Katz aus dem Gemeinderat brauchte die Fraktion der Freien Bürger, für die der 53-Jährige am Ratstisch sitzt, einen Nachfolger – und die Wahl fiel auf den Mann aus Scheuern.

„Dorfgemeinschaft liegt mir weiter am Herzen“

Der Verkäufer im Firmengeschäft bei Daimler in Gaggenau hat einen guten Draht zu den Bürgern, nicht zuletzt weil er schon viel mit ihnen auf die Beine gestellt hat. Zuletzt war Chemelli federführend an der Organisation der 750-Jahr-Feier (und der daraus hervorgegangenen Gründung des Dorfvereins) in Scheuern sowie als Mitglied des Lenkungskreises und Umzugsmacher an der 800-Jahr-Feier Gernsbachs beteiligt. Um die Stadt als ehrenamtlicher Stellvertreter von Julian Christ würdig zu vertreten, hat Chemelli einige Vorbereitungen getroffen und zum Beispiel das Amt des Vorsitzenden der Dorfgemeinschaft abgegeben. Gleichwohl betont er, dass ihm die Arbeit dort, die er als Beisitzer auch künftig aktiv unterstützt, weiterhin sehr wichtig sei: „Scheuern wächst“, erläutert der Kommunalpolitiker mit Verweis auf die Neubaugebiete Sonnenrain und Gartenäcker, „und die Leute müssen integriert werden.“

Wegen des erneuten Lockdown musste Michael Chemelli als Bürgermeister-Stellvertreter bisher noch nicht so oft „in die Bütt“, hatte erst zwei offizielle Termine zu übernehmen. Das dürfte sich ändern, spätestens wenn das öffentliche Leben nach der Pandemie wieder anzieht – und Chemelli dann auch von seinem zweiten Nepal-Abenteuer berichten kann.

Tourismus bringt Geld und Entwicklungsmöglichkeiten sowie Plastik und Müll

Bis in die frühen 1990er Jahre war Nepal ein eher selten gewähltes Reiseziel, obwohl es die Region mit den höchsten Bergen der Welt ist. Seiher aber hat sich der Binnenstaat in Südasien, der zwischen den beiden bevölkerungsreichsten Ländern der Welt (China und Indien) liegt und in dem sich acht der 14 über 8.000 Meter hohen Berge der Erde befinden, zu einem Touristenmagnet entwickelt. Wirtschaftlich vorteilhaft für die Bevölkerung bedeutet dies eine ernst zu nehmende Gefahr für die Umwelt. Der Tourismus bringt Nepal Geld und Entwicklungsmöglichkeiten auf der einen, Plastik und Müll auf der anderen Seite. Ein weiteres Problem ist die Tatsache, dass bei vielen der Respekt vor den hohen Bergen – und auch der vor den eigenen Grenzen – verloren gegangen scheint, weshalb viele Menschen beim Streben, den Mount Everest zu besteigen, ihr Leben lassen.

„Zu viel Risiko, das brauche ich nicht“, blickt Michael Chemelli auf den Wahnsinn, den viele nicht ausreichend gut trainierte Hobbykraxler da eingehen. Für den Scheuerner stehe das Sehen der Berge, das Genießen der Natur und der Ausblicke im Vordergrund: „Das ist das Wichtigste für mich, ich muss nicht rauf auf den höchsten Berg der Welt!“ Auch was die Bekämpfung des Plastikmülls anbelangt, den viele Touristen in der Berglandschaft hinterlassen, wolle er mit gutem Beispiel vorangehen. Die Bemühungen in diese Richtung haben in der Umgebung des Mount Everest schon vor einigen Jahren eingesetzt – etwa mit einer Abgabe von 4.000 US-Dollar pro Bergsteigerteam, die nur an jene Teams erstattet werden, die beim Abstieg vom Berg pro Kopf acht Kilogramm Müll mitbringen. „Mittlerweile wird da schon einiges gemacht“, freut sich Chemelli.


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