Sich schnell hochgeboxt

Haueneberstein (mi) – Wie der Vater und der Sohn so die Tochter: Auch die 15-jährige Celine Broccolo hat sich für die Sportart Boxen entschieden und nimmt bereits an der Junioren-EM teil.

Von 20 Kämpfen hat Celine Broccolo (links) bereits zwölf gewonnen. Foto: Privat

Von 20 Kämpfen hat Celine Broccolo (links) bereits zwölf gewonnen. Foto: Privat

Die erste Auslandsreise in ihrer Sportart ist eine Bestätigung und Belohnung zugleich für ihre harte Arbeit in jungen Jahren. Die 15-jährige Celine Broccolo hat schon den Koffer gepackt, wenn Mitte dieser Woche die Reise nach Georgien ansteht, wo in Tiflis die Junioren-Europameisterschaft stattfindet. Mit ihr im Boxring in der Klasse bis 57 Kilogramm. Georgien soll die erste Etappe einer möglichst langen sportlichen Reise sein, in der sie die Olympischen Spiele in ferner Zukunft als „großes Ziel“ angibt.
Für ihr Alter ist sie schon sehr fokussiert. Dass aus Träumen keine Schäume werden, ist ihr tägliches Leben vom Lieblingssport bestimmt. Wenn die Freundinnen der Realschülerin noch in den Federn liegen, hat sie um 6 Uhr bereits die Laufschuhe an und joggt 40 Minuten. Nach der Schule und dem Essen steht am Mittag meist Gymnastik auf dem Programm. Und wenn andere in ihrem Alter die Eisdiele aufsuchen, schwitzt sie ab 18 Uhr 90 Minuten lang beim Sparring, Kraft-, Taktik- oder Techniktraining. Harte Maloche statt süßer Versuchungen.

„Das Boxen lenkt vom täglichen Lebensalltag ab. Ich habe dadurch jeden Tag einen strukturierten Plan. Wenn ich früh morgens joggen gehe, dann bin ich danach auch konzentrierter in der Schule“, sagt die Jungkämpferin pragmatisch.

„Wir müssen sie nicht motivieren“, meint Vater Raffaelo, „ich wollte eigentlich nur, dass sie sich mit dem Box-Training wehren kann, falls sie mal Probleme hätte“. Wobei es aber schlicht die Gene der Box-Familie aus Haueneberstein sind, die Celine zum harten Kampfsport und nicht etwa für die für Frauen eher prädestinierte Sportart Judo geführt hat. Ihr Vater ist nämlich lizenzierter Box-Trainer, und ihr 18-jähriger Bruder Luca war schon mehrfach baden-württembergischer Meister. „Sie war mit mir und Luca schon überall in Deutschland unterwegs“, erinnert sich Raffaelo Broccolo an viele Touren. Der spezielle Stallgeruch in den Box-Arenen hat Celine gefangen genommen wie das Benzin in der Luft die Motorsportfreaks.

Führhand ein „Zermürber“

Logisch, dass keiner ihre Stärken und Schwächen besser kennt als der stolze Pops. „Für eine 15-Jährige hat sie harte Hände. Ihre linke Führhand ist ein Zermürber.“ Mit der linken „Klebe“ hat sie sich deutschlandweit seit ihrem Einstieg vor fünf Jahren bis in den Nationalkader hochgeboxt. Nach der Vizemeisterschaft im „Ländle“ gewann sie vor dem Corona-Ausbruch Bronze bei der deutschen Meisterschaft. Bei einem Vergleichswettkampf gegen Irland – ihren Kampf gewann sie – verspürte sie erstmals internationales Flair, bei den Ruhrspielen in Bochum wurde sie Zweite inmitten der Konkurrenz aus Ungarn und Tschechien. Von ihren bislang 20 Kämpfen hat sie zwölf gewonnen.

In ihrem Alter dauert die Kampfzeit für die drei Runden je zwei Minuten. „Der Kopf muss mitwachsen“, weiß ihr Vater, dass die Erfahrung und Routine neben Talent, Ehrgeiz, Disziplin eine ebenso wichtige Rolle spielen. Er ist nicht der Einzige, der Celine täglich stärker macht. Die Jung-Amazone trainiert vier Mal pro Woche beim Heimatverein BRK 46 Knielingen, der mehr als 300 Mitglieder zählt. Gecoacht wird sie dort vom früheren türkischen Meister Fikret Yöreci, der auch schon sein Nationalteam betreute. „Ich bin sehr zufrieden mit ihm. Wir verstehen uns auch privat gut“, sagt die talentierte Kämpferin, für die der Ring die Welt bedeutet.

Nur bei totaler Fitness im Ring

Da Boxen aber trotz Kopfschutz für jeden, der ins Seilgeviert steigt, auch ein Risiko darstellt, steht die Fürsorgepflicht für ihren Vater an erster Stelle: „Wir haben eine Vereinbarung: Wenn Celine nicht hundert Prozent fit ist, steigt sie auch nicht in den Ring.“

Wie für alle ehrgeizigen Sportler war das coronabedingte „Leerjahr“ 2020 eine einzige Tortur für sie. „Da ging komplett gar nichts. Von der Motivation her war das schwierig, da der geregelte Tagesablauf völlig fehlte.“ Nun hat sie ihren dicht getakteten Zeitplan, ihre Vereinskollegen, ihre Trainer wieder um sich und damit konkrete Ziele. Nach der EM soll im Oktober bei der nächsten DM der erste Titel her. „Im Vorjahr war ich ja schon Ranglistenerste.“

Die bekannteste deutsche Boxerin heißt bis heute Regina Halmich und kommt aus der Region. Als Vorbild kommt die Karlsruher Blondine aber eher nicht infrage: „Ich habe mir zwar ein paar Kämpfe von ihr auf Video angeschaut, aber ich war ja zu ihrer besten Zeit noch gar nicht geboren. Ich habe mich eher an Luca und meinem Vater orientiert.“ Da ist sie wieder, die Familienehre. Raffaelo, Luca, Celine Broccolo: Sechs Fäuste für ein Halleluja.

Neben all den schönen Reisen, den vielen neuen Eindrücken bringt das Boxen natürlich noch einen speziellen Vorteil mit sich: In der Realschule in Kuppenheim, für deren Unterstützung sie „sehr dankbar ist, da ich Arbeiten bei Reisen nachreichen kann“, wird auch kein älterer, frecher Dreikäsehoch auf die Idee gekommen, die 15-Jährige dumm anzumachen. Er würde dies auf dem Schulhof schmerzhaft bereuen.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
29. Juni 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 29sec

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