Sicht- und unsichtbare Baustellen in Niederbühl

Rastatt (dm) – 50 Jahre nach der Eingemeindung zu Rastatt: Im Meerrettichdorf Niederbühl ist laut Ortsvorsteher Klaus Föry aktuell einiges im Fluss. Teil drei der BT-Serie.

Entwicklungspotenzial für Wohnungen und Café: Das Areal um altes Rathaus, Gasthaus und ehemaliges Feuerwehrareal soll komplett neu überplant werden. Foto: Frank Vetter

© fuv

Entwicklungspotenzial für Wohnungen und Café: Das Areal um altes Rathaus, Gasthaus und ehemaliges Feuerwehrareal soll komplett neu überplant werden. Foto: Frank Vetter

Steht Niederbühl still? Vier Jahre, nachdem die Dorfentwicklungspläne verabschiedet wurden, ist nicht nur die scheinbar endlose Bahnbaustelle immer noch da – zum Leidwesen der Anwohner. Auch die wichtigsten Punkte auf der dortigen Vorhabenliste stehen noch unverändert auf dem Plan. Ortsvorsteher Klaus Föry relativiert: „Es ist vieles angestoßen worden, wir können nicht klagen.“ Will heißen: Es gibt so manch Baustelle, die nur noch nicht sichtbar ist.
Manches dauert eben, und das hängt nicht immer mit der Zugehörigkeit zur Stadt Rastatt zusammen. 50 Jahre Eingemeindung – das wird mancherorts kontrovers gesehen. Auch im Meerrettichdorf, das im Mai 1972 Rastatter Stadtteil wurde, sei lange Zeit Stillstand beklagt worden, so Föry. Vieles könnte ein Ort wie Niederbühl im 21. Jahrhundert indes nicht mehr alleine stemmen, sieht er durchaus auch Vorteile. Und dreht den Spieß mal um: Was würde Rastatt ohne Niederbühl tun?, fragt er mit Blick auf die Entwicklung im Gewerbegebiet Rotacker, das auf Niederbühler Gemarkung steht.

„Beide Seiten haben von der Eingemeindung profitiert“, findet er. Für Niederbühl nennt der Ortsvorsteher größere Bauvorhaben wie die Fußgängerbrücke über die Murg oder die Schule als Beispiel.

Man sei aber auch der Ortsteil, der der Kernstadt am nächsten ist. Für die Interessen des Dorfs sei gleichwohl nicht nur der Ortschaftsrat weiterhin unerlässlich; ebenso müsse die Vertretung des Ortsteils im städtischen Gemeinderat „immer gegeben sein“, betont der Ortsvorsteher. Detaillierte Vor-Ort-Kenntnisse, wie sie Einheimische haben, die täglich im Dorf unterwegs sind, seien immer wichtig, wenn es ins Gremium der Großen Kreisstadt geht.

Strukturelle Neuordnung

Grundsteine für eine strukturelle Neuordnung in Niederbühl legten 2012 zunächst der Umzug der Ortsverwaltung vom maroden alten Rathaus ins ehemalige Wohngebäude der Grund- und Hauptschule in der Laurentiusstraße, dann die Einweihung des neuen Feuerwehrhauses 2015. Dies machte den Weg frei, die „alte Ortsmitte“ inklusive des Geländes des Gasthauses „Hirsch“ ganz neu zu planen. Dazu muss aktuell noch ein privater Eigentümer mit ins Boot genommen werden; „das läuft gerade“, sagt Föry.

Sobald Einigung bestehe, könne das Areal komplett überplant werden. Wohnhäuser, auch seniorengerecht, außerdem ein Café: So könnte sich das Areal, das zugleich Entree ins Dorf ist, künftig ortsbildprägend darstellen. Zugleich entstand 2012 mit dem Umzug des Rathauses die „neue Ortsmitte“, wo neben der Ortsverwaltung auch Schulen, Kindergarten, Kirche und ein Bürgersaal angesiedelt sind – alles in einer Straße. Diesen Bereich zu stärken, sieht nun auch der städtebauliche Entwicklungsplan vor, der im Januar verabschiedet werden soll – unter anderem per Umgestaltung der Freiflächen und Raumnutzung durch Vereine.

