„Sie haben ihm seine Freiheit genommen“

Von Florian Krekel

Baden-Baden/Lens (fk) – Bei der Fußball-WM 1998 in Frankreich ereignete sich eine der dunkelsten Stunden der deutschen Fußballgeschichte: Hooligans verletzten den Gendarmen Daniel Nivel schwer.

„Sie haben ihm seine Freiheit genommen“

Ein Foto, das um die Welt geht: Deutsche Schläger prügeln auf den reglos am Boden liegenden Gendarmen ein. Foto: Staatsanwaltschaft_Essen/picture-alliance/dpa/dpaweb/Archiv

Der Name Daniel Nivel wird für immer mit der Geschichte des deutschen Fußballs verbunden bleiben. Auch wenn sich der Franzose sicherlich wünscht, dass dem nicht so wäre: Doch das Schicksal fragt ihn nicht, an jenem 21. Juni des Jahres 1998. Der damals 43-jährige Gendarm wird zum Opfer dunkelster und grausamster menschlicher Abgründe – rechtsradikale, deutsche Fußballhooligans prügeln minutenlang auf ihn ein. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) spricht von Schande, DFB-Präsident Egidius Braun kämpft mit den Tränen, so berichten es Augenzeugen, doch für Daniel Nivel ändert sich alles. Nur knapp überlebt er, ist zeit seines Lebens gezeichnet. Er spricht nur mit Mühe, ist halbseitig gelähmt, auf einem Auge blind.

Das Foto seines reglosen Körpers auf dem schmalen, blutüberströmten Gehweg in der Rue Romuald Pruvost in der Kleinstadt Lens – es geht um die Welt und wird für immer Sinnbild bleiben für die vielleicht dunkelste Stunde, die der deutsche Fußball je erlebt hat. In einem der wenigen Interviews, die Nivel in den vergangenen Jahren gab – 2018 im WDR ausgestrahlt – drängt sich ihm eine Formulierung auf: „pourquoi moi?“ – Warum ich?

Die Antwort darauf klingt erschreckend. Pure Lust an der Gewalt – ein Zeuge der Szene in der Nebenstraße von Lens spricht später in einem „Spiegel“-Interview von einem „Blutrausch“. Wer die Schilderung des Tathergangs liest, kann da kaum widersprechen. Lutz Wöckener, Redakteur bei der „Welt“, hat vor einigen Jahren die Ausgeburt der Gewalt minutiös aufgelistet. Es ist eine traurigmachende Schilderung: „Seinen Helm verlor Daniel Nivel gleich mit dem ersten Schlag. Dann zertrümmerten sie seine Knochen. Mit ihren Fäusten, einem Schild, mit Holzlatten und ihren Füßen. Alles, was sie zu fassen bekamen, wurde gegen den wehrlosen Mann eingesetzt. Die Tritte gingen in den Bauch, gegen den Kopf, die Arme, seine Brust und in die Geschlechtsteile. Vollspann, immer wieder. Der Polizist verlor das Bewusstsein. Mit jedem Schlag pumpten sie das Blut aus dem regungslosen Körper. Es spritzte aus der Nase, floss aus Augen, Mund und Ohren. Die tiefrote Färbung des Bürgersteigs weitete sich bereits auf das Kopfsteinpflaster aus, da setzte es noch drei gezielte Schläge mit dem eisernen Gewehraufsatz, den Nivel während der Attacke verloren hatte. Nach zwei Minuten brach sein Schädel.“ Nivel hat daran heute keine Erinnerungen mehr.

Hooligans skandieren rechte Parolen

Nur Sekunden zuvor hat der Gendarm noch mit einem Jungen Fußball gespielt. Er bewacht mit seinen beiden Kollegen Jean-Michel Zajac und Jean-Bernard Douvrin in der Straße nahe des Bahnhofs einen Einsatzwagen. Urplötzlich sehen sie sich einer aufgeheizten Horde deutscher Hooligans gegenüber. Die haben nach Aussage eines Beteiligten schon den ganzen Tag in Lens in Kneipen und Bars zugebracht. Durch die grenznahe Lage und den Spieltermin an einem Sonntag haben sich viele Deutsche auf den Weg in das 30.000-Einwohner-Städtchen gemacht, um das zweite Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Jugoslawien zu verfolgen – ohne Aussicht auf Tickets. Das Public Viewing in der Innenstadt wird von der französischen Polizei schnell abgesagt, denn bereits bei Ankunft vieler deutscher Fans am Bahnhof herrscht eine aggressive und aufgeheizte Stimmung. Auf den Straßen, die in beiden Weltkriegen von deutschen Soldaten besetzt waren, skandieren rechte Hooligans „Wir sind wieder einmarschiert“, wie das „Kicker“-Sportmagazin die Ereignisse Revue passieren lässt. Erste Rangeleien entstehen, Stühle fliegen. Die Polizei macht die Wege zum Stadion dicht.

Das Gerücht, dass englische und vielleicht auch jugoslawische Hooligans in der Stadt seien, macht die Runde. Auf der Suche nach Gegnern kommen 30 deutsche Schläger an der Rue Romuald Pruvost vorbei. Ein Zeuge schildert später vor Gericht: „Plötzlich hieß es ,In der Seitenstraße stehen nur drei, die hauen wir platt‘“. Sieben Mann stürmen auf die drei Gendarmen los. Nivels Kollegen können fliehen. Nur er, der Chef der kleinen Gruppe, hat keine Chance mehr. Der 1,90-Mann wird zu Boden gestoßen und verliert seinen Helm – der Anfang vom Ende. Vom Ende des Lebens, wie der zweifache Familienvater Daniel Nivel es kennt. Sechs Wochen liegt er im Koma. Als er wieder zu Bewusstsein kommt, wird klar: Er wird zeit seines Lebens ein Pflegefall bleiben.

