Seilers Ziel bleibt Tokio

Baden-Baden (ket) – Über die Entscheidung, die Olympischen Spielen in Tokio ins Jahr 2021 zu verschieben, war Nathaniel Seiler „ganz froh“. Die Olympia-Teilnahme bleibt für den Geher des TV Bühlertal dennoch das große Ziel.

Nathaniel Seiler, passiert bei der EM in Berlin im August 2018 die Gedächtniskirche. Foto: Thissen/dpa

© picture alliance/dpa

Nathaniel Seiler, passiert bei der EM in Berlin im August 2018 die Gedächtniskirche. Foto: Thissen/dpa

Manchmal kann das, was man sich am meisten wünscht, auch zur Belastung werden, zur Qual fast schon, Nathaniel Seiler hat das in den zurückliegenden Tagen und Wochen erlebt. Natürlich wäre er im Sommer gerne nach Tokio geflogen. Selbstredend hätte er dort gerne an den Olympischen Spielen teilgenommen, sie sind schließlich das Größte, was ein Sportler erreichen kann. Als diesen Dienstag dann aber beschlossen wurde, Olympia könne wegen des Virus nicht stattfinden, zumindest nicht in diesem Jahr, da war Nathaniel Seiler über die beschlossene Verschiebung vor allem eines: „Ganz froh!“

„Das Risiko wäre viel zu groß gewesen“, sagt der 23-Jährige. „Das wären keine schönen Spiele geworden“, ist er sich sicher. Und ein fairer Wettkampf, so glaubt er, wäre es auch nicht geworden, wenn ein Teil der Sportler im Vorfeld der Spiele nur wenig hätte trainieren können, ein anderer Teil so gut wie gar nicht und nur ein paar wenige wie gewohnt. „Das hätte irgendwie einen faden Beigeschmack gehabt“, stellt Seiler fest.

„Ich bin richtig gut in Form“


Der bleibt ihm und seinen gehenden Kollegen nun erspart. Auch dass er die ganze Saison- und Trainingsplanung auf Tokio ausgerichtet hatte, kann der junge Mann vom TV Bühlertal vor diesem Hintergrund verschmerzen. Zwei Trainingslager hat Seiler in diesem Jahr bereits absolviert, zuletzt war er drei Wochen in Südafrika, um sich dort in der Höhe den letzten Schliff für den Saisoneinstand zu holen. In der Slowakei sollte er sich die Qualifikation für die Spiele sichern, die Norm von 3:50 Stunden hätte er dafür unterbieten müssen.

Das ist eine ambitionierte Zeit. Es ist aber auch eine Marke, die Seiler sich durchaus zutraut. Dass seine Persönliche Bestzeit immer noch bei 3:54:08 Stunden steht, aufgestellt bei der Heim-EM 2018 in Berlin, kann er sich schließlich plausibel erklären. Im Vorjahr war schon seine Saisonvorbereitung immer wieder durch Verletzungen und kleinere Krankheiten gestört. Dass er im Mai 2019 dennoch eine Zeit von 3:57:49 Stunden abliefern und sich damit für die WM in Doha qualifizieren konnte, war unter diesen Umständen allein schon aller Ehren wert. Bei den Titelkämpfen in der Wüste wiederum wurde dann auch Seiler wie viele andere Geher ein Opfer des Hitzewahnsinns. Kurz vor dem Ziel mussten die Mannschaftsärzte den Baden-Badener aus dem Rennen nehmen, um ihn vor dem Kollaps zu bewahren.

Es war also schlichtweg der Wurm drin im zurückliegenden Jahr. Um so besser lief es bislang für den deutschen Meister von 2017 sowie EM-Achten 2018 in der Vorbereitung auf diese Saison. „Ich war kein einziges Mal krank. Ich konnte ohne Probleme durchtrainieren. Ich bin richtig gut in Form“, sagt Seiler. Auch deshalb hätte er sich die 3:50 Stunden für die Qualifikation allemal zugetraut. Mit 23 ist er für einen Geher, zumal auf der langen Strecke, schließlich noch verdammt jung, auch größere Leistungssprünge sind da immer mal möglich.

Seiler ist sich dessen bewusst – und er weiß, dass die Verschiebung der Spiele unter diesen Gesichtspunkten kein Nachteil für ihn sein muss und auch all die Trainingsschinderei in diesem Frühjahr nicht gänzlich umsonst war, auch wenn jetzt erstmal keine Wettkämpfe stattfinden. „Mein Niveau habe ich dadurch ja trotzdem angehoben“, sagt er, um anzufügen: „Ich habe mir dadurch eine bessere Ausgangslage erarbeitet.“ Zu was das im besten Fall führen kann? „Ich gehe davon aus, dass ich im nächsten Jahr noch stärker bin.“

Bereit halten für den Tag X


Wie gesagt: Seiler ist noch jung für einen Geher – und die 50 Kilometer sind nicht zuletzt eine Sache der Erfahrung und des Dazulernens. An Lehrmeistern fehlt es dem 23-Jährigen nicht. Zum einen ist da Robert Ihly, sein Trainer, der einst selbst Geher von Weltklasse war. Zum anderen Carl Dohmann, sein Freiburger Trainingspartner, im letzten Jahr WM-Siebter bei der Wüsten-WM. „Beide können mir sagen, welche Fehler ich auf jeden Fall nicht machen sollte“, sagt Seiler, nicht zuletzt weil sie sie selbst gemacht haben.

Dabei liefert ihm gerade der sechs Jahre ältere Dohmann fast täglich Anschauungsunterricht und Zusatzmotivation, die meisten Trainingseinheiten am Olympiastützpunkt Freiburg absolvieren die beiden schließlich gemeinsam. „Ich versuche besser zu werden als er – und er versucht, dass ich ihn nicht einhole“, erzählt Seiler grinsend vom Verhältnis der beiden. „Vorbild, Freund und Konkurrent“, nennt er Dohmann, der wie er selbst die ersten Geher-Schritte bei Trainerin Ulrike Sander gemacht hat. Dass der Kollege bisweilen mehr im Licht der Öffentlichkeit steht, stört Seiler keineswegs. „Das hat er sich durch seine Leistungen ja auch verdient“, sagt der Junge über den Alten.

Wie es – rein sportlich – weitergeht in Zeiten der Krise, wissen beide nicht. „In den nächsten Wochen wird wohl nicht viel passieren“, glaubt Seiler. Entsprechend gehe es auch bei den Gehern darum, sich im Training die Grundform zu bewahren, um am Tag X bereit zu sein für mehr. Für Nathaniel Seiler heißt das nicht zuletzt: Um sich doch noch den Traum von Olympia erfüllen zu können.

Zum Artikel

Erstellt:
26. März 2020, 22:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 37sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.