Senioren nicht „digital abhängen“

Rastatt/Baden-Baden (for) – Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) sieht beim Thema Digitalisierung in Altenheimen noch viel Nachholbedarf.

Immer mehr Menschen im Alter von 70 bis 79 Jahren nutzen regelmäßig das Internet. Quelle: Initiative D21/Infografik: Jasmin Vogt

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Immer mehr Menschen im Alter von 70 bis 79 Jahren nutzen regelmäßig das Internet. Quelle: Initiative D21/Infografik: Jasmin Vogt

Digitale Kontakte können persönliche Begegnungen nicht ersetzen, allerdings sind die digitalen Medien eine wichtige Ergänzung, um einen regelmäßigen Kontakt mit Menschen zu pflegen, die man aus unterschiedlichen Gründen nicht täglich persönlich treffen kann. Das hat die Corona-Krise mehr denn je gezeigt. Voraussetzung dafür ist jedoch, dass die nötige technische Ausstattung vorhanden ist – in Seniorenheimen ist das nicht immer der Fall.

Heime mit WLAN-Anschluss sind Minderheit

Der Senior, der vor einigen Jahren noch aktiv im Kirchenchor mitgewirkt hat, möchte sich gerne die Live-Übertragung eines Gottesdienstes ansehen. Die Heimbewohnerin, die im Zimmer gegenüber lebt, wünscht sich nichts sehnlicher, als ihrem Enkel zum Geburtstag zu gratulieren. Glücklicherweise gibt es eine Pflegerin, die ihr erklärt, wie man per Whatsapp Nachrichten und Bilder versendet und wie man mit dem Smartphone per Videoanruf kommunizieren kann.

Situationen wie diese laufen in Pflegeheimen immer mal wieder ab – auch in verschiedenen Einrichtungen in Mittelbaden. Allerdings funktioniert die Nutzung der digitalen Medien nur, wenn die technischen Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Und genau da gibt es laut der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO) noch Nachholbedarf. Laut der BAGSO gehören Alten- und Pflegeheime mit WLAN-Anschluss zu einer Minderheit in Deutschland: Noch 2019 hatten schätzungsweise nur ein Drittel der Häuser Internet.

„Vom Ziel noch weit entfernt“

Die BAGSO fordert deshalb schon seit einigen Jahren, dass ältere Menschen in Senioreneinrichtungen Zugang zur digitalen Infrastruktur erhalten müssen. „Aus der Krise lernen heißt, dass die digitale Grundversorgung endlich auch in Alten- und Pflegeheimen sichergestellt werden muss“, heißt es in einem Schreiben der BAGSO vom Juni 2020. Zwar habe sich mittlerweile schon viel getan, „von unserem Ziel, alle Heime mit WLAN auszustatten, sind wir aber noch weit entfernt“, teilt die BAGSO auf BT-Nachfrage mit. Gleichzeitig sind sich die Verbände einig, dass die Bedeutung von WLAN und Internet in den Senioreneinrichtungen immer mehr ansteigt, weil die ersten internetaffinen Senioren ins Pflegealter kommen. So zählen laut einer Statistik aus dem D21-Digitalindex 2020/2021 bereits 60 Prozent der 70 bis 79 Jahre alten Menschen zu Onlinern. Das heißt, sie benutzen zumindest gelegentlich das Internet. Bei den 80- bis 89-Jährigen sind es 34 Prozent und bei den 90 bis 99-Jährigen 25 Prozent.

Digitalisierung schreitet nur langsam voran

Georg Eichner, Geschäftsführer des Vincentiushauses in Baden-Baden, geht zwar auch davon aus, dass die Digitalisierung im Pflegeheim weiter voranschreiten wird, „aber langsam“, fügt er hinzu. In dem 2014 neu errichteten Pflegeheim sei jedes Zimmer mit LAN-Verbindung ausgestattet. „Im Laufe der Jahre haben bisher vielleicht zehn Bewohner diese Verbindung für ihren Laptop genutzt“, sagt er. Um WLAN nutzen zu können, müsse durch einen Zusatzstecker LAN in WLAN umgewandelt werden. Davon hätten bisher drei Bewohner Gebrauch gemacht.

Marion Gärtner, Leiterin des Pflegeheims Schafberg in Baden-Baden, einer Einrichtung des Klinikum Mittelbadens (KMB), beobachtet ein ähnliches Nutzungsverhalten. Das Pflegeheim Schafberg sei seit 2016 mit WLAN ausgestattet. Rund acht Prozent der Senioren würden per Laptop, Computer oder Smartphone kommunizieren. „Sehr viel öfter wird das WLAN-Netz genutzt, um per Video-Telefonie mit Angehörigen und Freunden in Kontakt zu bleiben – insbesondere während der Corona-Pandemie“, berichtet Gärtner. Im Vincentiushaus ist das ähnlich. So sei das Telefonieren per Skype während des Besuchsverbots im vergangenen Jahr angestiegen. „Dazu hat aber unser Haus den Laptop zur Verfügung gestellt und die Verbindung zu den Angehörigen hergestellt. Ganz selbstständig hat bisher lediglich ein Bewohner das WLAN zum Skypen benutzt“, merkt Eichner an. Ein eigenes Smartphone hätten lediglich fünf oder sechs Bewohner.

Mehr Unterstützung im Umgang mit digitalen Medien

In den Pflegeheimen des KMB seien bereits zu Beginn der Pandemie für alle Einrichtungen Tablets angeschafft worden, sodass die Bewohner mit Unterstützung der Pflegekräfte skypen können, so Gärtner. „Dieses Angebot wurde rege in Anspruch genommen“, sagt sie. Ob die Digitalisierung in Zukunft tatsächlich noch an Bedeutung dazugewinnen wird, kann sie aber nicht definitiv beurteilen. „Einige Menschen im Pflegeheim nutzen die digitalen Medien uneingeschränkt.“ Jedoch gebe es auch Menschen, die sich nicht oder nur wenig mit technischen Dingen befassen wollten oder könnten.

Die BAGSO ist der Meinung, dass es gerade für die Senioren, die besonders internetaffin sind, „nicht akzeptabel“ sei, wenn sie mit einem Umzug in ein Alten- oder Pflegeheim ohne WLAN „digital abgehängt werden“. Und auch Senioren, die nur wenig Erfahrung mit der neuen Technik hätten, müssten mehr Unterstützung erhalten. Deshalb fordert die BAGSO erfahrene Helfer, die die Pflegeheim-Mitarbeiter beim Umgang der Bewohner mit digitalen Medien entlasten.


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