Sinn und Zweck des Krebsregisters

Baden-Baden (kli) – Das Krebsregister Baden-Württemberg holt nach anfänglichen Schwierigkeiten auf. Professor Kai Neben, Chefarzt und Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Palliativmedizin am Klinikum Mittelbaden (Balg) äußert sich im BT-Interview zu Sinn und Zweck des Krebsregisters.

Prof. Kai Neben, Klinikum Mittelbaden

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Prof. Kai Neben, Klinikum Mittelbaden

Der Aufbau des Krebsregisters erfordert die Mithilfe der Ärzte. Chefarzt Professor Kai Neben, Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Palliativmedizin am Klinikum Mitttelbaden (Klinik Balg), beleuchtet im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink den Aufbau des Krebsregisters, den praktischen Nutzen und aktuelle Entwicklungen in der Krebsforschung.

BT: Herr Professor Neben, wie schätzen Sie die Entwicklung des Krebsregisters ein? Ist es auf einem guten Weg?

Kai Neben: Ja. Die Daten des Krebsregisters ermöglichen eine fundierte gesundheitspolitische Diskussion. Die Politik braucht die Daten des Krebsregisters als Steuerungselement: Sie bilden die Grundlage für eine wissenschaftlich gesicherte Argumentation, wenn zum Beispiel neue Gesundheitskampagnen geplant sind. Das Krebsregister schafft hier einen Überblick, es versorgt alle Beteiligten im Gesundheitswesen mit soliden Daten. Die Krebsregisterdaten dienen auch dem Zweck, wissenschaftliche Abhandlungen wie den Bericht „Krebs in Deutschland“ zu verfassen.

BT: Wie genau funktioniert das Krebsregister, was erfasst es?

Neben: Im Krebsregister werden Daten flächendeckend erfasst. Jedes Bundesland dokumentiert die Häufigkeit und die Verbreitung von Krebserkrankungen. Es werden Daten zur Häufigkeit von Neuerkrankungen (Inzidenz), Häufigkeit einer Krebserkrankung zu einem bestimmten Zeitpunkt (Prävalenz), Sterblichkeit (Mortalität) und Prognosen erhoben und auch ausgewertet. Die Daten des Krebsregisters erlauben Aussagen zu zeitlichen Trends und regionalen Unterschieden von Krebserkrankungen. Auch Angaben zur Überlebenswahrscheinlichkeiten bei unterschiedlichen Krebserkrankungen sind möglich.

BT: Wie wird die Dateneingabe in der Klinik Balg gewährleistet?

Neben: Drei Dokumentare sind bei uns in der Klinik damit beschäftigt, für das Krebsregister Daten einzugeben. Dabei wird der Dokumentationsaufwand von Jahr zu Jahr größer. So interessiert sich das Krebsregister zunehmend auch für Verlaufsdaten und unterschiedliche Therapieformen.

BT: Es gibt Klagen darüber, dass das Krebsregister ein recht träges System ist. Wie ist Ihre Erfahrung?

Neben: Anfangs war es ein träges System. Seit dem Jahr 2008 wurden in Baden-Württemberg erste Daten für das Krebsregister gesammelt. Der Aufbau des Krebsregisters ging am Anfang nur schleppend voran. Inzwischen hat sich aber einiges verbessert.

BT: Was dauerte so lang in der Aufbauzeit des Registers?

Neben: Anfangs dauerte die Bearbeitung der Daten beim Krebsregister zwei bis drei Jahre. Das erzeugte bei uns Frustration, weil wir den dazugehörigen Fall dann gar nicht mehr präsent hatten, wenn vom Krebsregister nach Jahren eine Rückmeldung kam. Inzwischen hat sich die Bearbeitungszeit deutlich verkürzt. Wir erhalten eine Rückmeldung nach einigen Wochen bis wenigen Monaten.

BT: Genügt Ihnen das?

Neben: Noch nicht. Wichtig wäre für uns, noch zeitnaher nach der Eingabe der Daten eine Bestätigung zu bekommen: Sind die Daten angekommen? Sind sie vollständig?

Interview

BT: Warum dauert das aus Ihrer Sicht so lange?

Neben: Das liegt auch daran, dass in Deutschland zahlreiche sehr unterschiedliche Programme zur Dokumentation verwendet werden. Es fehlt in diesem Bereich eine ausreichende Standardisierung, sodass die Daten immer erst in andere Programme exportiert werden müssen, bevor sie vom Krebsregister zentral eingelesen werden können.

BT: Werden Sie als Klinik für die Dateneingabe bezahlt oder läuft die Arbeit nebenher?

Neben: Lange Zeit mussten die Kliniken bei der Dateneingabe in Vorleistung gehen und bekamen erst nach Jahren eine Aufwandsentschädigung gezahlt. Dies hat sicher anfangs dazu beigetragen, dass entsprechende Strukturen zur Tumordokumentation nur sehr zögerlich von den Kliniken aufgebaut worden sind. Mittlerweile wird vom Krebsregister eine kostendeckende Aufwandsentschädigung für die Datendokumentation zeitnah innerhalb einiger Monate gezahlt.

BT: Lassen sich bestimmte Entwicklungen aus den Daten des Krebsregisters ablesen?

Neben: Ja. Was mir Sorgen bereitet, ist der Ernährungszustand der Bevölkerung in Deutschland. Der wird insgesamt immer schlechter. Übergewicht nimmt zu, die Menschen bewegen sich zu wenig. Das führt zu einer höheren Zahl an Wohlstandserkrankungen wie Diabetes und letztendlich auch zu einer Zunahme bestimmter Krebserkrankungen, wie zum Beispiel Bauchspeicheldrüsenkrebs sowie Krebserkrankungen der Gallengänge und der Leber. An diesen Krebsarten erkranken die Menschen in Deutschland infolge ihres Lebensstils vermehrt.

BT: Gibt es auch Erfolge?

Neben: Ja, die gibt es. Zum Beispiel beim Darmkrebs. Dies ist in erster Linie auf eine bessere Wahrnehmung von Krebsvorsorgeuntersuchungen zurückzuführen, insbesondere der Darmspiegelung kommt hier eine besondere Rolle zu. Die Heilungschancen bei Darmkrebs sind heute viel höher als vor 20 Jahren, weil er früher erkannt wird. Das ist ein echter Erfolg.

BT: Haben Sie Verbesserungsvorschläge an das Krebsregister?

Neben: Eine Standardisierung der Dateneingabe wäre sinnvoll. Bisher arbeitet jede Klinik mit einem anderen Computerprogramm. Sinnvoll wäre es, wenn es eine einheitliche Software für alle gäbe und das Krebsregister uns diese kostenlos zur Verfügung stellen würde. Dies wäre ein wichtiger Beitrag zum effizienten Arbeiten, und Schnittstellenprobleme bei der Datenzusammenführung würden wegfallen.

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Erstellt:
11. Februar 2020, 08:00 Uhr
Lesedauer:
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