Seiler geht nach Tokio

Baden-Baden (ket) – Nathaniel Seiler hat es geschafft: Der Geher des TV Bühlertal hat sich mit Rang sechs bei der Team-EM in Podebrady für die Olympischen Spiele im Sommer in Tokio qualifiziert.

Darf sich auf seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio freuen: Geher Nathaniel Seiler. Foto: Rainer Wohlmanstetter

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Darf sich auf seine Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio freuen: Geher Nathaniel Seiler. Foto: Rainer Wohlmanstetter

Nathaniel Seiler fühlte nur noch die Schwäche in seinem ausgelaugten Körper. Seine Beine waren schwer wie Blei, der Kopf wie leergefegt von allen Gedanken. Noch nichteinmal ein sanftes Lächeln wollte dem 25-Jährigen in diesem Moment gelingen, geschweige denn eine Jubelpose, und sei sie auch noch so klein. Stattdessen musste sich Seiler an einem Absperrgitter gleich hinter der Ziellinie festklammern, um nicht zu Boden zu gehen. Von Magenkrämpfen und Schüttelfrost geplagt wurde er schließlich von Robert Ihly, seinem Trainer, und einem Mannschaftsarzt ins Hotelzimmer gebracht und dort mit Tee, Wasser und Cola wieder aufgepäppelt.

Die Wiederbelebungsversuche sollten schnell Wirkung zeigen. Und je mehr die Energie in Seiler zurückkehrte, um so mehr wuchs in ihm das Bewusstsein und die Freude darüber, was ihm da kurz zuvor bei der Team-EM der Geher im tschechischen Podebrady gelungen war. Nicht nur, dass der junge Mann vom TV Bühlertal als Sechster und somit bester Deutscher das Ziel erreicht hatte, nicht nur, dass er zusammen mit seinen Mannschaftskameraden Carl Dohmann (SCL Heel Baden-Baden) und Karl Junghannß (Erfurter LAC) die Silbermedaille gewonnen hatte. Vor allem eines erfüllte ihn mit Stolz, weil es ja auch ein Lebenstraum ist, der damit in Erfüllung geht: Mit diesem sechsten Platz hat sich Seiler endgültig die Qualifikation für die Olympischen Spiele diesen Sommer in Tokio gesichert. „Ich kann’s zwar immer noch nicht glauben, aber: Ja, ich bin dabei“, rief er knappe zwei Stunden nach Zieleinkunft im Gespräch mit dem BT in den Telefonhörer.

Dass es eine extrem harte Prüfung war, die er zuvor zu bestehen hatte, ließ Seiler dabei nicht unerwähnt. Vor allem die letzten vier der insgesamt 50 Kilometer setzten ihm zu. „Bis dahin lief alles nach Plan“, ließ er das Rennen später Revue passieren. Seilers Plan war mehr oder weniger zweigeteilt. Zum einen wollte er die ersten 25 Kilometer in rund 1:55 Stunden zurückzulegen – und „dann einfach rausholen, was noch drin ist“. Zum anderen möglichst vor Karl Junghannß im Ziel sein, schließlich, das stand zuvor schon fest, sollte sich zwischen diesen beiden entscheiden, wer als dritter deutscher 50-Kilometer-Geher neben den bereits vor Podebrady für Tokio qualifizierten Carl Dohmann und Jonathan Hilbert (LG Ohra Energie) bei Olympia starten darf.

Seiler hatte bereits vor fünf Wochen bei den deutschen Meisterschaften in Frankfurt 3:48:88 h vorgelegt. Für Junghannß, der am Main verletzt hatte passen müssen, bedeutete das in Podebrady: Er musste schneller im Ziel sein – und vor Seiler. Für den Mann vom TV Bühlertal galt es, just dies zu verhindern.

Seiler lässt es eher gemächlich angehen

Dabei war für Seiler von Start an klar, dass er mehr auf sein eigenes Rennen achten würde als auf jenes des Widersachers im eigenen Team, zumal beide diesen Wahnsinn über 50 Kilometer ziemlich unterschiedlich zu gestalten pflegen. Junghannß geht seine Rennen meist forsch und offensiv an, was bisweilen dazu führt, dass die Flucht nach vorne misslingt und er am Ende einbricht. Seiler lässt es im Gegensatz dazu fast schon gemächlich angehen, um sich auf den letzten 25 Kilometern dann peu à peu noch steigern zu können.

Gestern gingen beide nach Plan vor – nur für einen freilich, Seiler, ging dieser am Ende auch auf. 1:55:09 h hatte der Bühlertäler für die ersten 25 Kilometer benötigt, eine Minute lag Junghannß zur Halbzeit vor ihm, knapp zwei Minuten waren es zehn Kilometer danach. Just an diesem Punkt kam es dann zum von Seiler erhofften Turnaround. Waren es bei Kilometer 40 noch 1:45 Minuten, die Junghannß die Nase vorne hatte, war das Polster weitere fünf Kilometer danach auf knappe 20 Sekunden zusammengeschrumpft.

Entscheidung bei Kilometer 46

Auf der nächsten Runde, noch vor Kilometer 46, sollte es dann geschehen: In einer Rechtskurve zog Seiler an Junghannß vorbei, keines Blickes würdigten sich die beiden dabei. Seiler baute den Vorsprung danach kontinuierlich auf bis zu 1:32 Minuten bei Kilometer 49 aus, Junghannß litt sichtlich und musste sich noch während des Rennens übergeben, kämpfte sich aber tapfer ins Ziel.

Dass er dieses am Ende in 3:52:07 h und somit nur 19 Sekunden hinter Seiler (3:51:48 h) erreichte, hatte damit zu tun, dass der Bühlertäler sich seiner Tokio-Sache da bereits sicher sein durfte und auf dem letzten Kilometer im wahrsten Wortsinn auf Nummer sich ging. Im Verbund mit Carl Dohmann, der als Gesamt-Zehnter nach 2:52.58 h finishte, ergab das Team-Silber, nur einen Punkt hinter Italien, immerhin 17 Zähler vor der Ukraine.

Sowohl Seiler als auch Dohmann werden nun ersteinmal eine kurze Trainingspause einlegen. Am 11. Juni geht es dann in ein Trainingslager ins italienische Livigno. Immer fest im Blick: Ihren Start bei den Olympischen Spielen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
17. Mai 2021, 07:30 Uhr
Lesedauer:
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