Sieben Freiolsheimer helfen im Ahrtal

Gaggenau (sazo) – Dem Einsatz folgten schlaflose Nächte: Sieben Freiolsheimer waren als Helfer im Ahrtal. Die Situation dort beschreiben sie als „katastrophal“.

Die Helfer aus Freiolsheim im Ahrtal (jeweils von links): Oben Tobias Sonnabend und Marco Bauer, unten Klaus Braun, Ferdinand Schröder, Ralf Schröder, Karl-Heinz Glasstetter (leicht verdeckt) und Denny Schröder. Foto: Ferdinand Schröder

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Die Helfer aus Freiolsheim im Ahrtal (jeweils von links): Oben Tobias Sonnabend und Marco Bauer, unten Klaus Braun, Ferdinand Schröder, Ralf Schröder, Karl-Heinz Glasstetter (leicht verdeckt) und Denny Schröder. Foto: Ferdinand Schröder

Die Erlebnisse sitzen tief. Sieben Freunde aus Freiolsheim, die sich teilweise schon aus Kindertagen kennen, waren als freiwillige Helfer im Flutgebiet im Ahrtal. Ihrem Einsatz folgten schlaflose Nächte und der Plan, erneut ins Katastrophengebiet zu fahren und andere mit ihrem Bericht zu motivieren, es auch zu tun. Dem BT schildern sie ihre ergreifenden Eindrücke.

„Wenn Du einmal dort warst, fährst du auch ein zweites oder auch ein drittes Mal wieder dorthin, um zu helfen“, erklärt Ralf Schröder. Der selbstständige Brandschutztechniker war nach der Flutkatastrophe am 24. Juli mit seinem Bob Cat Bagger ins Ahrtal gefahren, um dort Hilfe zu leisten. „Ich habe mich bei der Leitstelle der Feuerwehr gemeldet und war sofort im Einsatz, weil ich mit meinem flexiblen Gerät schmale Straßen und Gärten räumen konnte.“ Die Situation beschreibt er als „katastrophal“, weil „niemand auf so ein Unglück vorbereitet war“. Aus drei geplanten Tagen wurden sieben.

Gerettete Kälber in der Küche

Kaum zurück in der Heimat, wurde mit Freunden der Plan geschmiedet, erneut ins Ahrtal zu fahren. Darunter Karl-Heinz Glasstetter, Abteilungskommandant der Freiwilligen Feuerwehr Freiolsheim, der im Juli seinen Urlaub mit der Familie in der Eifel verbracht hatte. Er schildert spontane Hilfeleistungen vor Ort und seine Beobachtungen in Allendorf, wie Wasser die Keller flutete und aus kleinen Bächen reißende Flüsse geworden sind. „Wir haben das live mitbekommen und tags darauf bei einem Bauer geholfen, ein Notstromaggregat zu installieren. Der konnte gerade noch seine Kälber retten. Er hat sie in den ersten Stock in die Küche gebracht, weil der Hof bis dahin unter Wasser stand. Die Familie hatte keinen Strom, kein Wasser, einfach gar nichts mehr.“

Das Auto ist nur noch Schrott, Straßen sind zerstört, viele Häuser unbewohnbar – leider ein derzeit noch alltägliches Bild im Ahrtal. Foto: Ferdinand Schröder

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Das Auto ist nur noch Schrott, Straßen sind zerstört, viele Häuser unbewohnbar – leider ein derzeit noch alltägliches Bild im Ahrtal. Foto: Ferdinand Schröder

Nach Gesprächen mit Ferdinand Schröder, Ortsvorsteher von Freiolsheim, waren sich dann die Brüder einig, gemeinsam mit Marco Bauer, Klaus Braun, Tobias Sonnabend, Karl-Heinz Glasstetter und Denny Schröder ins Ahrtal zu fahren, um „als Team mit schwerem Gerät den Menschen zu helfen“. Am 21. August startete Ferdinand Schröder mit seinem Bagger und war für die knapp 300 Kilometer zehn Stunden unterwegs, während seine sechs Kameraden mit zwei weiteren Baggern und einem Lkw mit Mulde schon vor Ort zum Einsatz kamen.

„Wir haben täglich von acht bis acht Uhr abends nur den Schutt und Dreck weggefahren“, erzählen die Beteiligten, die sich damit in Hermersheim und Dernau nützlich machen konnten. „Man muss sich das in den Städten so vorstellen wie zum Beispiel in der Altstadt in Gernsbach“, zieht Ferdinand Schröder einen Vergleich zum Murgtal, in dem er die schmalen Gassen und Winkel beschreibt, in denen nur bedingt schweres Gerät nützlich ist. „Man hilft damit Notdürftigen, die alles verloren haben“, sagt Karl-Heinz Glasstetter. „Da hat es ausgesehen wie im Krieg. Das ist unvorstellbar. Der Schlamm stinkt und die Räder vom schweren Gerät versinken darin. Aber Menschen, die sich überhaupt nicht kennen, zeigen Solidarität, packen an und helfen mit, auch wenn sie noch nie in ihrem Leben eine Schaufel oder anderes Werkzeug in ihren Händen gehalten haben.“

Schutt und Müll auf den Straßen

Die Berichte über Tausende Freiwillige, die in Zelten nächtigen und tagsüber aufräumen, lassen das Ausmaß der Katastrophe aus einem anderen Blickwinkel erahnen. „Es ist unglaublich, woher diese Freiwilligen kommen, und teilweise viele Kilometer auf sich nehmen“, zeigt sich Ralf Schröder beeindruckt. Klaus Braun, derzeit vor Ort, berichtet über den fast unveränderten Zustand, da nun der Schutt und der Müll aus den Häusern auf den Straßen liegt und alles zum Entsorgen abgefahren werden muss. Bilder, die sich wiederholen – und Ralf Schröder schlaflose Nächte bereiten: „18 Personen haben sich das Leben genommen, weil sie keinen Ausweg mehr gesehen haben.“

Als ob eine Bombe eingeschlagen hat: So sieht es nach der Flut im Ahrtal aus wie hier in Dernau. Foto: Ferdinand Schröder

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Als ob eine Bombe eingeschlagen hat: So sieht es nach der Flut im Ahrtal aus wie hier in Dernau. Foto: Ferdinand Schröder

Hilfe für die Menschen an der Ahr ist den Freiolsheimern ein großes Anliegen. „Dass die Flutwelle kommt, konnten die Menschen dort nicht ahnen“, so Marco Bauer, der darüber berichtet, dass das Wasser binnen Minuten in einer Höhe von sechs Metern gestanden hat, und von Familien erzählt, die sich nur mit dem retten konnten, was sie auf dem Leib getragen hatten – aber auch Schicksale nennt, bei denen kein einziges Familienmitglied die Katastrophe überlebt hat, weil die Fluten buchstäblich „alles Leben ausgelöscht haben“. Noch heute werden Menschen vermisst.

„Die Schicksalsschläge im Ahrtal sind unvorstellbar“, unterstreicht Ferdinand Schröder. „Die schlimme Zeit ist noch nicht vorüber, es fehlt an Material und Handwerkern. Wer helfen will, ist willkommen. Leute, fahrt einfach hin.“ Auch die sieben Freunde aus Freiolsheim sind schon wieder in der Planungsphase, um mit geeinten Kräften erneut vor Ort im Ahrtal zu helfen.

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Erstellt:
10. September 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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