„Sie sind ein Teil von uns“

Gernsbach (ueb) – 80 Jahre nach der Deportierung der jüdischen Bürger Gernsbachs durch die Nazis gestaltet der Arbeitskreis Stadtgeschichte eine besondere Gedenkfeier auf dem Salmenplatz.

Symbolhaft wie zum Abtransport bereit stehen die neun namentlich gekennzeichneten Pappkoffer. Cornelia Renger-Zorn (von links), Dagmar Freundel, Stephan de Laporte, Wolfgang Froese, Regina Meier und Sabine Giersiepen erinnern an das unfassbare Leid der vor 80 Jahren verschleppten Gernsbacher. Foto: Dagmar Uebel

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Symbolhaft wie zum Abtransport bereit stehen die neun namentlich gekennzeichneten Pappkoffer. Cornelia Renger-Zorn (von links), Dagmar Freundel, Stephan de Laporte, Wolfgang Froese, Regina Meier und Sabine Giersiepen erinnern an das unfassbare Leid der vor 80 Jahren verschleppten Gernsbacher. Foto: Dagmar Uebel

Sich sicher zu Hause fühlen ist ein Grundrecht, das jedem Menschen, egal auf welchem Kontinent, zugestanden werden sollte. Ob Frau, Mann oder Kind, ob jung oder alt, ob evangelisch, katholisch, islamisch oder jüdisch. Alle Menschen brauchen dieses Gefühl sicherer Geborgenheit. Auch die Gernsbacher Hilda Dreyfuß, Arthur, Erna, Lieselotte und Margit Kahn, Eugen und Heinz Lorsch, Berta Marx und Hermann Nachmann. Doch für sie begann am 22. Oktober 1940 auf Anweisung der Gestapo der Weg ins Ungewisse – und für sechs von ihnen in den sicheren Tod.

Mit nur etwas Handgepäck, so lautete die Anweisung, haben sie sich in den Morgenstunden dieses Dienstags vor 80 Jahren an der Gernsbacher Stadtbrücke einfinden müssen, um per Lkw zum Bahnhof und von dort aus in das südfranzösische Internierungslager Gurs am Fuße der Pyrenäen und später in verschiedene Vernichtungslager deportiert zu werden. Die neun Gernsbacher waren nur ein Teil einer deutschlandweiten Aktion, der allein in Baden, dem Saargebiet/Lothringen und der Pfalz mehr als 6 500 Menschen jüdischen Glaubens folgen mussten. Damit endete eine mehr als 200 Jahre alte Tradition friedlichen Zusammenlebens.

Doch ihre Namen und ihre Schicksale sind unvergessen, wie zwei Memorialsteine neben der Stadtbrücke beweisen. Am Donnerstag schmückten neun weiße Rosen diesen Gedenkort. Nur wenige Meter davon entfernt fand eine ganztägige Gedenkveranstaltung statt, in der der ehemaligen jüdischen Mitbürger gedacht wurde. Die Initiative dafür kam vom Arbeitskreis Stadtgeschichte, unterstützt von Vertretern der Stadt Gernsbach, von Schulen und Kirchen.

Zunächst als eine zentrale Gedenkveranstaltung gedacht, verfolgten die Veranstalter in Pandemiezeiten einen anderen Weg. Zu jeder vollen Stunde, um 11 Uhr begonnen, um 18 Uhr am Nepomukplatz endend, wurde in verlesenen Texten, Gebeten und Musik des Schicksals der ehemaligen jüdischen Mitbürger gedacht. Durch die verzeichneten Namen und Fotos auf zwei Tafeln und besonders die symbolhaft wie zum Abtransport bereitstehenden neun namentlich gekennzeichneten Pappkoffer entstand fast der Eindruck, als gehörten sie immer noch zu uns, zu Gernsbach.

Texte über die unfassbaren Zustände in den Lagern

Nach den begrüßenden Worten durch Regina Meier schilderten Stephan de Laporte und Dagmar Freundel in ihren verlesenen authentischen Texten die unfassbaren Zustände in den Lagern. „An allem Erdenklichen fehlte es. An Bettwäsche, an Essen, an Decken, Handtüchern, an Toiletten. Wovon bald genügend da war, waren Krankheiten“, las Sabine Giersiepen vor. Besonders die Kinder seien es gewesen, die, getrennt von ihren Eltern, besonderes Leid erfuhren, so Dr. Cornelia Renger-Zorn. „Damals mangels Fürsprechern durch die Mitbürger stillschweigend hingenommen“, gelte es nun, „klare Haltung zu zeigen“, postulierte Wolfgang Froese angesichts stetig wachsender Fremdenfeindlichkeit und wiedererstarkendem Antisemitismus.

Rabbiner Daniel Naftoli Surovtsev der Israelitischen Gemeinde Baden-Baden leitete seinen jüdischen Sprechgesang mit den Worten „wir müssen Geschichte neu lernen“ ein. Für 13 Uhr war Dr. Ulrich Schumann auf den Salmenplatz gekommen, um ein jüdisches Gebet zu zelebrieren. Im weiteren Verlauf nahmen die neun ehemaligen Gernsbacher Gestalt an, als der Arbeitskreis für Stadtgeschichte diese Familien und deren singuläre Schicksale vorstellte.

Pfarrer Ulrich Eger von der evangelischen Pfarrgemeinde Gernsbach gedachte zusammen mit Konfirmanden der Deportierten. Waldhornbläserin Anne Dresel bereicherte mit einfühlsamen Melodien und Texten die anspruchsvolle Veranstaltung. Mit dem Verlesen der Namen der Verschleppten um 18 Uhr – durch einen Vertreter der Stadt und zusammen mit Dekan Josef Rösch von der Seelsorgeeinheit Gernsbach begleitet – endete eine zwar ungewöhnliche, aber sehr würdige Gedenkfeier auf dem Salmenplatz.


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