Verkehrsverlagerung im Blick

Ein Ziel, das der Niederbühler Haupt- mit dem Teilort Förch gemein hat: Durch eine Verlagerung des Verkehrs die Attraktivität der Dorfkerne zu steigern.

Scheinbar nicht enden wollen in diesem Zusammenhang indes die Planungen zur Verlegung der Ortsdurchfahrt L77. Diese soll an den Kanal rücken und damit Platz machen für neue Wohnhäuser (Bebauungsplan Weidenkopf). Die Verzögerungen hatten indes zunächst damit zu tun, dass man die Ansiedlung des Netto-Markts durchsetzen konnte, wie Föry rekapituliert. Also musste der Bebauungsplan geändert werden. Dann kam die Entscheidung, das Obdachlosenheim abzureißen – am 28. Oktober sei dort der letzte Bewohner ausgezogen –, und damit gab’s die Möglichkeit, die Straße noch weiter an den Kanal zu schieben. Fertig geplant seien derweil die beiden Kreisel an beiden Enden der Trassenverlegung.

Offenbar mehr als in anderen Ortsteilen rückt in Niederbühl im Zuge der Innenverdichtung bereits der Kampf gegen Wohnblöcke, sprich: große Mehrfamilienhäuser, in den Blickpunkt, wie aus dem städtebaulichen Entwicklungsplan hervorgeht. In der Murgtalstraße unterlag man zuletzt vor Gericht gegen ein solches Vorhaben, Rahmen- und Bebauungspläne sollen den Ortscharakter erhalten helfen. Die Stadt, so Föry, habe oftmals keinen Zugriff, wenn die Eigentümer abrissreife Häuser oder Grundstücke an den verkaufen, der mehr bietet.

Entwicklungspotenzial nach außen begrenzt

Dabei ist auch Niederbühl in seiner Entwicklung nach außen begrenzt. Den Baubereich Hebelstraße – ein Thema, das schon rund zehn Jahre schwele – hat die Stadt vorgezogen, nachdem sich die weiteren Verzögerungen an L77 und Weidenkopf abzeichneten. „Da stehen jetzt die ersten Häuser.“ In der „Verlängerten Bastgartenstraße II“ in Förch, wo 17 Jahre nach der ersten Präsentation 2016 die ersten Bagger anrollten, wird derzeit das letzte Haus gebaut. Und wenn dann einmal auch der Weidenkopf bebaut ist, „dann ist Niederbühl am Ende seiner Entwicklungsmöglichkeiten“ zwischen Murg, Autobahn und Bahnlinie. „Das“, stellt Föry fest, „hat aber nichts mit der Eingemeindung zu tun.“

Und: Ist er nun Niederbühler oder Rastatter? Der Ortsvorsteher antwortet augenzwinkernd salomonisch: „Im Herzen Niederbühler“ – man sollte aber „schon klar herausstellen, dass der Ort mittlerweile zu Rastatt gehört.“

Schon Jahrzehnte früher gab es erste Bestrebungen

„Wirtschaftliche Notwendigkeiten“ führte 1956 der damalige Rastatter Oberbürgermeister Richard Kunze für eine Eingemeindung Niederbühls und Rauentals ins Feld geführt. Doch die Reaktionen waren in beiden Orten nicht gerade positiv. Dabei hatte es bereits 1928 auf Niederbühler Seite Bestrebungen für eine Verbindung mit Rastatt gegeben – die wiederum in der Barockstadt auf wenig Gegenliebe gestoßen waren. Als sich dann 1933 Rastatt mit Niederbühl einlassen wollte, verweigerte sich das Meerrettichdorf. Auch 1956 hielt man dort die Fahne der Selbstständigkeit weiter hoch. Erst mehr als ein Jahrzehnt später trauten sich die Brautleute dann doch: Nachdem man sich auf den Zusammenschluss geeinigt hatte, wurde die „Hochzeit“ (wie auch die mit Rauental) zum 1. Mai 1972 vollzogen.

Bisher erschienen: Teil 1: Auftakt, Teil 2: Ottersdorf

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

Zum Artikel

Erstellt:
7. Januar 2022, 14:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 48sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.