Wohin mit Schrottautos, die niemandem gehören?

Karlsruhe (BNN) – Immer wieder fallen entsorgte Fahrzeuge am Straßenrand auf. In der Region gibt es kuriose Beispiele, mit denen sich Ordnungsämter schwertun: Von einem Katz-und-Maus-Spiel in Weingarten bis zu einer „Disco“ in Karlsruhe.

Unschöner Straßenrand: Schrottfahrzeuge zieren seit Jahre die Höhefeldstraße in Weingarten. Die Gewerbetreibenden vor Ort wollen sich an dieses Bild nicht gewöhnen. Foto: Sebastian Raviol/BNN

Unschöner Straßenrand: Schrottfahrzeuge zieren seit Jahre die Höhefeldstraße in Weingarten. Die Gewerbetreibenden vor Ort wollen sich an dieses Bild nicht gewöhnen. Foto: Sebastian Raviol/BNN

Seit drei Jahren fotografiert Kai Geggus diese Fahrzeuge. Aussortierte Autos, Wohnwagen mit platten Reifen, Transporter mit eingeworfenen Fensterscheiben. Sie stehen an der Höhefeldstraße in Weingarten, die zu Geggus Wohnhaus und Firmengelände führt. Dass abgestellte Schrottfahrzeuge zum gewohnten Bild der Straße gehören, ärgert ihn. Geschäftspartner seien manchmal ganz überrascht, dass am Ende der Straße überhaupt noch schöne Firmengelände zu sehen, sagt er. Auf Facebook hat er Fotos von der Straße und seinen Unmut geteilt. In einigen Kommentaren erhält Geggus Zustimmung. Dabei wird aber auch klar, warum das Problem mit Schrottfahrzeugen in Weingarten und so vielen Orten in der Region so leicht nicht zu lösen ist. Einfach abschleppen lassen – das geht nicht. Ein Überblick über die rechtliche Situation und kuriose Beispiele aus der Region.

Einfach abschleppen? So leicht ist es nicht

Schrott am Straßenrand – einfach abschleppen? Leichter gesagt als getan. Wenn die gemeindliche oder städtische Ordnungsbehörde ein abgemeldetes Fahrzeug am Straßenrand ausgemacht hat, wird erst einmal der Halter ermittelt. Bei vielen Schrottfahrzeugen fehlt bereits das Kennzeichen, doch auch die Umweltplakette oder die Fahrzeugidentifikationsnummer im Inneren des Fahrzeugs lassen auf den Halter schließen.

Gelingt die Ermittlung des Halters nicht, stecken Gemeinde oder Stadt in einem Dilemma. Nicht immer entscheidet man sich dafür, das Fahrzeug auf eigene Kosten abzuschleppen oder zu entsorgen.

Dazu hat aber auch der Halter des Fahrzeugs alle Chancen. Ein Aufkleber macht deutlich, bis wann das Fahrzeug von Ort und Stelle zu entfernen ist. Die Gemeinden und Städte setzen zudem Bußgelder an. In Weingarten liegt dieses bei 50 Euro, in Karlsruhe bei 200 Euro.

Weingarten: Katz-und-Maus-Spiel

„Wir sehen darin einen klaren Nachteil für unseren Standort“, sagt Kai Geggus zur Sitution an der Höhefeldstraße in Weingarten. Geschäftspartner fahren auf dem Weg zu ihm oder den beiden anderen Firmen vor Ort erst einmal an Schrottautos vorbei. Seit 2007 ist das so, sagt er, seit ein viertes Firmengelände von Handwerkern genutzt wird. Ungenutzte Werkstattautos landeten dann eben auf der Straße, bis das Ordnungsamt einschreitet.

Aktuelles Exemplar: ein weißer Transporter. Die Reifen ohne Luft, im Laderaum stapeln sich die Autoreifen bis unters Dach, auf den Fahrersitzen liegen Ersatzteile. Ein orangener Aufkleber: „Dieses Fahrzeug steht unberechtigt auf öffentlicher Verkehrsfläche. Eine Anzeige ist bereits erfolgt.“ Bis zum 9. Mai müsse es entfernt sein. Bis dahin, glaubt Geggus, wird es wieder einmal verschwunden sein. „Sie wissen genau, wie lange sie die Fahrzeuge stehen lassen können“, sagt er.

