Selbstversuch auf Baden-Badener Schutzstreifen

Baden-Baden (nof) – Seit kurzem verbindet Sandweier und Oos ein so genannter Schutzstreifen auf der Landesstraße 67. Doch wie geschützt fühlt sich ein Fahrradfahrer auf der Tempo-70-Strecke?

Der Autofahrer überholt BT-Redakteur Nico Fricke mit großem Abstand. Die neu markierten Schutzstreifen sind den Fahrradfahrern vorbehalten.  Foto: Sarah Gallenberger

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Der Autofahrer überholt BT-Redakteur Nico Fricke mit großem Abstand. Die neu markierten Schutzstreifen sind den Fahrradfahrern vorbehalten. Foto: Sarah Gallenberger

BT-Redakteur Nico Fricke hat sich aufs Rad geschwungen und ist die Teststrecke abgefahren. Mitte Mai hatte das städtische Fachgebiet Tiefbau und Baubetrieb auf dem Straßenabschnitt die Schutzstreifen für Radfahrer aufgebracht. Ihnen wird beidseitig ein Raum zur Verfügung gestellt, in dem sie möglichst unbeeinträchtigt von Autos und Lastwagen rollen sollen. Doch geht die Überlegung auf? In meiner Wahrnehmung beim ersten Ausprobieren: ja. Ich habe das Gefühl, auf einem eigenen Fahrradweg unterwegs zu sein. Wenngleich die Trennung zu den restlichen Verkehrsteilnehmern auf der Straße natürlich nur optischer Natur ist. Weiße Markierungsstreifen grenzen die Radlerzone vom Bereich für den motorisierten Verkehr ab. Hinzu kommen Hinweisschilder eingangs der Versuchsstrecke, die auf den Testcharakter für das Modellprojekt „Schutzstreifen außerorts“ hinweisen.

Testphase bis Ende des Jahres

„Solche Schutzstreifen außerorts waren bislang nicht zulässig“, erklärt mir Rolf Basse von der Stabsstelle Zentrale Entwicklungsplanung/Mobilität im Rathaus. Doch nun sollen ihre Funktion und Wirkung landesweit bei Modellprojekten der AGFK-BW (Arbeitsgemeinschaft Fahrrad- und Fußgängerfreundlicher Kommunen in Baden-Württemberg) und des Verkehrsministeriums erprobt werden: „Und jetzt ist auch Baden-Baden am Versuch beteiligt“, freut sich Basse.

Bis Ende des Jahres sollen Erfahrungen mit den neuen Schutzstreifen gesammelt und dann ausgewertet werden, erläutert Basse das geplante Monitoring. Doch welche Kriterien spielen da rein? Die Zahl der Unfälle? „Wir gehen prinzipiell zunächst mal davon aus, dass diese Schutzstreifen ihre schützende Wirkung entfalten. Sonst hätten wir von den Straßenverkehrsbehörden keine Zulassung bekommen“, sagt Basse. Auch die Polizei sei im Rahmen einer Verkehrsschau in die Planung miteinbezogen gewesen. „Natürlich halten wir in den kommenden Monaten Rücksprache mit der Polizei, ob es zu einer Unfallhäufung kommt oder die Strecke sonst wie auffällig ist.“ Auch eine Verkehrszählung über mehrere Wochen, um herauszufinden, wie die Strecke von Radlern angenommen wird, sei denkbar. „Entsprechende Zählgeräte stehen uns zur Verfügung.“ Zudem werde auch die Rückmeldung von den Bürgern mit Spannung erwartet. Basse geht davon aus, dass die Genehmigung für die „Schutzstreifen außerorts“ auch nach Ablauf der Projektzeit verlängert wird. „Das wird aber auch mit den Ergebnissen der anderen Projektteilnehmer im Land zusammenhängen“, vermutet er.