Deutschland und Frankreich stehen nach der Tat unter Schock. Die deutsche Bevölkerung hilft mit Spenden, der DFB gründet die Daniel-Nivel-Stiftung, die sich bis heute unter anderem um Gewaltprävention kümmert. Der Verband verspricht, sich auf unbefristete Zeit um die Familien zu kümmern.

Die Täter erhalten später Haftstrafen zwischen dreieinhalb und zehn Jahren. Für die Familie Nivel ein schwacher Trost. In einem Interview mit einer französischen Zeitung, das die „Welt“ zitiert, sagt Daniel Nivels Frau Lorette: „Sie kamen wieder aus dem Gefängnis, sie bekamen ihr Leben zurück, wir aber haben weiter mit der Sache zu tun. Unser Leben hat nichts mit unserem alten zu tun. Für Daniel funktioniert nichts. Sie haben ihm seine Freiheit genommen.“

Die deutschen Spieler, die sich dank eines Eigentors und eines Treffers von Oliver Bierhoff nach 0:2-Rückstand noch zu einem 2:2 rumpeln, bekommen davon nichts mit. Bierhoff sagt jüngst der Deutschen Presse-Agentur (dpa): Auch 20 Jahre danach sei er „immer noch fassungslos. Das hat das Leben einer ganzen Familie zerstört.“

Die Rolle der Polizei in Lens wird später zwiespältig beurteilt. Das Stadion wird zwar hermetisch abgeriegelt, aber im Rest der Stadt bleiben die deutschen Störer weitgehend unbehelligt. Ein passives Vorgehen, vielleicht zu passiv, urteilt der „Kicker“ in der Rückschau. Fest steht: Die deutsche Polizei hat die französischen Kollegen zwei Tage vor dem Spiel gewarnt. Das erfährt die dpa einen Tag nach den schrecklichen Vorfällen. Gleichzeitig sind aber nur wenige szenekundige Beamte aus Deutschland vor Ort. Der Präfekt des Départements Pas-de-Calais äußert demnach die Ansicht: Eine Verstärkung der Polizeieinheiten sei „nicht wirklich nötig“. Lens dürfe „keine verbotene Stadt werden“.

Drei Tage später tritt derselbe Präfekt in Arras vor die Presse und erklärt, dass der verletzte Gendarm in einem äußerst kritischen Zustand ist. Zeitgleich sind laut dpa noch 15 Personen in Gewahrsam. Insgesamt 93 Deutsche hat die Polizei festgenommen.

Heute muss man sich die Frage stellen: Was ist geblieben von jenem Tag vor 20 Jahren? Für Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte in Frankfurt, hatte der Tag in Lens auf mindestens zwei Ebenen Auswirkungen. Im dpa-Gespräch sagt er: „Erstens gab es ein Erschrecken auch in der Hooligan-Szene und die Fragen: Was geht – und was nicht? Zweitens wurden die polizeilich-präventiven Maßnahmen – Stichwort Ausreiseverbote über Änderung des Passgesetzes – verstärkt. Und dann gab es natürlich die juristische Verfolgung.“ Knapp acht Monate nach der Tat klingt das im Februar 1999 allerdings anders. Fanforscher Gunter Pilz äußert damals gegenüber der Nachrichtenagentur dpa die Ansicht, dass der „Schock von Lens“ längst einem „Mythos von Lens“ Platz gemacht habe. Polizei und Veranstalter könnten nicht mit einem Lerneffekt rechnen, sie müssten sich vielmehr frühzeitig auf Radaubrüder aus verschiedenen Ländern einstellen. Wo die Wahrheit liegt, ist eine schwer zu beantwortende Frage. Immer noch gibt es Hooligankrawalle – doch die Sicherheitskräfte haben gelernt – gehen konsequenter vor. Bei der Bewerbung um die WM 2006 spielt die Sicherheitsfrage laut Michael Gabriel eine tragende Rolle. Und Gabriel ist sich im Gespräch mit dem „Kicker“ sicher: „Neue Fans und Stadiongänger haben sich auch wegen Lens eher für die attraktiveren Ultras entschieden. Das war dann der Beginn der Zeit, in der es im deutschen Fußball deutlich ruhiger wurde.“

Szene hat sich heute vom Stadion entfernt

Heute hätten „der Überwachungsdruck, die Strafverfolgung und weitere Aspekte dafür gesorgt, dass sich die Szene vom Stadion entfernt hat“, sagt der Experte im „Kicker“ (Ausgabe vom Montag, 18. Juni 2018).

Die Täter von Lens sitzen heute zum Teil wegen anderer Delikte erneut im Gefängnis. Daniel Nivel lebt zurückgezogen. Das Gebäude mit der Hausnummer 74 in der Rue Romuald Pruvost und der Bürgersteig davor sind heute abgerissen. Die Ereignisse von jenem Sommertag des Jahres 1998 geraten immer mehr in Vergessenheit. Nur einer wird sie nie vergessen – auch, wenn die schrecklichsten Momente aus seiner Erinnerung geprügelt worden sind: Daniel Nivel. Er wird tagtäglich an jene zwei Minuten von Lens erinnert.

Damit die Tat nicht in Vergessenheit gerät, hat das BT-Instagram-Team den Artikel aus dem Archiv gekramt und online für Sie zugänglich gemacht.