Bürgermeister, Gemeinderat, Ordnungsamt – er habe schon viele Menschen informiert. Einen Vorwurf könne er aber nicht machen. „Jeder weiß, dass es eine schwierige Situation ist – aber keiner kann wirklich helfen.“ Die Halter seien oftmals nicht zu ermitteln, und einfach so könne man die Fahrzeuge nicht abschleppen.

Blickfang an der Kreuzung: Der frühere Auflieger eines Discounters ist in Karlsruhe auffällig vor einer Schlagzeugschule positioniert. Foto: Matthias Kuld/BNN

Blickfang an der Kreuzung: Der frühere Auflieger eines Discounters ist in Karlsruhe auffällig vor einer Schlagzeugschule positioniert. Foto: Matthias Kuld/BNN

Nicht immer handelt es sich bei abgemeldeten Fahrzeugen im öffentlichen Raum um Schrottfahrzeuge, betont Patrick Nagel vom Ordnungsamt. Das Bußgeld wegen unerlaubter Sondernutzung beträgt demnach 50 Euro. „Dann wird ein roter Punkt mit der Aufforderung zum Entfernen des Fahrzeugs angebracht“, erklärt Nagel. Der Halter hat dann einen Monat lang Zeit, sein Fahrzeug zu entfernen. „Anschließend beseitigt die Gemeinde die Fahrzeuge auf eigene Rechnung.“ Doch ganz offenbar gewinnen manche Halter dieses Katz-und-Maus-Spiel, indem sie ihr Fahrzeug immer wieder kurz vor Fristende entfernen.

Karlsruhe: „Disco“ am Straßenrand

In der Karlsruher Nordstadt gibt es eine besonders auffällige Kreuzung. Wo sich die Erzbergerstraße und die Alfons-Fischer-Allee treffen, steht direkt am Straßenrand ein offenbar ausrangierter Lastwagen-Auflieger. Früher hat dieser Lebensmittel für einen Discounter transportiert. Jetzt trägt er den Schriftzug „Disco“ und nimmt so manchem Autofahrer die freie Sicht auf die Kreuzung.

Der Auflieger steht auf dem Gelände einer Schlagzeugschule, ebenso wie ein verlassenes Kiosk und ein schwarzer ausrangiertes Auto. Der Inhaber der Schlagzeugschule ist vor Ort und am Telefon nicht zu erreichen. In der Nachbarschaft ist der markante Auflieger an der Kreuzung durchaus ein Thema. „Mich stört das blöde Ding“, sagt eine Anwohnerin. Niemand wisse, was es damit auf sich hat. Seit über einem Jahr schon soll der Auflieger an Ort und Stelle stehen.

Der Fall wurde bereits vom Ordnungsamt geprüft, erklärt Mathias Tröndle. Wie der Sprecher der Stadt Karlsruhe mitteilt, handelt es sich nicht um eine unerlaubte Sondernutzung, da der Auflieger nicht auf einer öffentlichen Fläche steht.

Das Thema der Schrottfahrzeuge ist man aber gewohnt. In den vergangenen Jahren gab es über 500 Fälle pro Jahr, 2021 waren es 484. Bei vielen Fahrzeugen sind Kennzeichen und Umweltplakette nicht mehr vorhanden, teilt Tröndle mit, die Fahrzeugidentifikationsnummer allerdings schon. „Wenn in seltenen Fällen kein abschließender Halter ermittelt werden kann, muss die Stadt Karlsruhe die Kosten tragen.“

Mingolsheim: Lastwagen im Wohngebiet

Walter Schröpfer ist froh, dass er endlich seine Ruhe hat. „Der Fall war dann erledigt“, sagt er. Über zwei Jahre lang stand in Mingolsheim ein Lastwagen vor seinem Haus auf dem Gehweg. „Kein Licht, keine Luft“, fasst Schröpfer zusammen. Unter dem Fahrzeug sammelte sich schon Dreck. Der Lastwagen gehörte einer Kanalreinigungsfirma, die offenbar pleite gegangen war. Und für das tonnenschwere Überbleibsel interessierte sich der Inhaber offenbar nicht mehr.

Nachdem unsere Zeitung im Oktober über den kuriosen Fall und Schröpfers Ärger berichtete, meldeten sich sogar Fernseh- und Radiosender bei ihm. Auch das Ordnungsamt zeigte sich alarmiert und ermittelte den Eigentümer des Lastwagens. Er kam der Forderung der Gemeinde Bad Schönborn schließlich nach, das Fahrzeug fristgerecht zu entfernen.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Sebastian Raviol

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Erstellt:
4. Mai 2022, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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