Seiler will nach Tokio

Baden-Baden (ket) – Der Bühlertäler Geher Nathaniel Seiler hat an diesem Sonntag Großes vor: Bei der Team-EM in Podebrady will er sich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifizieren.

Will in Podebrady sein Olympia-Ticket lösen: Geher Nathaniel Seiler. Foto: Bernd Thissen/dpa

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Will in Podebrady sein Olympia-Ticket lösen: Geher Nathaniel Seiler. Foto: Bernd Thissen/dpa

Ein wenig kurios mutet die Konstellation ja schon an, auch Nathaniel Seiler kann das nicht in Abrede stellen. Zum einen muss der Geher vom TV Bühlertal darauf hoffen, dass sein Mannschaftskamerad Karl Junghannß am Sonntag möglichst schnell das Ziel im tschechischen Podebrady erreicht, schließlich kämpfen die beiden zusammen mit Carl Dohmann um den Team-Europameistertitel über 50 Kilometer Gehen. Andererseits ist es für Seiler von nicht minder großer Bedeutung, dass Junghannß dabei nicht schneller unterwegs oder gar im Ziel ist als er selbst. Der Mannschaftskamerad ist schließlich auch sein Konkurrent – und zwar im Kampf um die Teilnahme an den Olympischen Sommerspielen in Tokio.

Unter 3:50 Stunden muss gehen, wer an den olympischen Geher-Wettbewerben, die wie die Marathonläufe im kühleren Sapporo ausgetragen werden, teilnehmen will. Vier DLV-Athleten – Seiler, Dohmann, Junghannß und Jonathan Hilbert – haben diese Norm bereits unterboten, was eine ziemlich großartige Bilanz ist, aber auch einen nicht minder großen Haken hat: Der Deutsche Leichtathletik-Verband darf lediglich drei Olympia-Tickets über 50 Kilometer vergeben.

Für nur drei der vier ist also Platz im Tokio-Team. Zwei haben das Ticket bereits sicher. Der Potsdamer Hilbert hat bei den deutschen Meisterschaften in Frankfurt vor fünf Wochen mit 3:43:44 h eine Fabelzeit aufs Parkett gelegt, die morgen in Podebrady kaum zu unterbieten sein dürfte, weshalb Hilbert dort auch nicht teilnimmt. Carl Dohmann vom SCL Heel Baden-Baden wiederum war just in diesem Rennen in 3:48:54 h zwar lediglich Drittschnellster hinter Hilbert und Seiler (3:48:44 h); in Verbindung mit seinem siebten Platz bei der Wüsten-WM 2019 in Doha reichte das freilich dennoch zu seiner zweiten Olympia-Teilnahme nach Rio 2016.

Bleibt der Zweikampf zwischen Seiler und Junghannß. Für Letzteren steht aktuell eine Zeit von 3:49:45 h zu Buche, aufgestellt bereits letzten Oktober. Für Ersteren jene in Frankfurt erzielten 3:48:44 h, mit denen er seine bisherige persönliche Bestleistung gleich um über fünf Minuten verbessern konnte. Der Rest ergibt sich von selbst – und stellt sich aus Seilers Sicht so dar: Kommt er morgen vor Junghannß ins Ziel, ist auch Seiler in Tokio dabei, ganz egal welche Zeit am Ende steht. Hat Junghannß die Nase vorne, darf die Endzeit nicht schneller als jene 3:48:44 h von Seiler in Frankfurt sein, sonst ist Junghannß der lachende Dritte.

Nur nicht aus der Ruhe bringen lassen

Der Boden für einen Showdown ist also bereitet. Kirre machen lässt sich Seiler davon indes nicht. Er ist ohnehin einer, der eher in sich ruht. „Natürlich ist Karl an diesem Tag mein Konkurrent und ich muss darauf achten, möglichst vor ihm im Ziel zu sein“, sagt er in ruhigem Ton. Gleichsam gehe es darum, sein „eigenes Rennen zu machen“ und sich „nicht aus der Ruhe bringen“ zu lassen, selbst dann nicht, sollte Junghannß in Führung gehen oder ihn zwischenzeitlich gar überrunden.

Denkbar ist ein solches Szenario morgen durchaus. Gegangen wird in Podebrady schließlich auf einem Ein-Kilometer-Rundkurs, was bei den angestrebten Zeiten rund 4:35 Minuten pro Runde ergibt. Der Potsdamer Junghannß ist dafür bekannt, seine Rennen bisweilen all zu forsch anzugehen –– und am Ende dafür büßen zu müssen, egal ob mit einem Leistungseinbruch auf den letzten Kilometern oder der Disqualifikation, weil mit dem Schwinden der Kräfte meist auch der Gehstil unsauberer wird.

Seiler geht seine Rennen im Gegensatz dazu eher kontrolliert an, manchmal fast schon mit angezogener Handbremse. „Ich bin in der Lage, gegen Rennende noch zulegen zu können“, sagt er. Sein Raceplan für morgen: Die ersten 25 Kilometer in rund 1:55 h hinter sich zu bringen – und „dann einfach rausholen, was noch drin ist“.

Vor fünf Wochen in Frankfurt hat das prima geklappt, sonst hätte er seine bisherige persönliche Bestzeit kaum um über fünf Minuten unterbieten können. Dass der Parforceritt am Main ihm noch in den Knochen stecken oder gar zu viele Körner gekostet haben könnte, glaubt Seiler nicht. „In der Woche danach war ich zwar richtig platt, aber schon in der zweiten lief es dann wieder richtig gut“, berichtet der 25-Jährige.

Dohmann als Unterstützung

Wie überhaupt die Vorbereitung auf diese Olympia-Saison reibungslos und weitgehend optimal verlief – trotz Corona. Lediglich auf die gewohnten Höhentrainingslager mussten Seiler und sein Trainingspartner Carl Dohmann verzichten, stattdessen ging es für drei Mal drei Wochen in die Wärme Gran Canarias. „Was besseres hätten wir nicht finden können“, sagt Seiler im Rückblick.

Ob es gut genug war, wird er morgen Mittag wissen. Dass Seiler Trainingspartner Dohmann im Rennen als Unterstützung an seiner Seite hat, darf durchaus als moralischer Vorteil gewertet werden. Hinzu kommt, dass Konkurrent Junghannß zuletzt wegen einer Verletzung am Oberschenkelbeuger nicht uneingeschränkt trainieren konnte.

Der Rest ist, wie fast jedes Rennen über 50 Kilometer, eine kleine Reise ins Ungewisse, von der man nie mit Bestimmtheit sagen kann, wie sie endet. Fest steht nur: Um acht Uhr morgens wird das Rennen gestartet, irgendwann um kurz nach dreiviertel Zwölf wird die Entscheidung fallen.

Ihr Autor

Von BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
15. Mai 2021, 15:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 36sec

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