Seiler und Dohmann vor ungewisser Olympia-Zukunft

Baden-Baden/Bühlertal (ket) – Die beiden mittelbadischen Geher Carl Dohmann und Nathaniel Seiler bereiten sich weiter auf Olympia vor – ob die Spiele stattfinden, ist offen.

Werden ihren Weg auf jeden Fall weiter gehen, egal ob die Olympischen Spiele nächsten Sommer stattfinden oder nicht: Nathaniel Seiler (links) und Carl Dohmann. Foto: Hefter/SCL Heel

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Werden ihren Weg auf jeden Fall weiter gehen, egal ob die Olympischen Spiele nächsten Sommer stattfinden oder nicht: Nathaniel Seiler (links) und Carl Dohmann. Foto: Hefter/SCL Heel

Natürlich verfolgen auch Carl Dohmann und Nathaniel Seiler die Diskussionen, die es zuletzt ja wieder vermehrt über die ins nächste Jahr verschobenen Spiele gibt samt der bangen Frage, ob Olympia zumindest 2021 wird stattfinden können. Allzu sehr an sich ranlassen wollen die beiden Geher das Thema dann aber doch nicht. „Sich jetzt schon darüber verrückt zu machen, was in einem Jahr sein wird, macht ja keinen Sinn“, findet Dohmann, 30 Jahre alt und WM-Siebter von Doha 2019 über 50 Kilometer. „Ich bereite mich ganz normal auf die Spiele vor. Wenn sie dann stattfinden und ich dabei bin, ist es super“, sagt der fünf Jahre jüngere Seiler, der bei der Berliner Heim-EM vor zwei Jahren etwas überraschend Achter geworden war.

Geher als knallharte Burschen

Das klingt recht abgeklärt, fast schon ein wenig unterkühlt, schließlich sind es die Olympischen Spiele, über die die beiden da sprechen. Andererseits ist es wahrscheinlich die einzige Möglichkeit, um als Spitzenathlet nicht an diesem verdammten Virus und seinen Auswirkungen auch auf die Welt des Sports zu verzweifeln. Geradezu typisch für Ausdauerathleten ist die Haltung der beiden Top-Geher zudem: Während der rund vier Stunden, die sie für die 50 Kilometer, ihre Spezialstrecke, benötigen, passiert schließlich fast immer Unvorhergesehenes, dass Höhen mit Tiefen wechseln ist völlig normal. Da lernt man automatisch, sich auf Begebenheiten einzustellen und das Beste aus ihnen zu machen. So wie es zum Gehen auch dazugehört, nicht zu lamentieren. Geher, auch wenn es anders aussehen mag, sind knallharte Burschen.

Natürlich: Auch Dohmann (SCL Heel Baden-Baden) und Seiler (TV Bühlertal) waren tief enttäuscht, als sie von der Absage der Spiele in diesem Sommer erfahren haben. Auch ihnen hat es kurz den Boden unter den Füßen weggezogen, auf dem sie in der Vorbereitung auf die Olympiasaison schon wieder tausende von Kilometern gegangen waren, einen Großteil davon in zwei insgesamt fünfwöchigen Trainingslagern Anfang des Jahres in Südafrika. Andererseits hat sich auch schnell die Vernunft bei ihnen durchgesetzt und die Erkenntnis, dass man Olympia nicht um jeden Preis austragen kann und darf. „Das wären keine schönen Spiele geworden“, ist Seiler sich sicher. Dohmann nickt zustimmend mit dem Kopf.

Geher-Fibel auf der Homepage

Zusammen mit ihrem Trainer Robert Ihly, einst selbst Weltklasse-Geher, haben die beiden Badener, die meist gemeinsam in Freiburg trainieren, beschlossen, erstmal eine längere Trainingspause einzulegen. Dohmann, der sich gerade ein berufliches Standbein als Freier Journalist aufbaut, hat endlich einen schon länger gehegten Plan in die Tat umgesetzt und seine Homepage mit allerlei Hintergründigem zum Gehen versehen, eine richtige Geher-Fibel ist mittlerweile daraus geworden. Seiler hat, wenn er nicht gerade mit dem Bike durch den heimischen Schwarzwald geradelt oder gerannt ist, seinem Vater, einem Hobby-Imker, bei den Bienen geholfen. „Nicht zuletzt für den Kopf war diese Pause mal ganz gut“, findet Dohmann, der mittlerweile seit über fünf Jahren in der erweiterten Weltspitze mitmischt und schon bei den Spielen in Rio am Start war, rückblickend.

„Ganz gut, mal neue Reize zu setzen“

Ende Mai sind die beiden dann wieder ins Training eingestiegen. Einen Wettkampf haben sie bislang mangels Gelegenheit noch nicht absolviert, auch die für Oktober vorgesehenen deutschen Meisterschaften über 50 Kilometer in Gleina wurden abgesagt. An ihrer statt bereiten sich Dohmann und Seiler nun auf einen Wettkampf in Tschechien vor. Über 20 Kilometer wird der gehen, weniger als die Hälfte des Üblichen, entsprechend schneller als gewöhnlich geht es derzeit im Training zur Sache. „Für den Körper ist es ganz gut, wenn mal neue Reize gesetzt werden“, stellt Dohmann fest, verbunden mit der Hoffnung, dass er von diesem erhöhten Tempo später auch über 50 Kilometer profitieren kann, wann immer später auch sein wird.

Noch wissen sie beide nicht sicher, ob und wie die Saison weitergehen und schon gar nicht, wie es nächstes Jahr sein wird. „Es ist nach wie vor ein Trainieren ins Ungewisse“, sagt Dohmann – und nicht immer fällt das leicht. „Manchmal ist es schon schwer, sich zum Training zu überwinden“, gibt Seiler zu. Meist gelingt es ihnen, schließlich gilt es, topfit zu sein für den Fall der Fälle. Von Dezember an bis Mai nächsten Jahres können sich Dohmann und Seiler für Tokio qualifizieren. Die Chancen, dass sie bei den Spielen nächsten Sommer dabei sind, sehen aktuell nicht schlecht aus. Bei 3:50 Stunden liegt die zu erbringende Normzeit, das ist nicht ohne, erscheint aber machbar. Zudem ist kaum damit zu rechnen, dass weltweit 60 Geher diese Zeit unterbieten. Dann würde das Starterfeld bei Olympia gemäß der Weltrangliste aufgefüllt. Auf Platz 22 rangiert Dohmann auf dieser aktuell, Seiler wird auf Rang 39 geführt.

Aber was, wenn Corona ihnen wieder einen Strich durch die Rechnung macht und tatsächlich das passiert, woran die beiden heute noch gar nicht denken wollen? „Ich mache auf jeden Fall weiter. Ich will einmal bei Olympia dabei sein“, sagt Seiler. Auch Trainingspartner Dohmann denkt nichts ans Aufhören. „Mit 30 habe ich den Geher-Zenit noch nicht überschritten“, sagt er zum einen. Zum anderen hat er mit Olympia noch eine Rechnung offen: In Rio vor vier Jahren kam er nicht ins Ziel.

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Erstellt:
24. Juli 2020, 17:30 Uhr
Lesedauer:
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