Schilder machen auf die Teststrecke aufmerksam.  Foto: Stadtverwaltung

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Schilder machen auf die Teststrecke aufmerksam. Foto: Stadtverwaltung

Bei meinem Selbstversuch fahre ich an diesem Donnerstagmittag ein paar Mal zwischen Sandweier und Oos hin und her. Viel Verkehr ist nicht um diese Uhrzeit, doch wenn die Autos kommen, dann meist in Kolonnen – bedingt durch die beiden Ampeln auf der Strecke, die den Verkehr kurz aufhalten. Eine Frage beschäftigt mich beim Radeln besonders: Wie nah kommen mir die Autos beim Vorbeifahren? Ich werde positiv überrascht: Sie halten relativ großen Abstand zu mir und meiner markierten Schutzzone. Auf der Rheinstraße erlebe ich das anders. Und wie gut sieht man mich? Ich denke, gut. Der Straßenverlauf ist weithin einsehbar. Um das zu testen, müsste ich natürlich die Perspektive wechseln und ins Auto steigen.

Und wie reagieren die Autofahrer auf den Schutzstreifen? Ein bisschen erwecken sie in meiner Beobachtung den Eindruck, nicht genau zu wissen, wie sie die Schutzstreifen zu händeln haben – vor allem, wenn kein Radfahrer unterwegs ist. Darauf fahren, oder nicht? Dirk Nesselhauf von der Abteilung Tiefbau hat hierzu eine Antwort: Auf der Teststrecke wurde auch die Mittelleitlinie entfernt. Dies sei der Hinweis an die Autofahrer, dass sie beim Überholen von Radfahrern die gesamte Fahrbahnbreite nutzen können, solange kein Gegenverkehr kommt. Außerdem dürfe der Schutzstreifen vom motorisierten Verkehr nur im Bedarfsfall überfahren werden – etwa bei Begegnungsverkehr mit einem großen Fahrzeug. Er appelliert an die gegenseitige Rücksichtnahme aller Verkehrsteilnehmer und bittet, „die geltenden Verkehrsregeln einzuhalten und insbesondere auf angepasste Geschwindigkeit bei Überholvorgängen von Radfahrern und auf den außerorts verpflichtenden Überholabstand von zwei Metern zu achten“.

Landstraße interessant für Pedelecs

Nesselhauf erläutert auch den Hintergrund für den Testlauf: In den vergangenen Jahren „haben sich Pedelecs und E-Bikes, mit denen man komfortabel auch weite Strecken zurücklegen kann, als feste Größe im Straßenverkehr etabliert.“ Dadurch seien auch Landstraßen zunehmend interessant für den Radverkehr geworden. Er lädt Radfahrer nun dazu ein, die Modellstrecke auszuprobieren, „und vielleicht gelingt es uns, mehr Menschen aufs Rad zu bringen“, wünscht sich Nesselhauf.

Ganz abgeschlossen ist der Aufbau der Teststrecke noch nicht: Anfang Juni sollen Übergänge für die Radfahrer vom Schutzstreifen auf den straßenbegleitenden Weg, der parallel zur Kuppenheimer Straße verläuft, hergestellt werden, informiert die Stadtverwaltung.

Mein Fazit: Als Gelegenheitsradler bin ich ein Freund von räumlich klar abgetrennten Radwegen abseits der Straßen. Unsicher fühlte ich mich zwischen den Schutzstreifen aber nicht. Ich kam schnell von A nach B. Und wo Radfahrer bislang völlig ohne zusätzlichen Schutz unterwegs waren, gibt es nun zumindest eine optische Abtrennung. In meinen Augen ein Pluspunkt. Doch würde ich als Vater Jugendlichen erlauben, dort allein zu radeln? Nein. Ich denke, das ist was für Geübte.

Lesermeinung ist gefragt

Uns interessiert die Meinung der Leser: Wie sind Ihre Erfahrungen als Fahrrad- oder Autofahrer mit den Schutzstreifen? Schreiben Sie uns doch bitte unter dem Stichwort Schutzstreifen eine Mail an:

redbad@badisches-tagblatt.de

Ihr Autor

BT-Redakteur Nico Fricke

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Erstellt:
30. Mai 2021, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

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