Sinzheimer Feuervögel bei Special Olympics dabei

Sinzheim (nad) – Handball kennt kein Handicap: Das beweisen die Feuervögel aus Sinzheim. Mit viel Elan, Teamgeist und vor allem Spaß bereitet sich das Team auf die Special Olympics in Berlin vor.

Freuen sich auf das „Riesenerlebnis“ in Berlin: Die Feuervögel um Trainer Matthias Karcher (links) und Jonas Ernst (rechts). Foto: Jonas Ernst/Jonesproductions.de

© Jonas Ernst

Freuen sich auf das „Riesenerlebnis“ in Berlin: Die Feuervögel um Trainer Matthias Karcher (links) und Jonas Ernst (rechts). Foto: Jonas Ernst/Jonesproductions.de

„Wir sind ne coole Truppe!“: Damit bringt es Torhüterin Sandra Maier auf den Punkt. Nur eine Trainingsstunde bei den Handballern der Sinzheimer Feuervögel reicht aus, um das zu erkennen. Voller Energie und Leidenschaft und mit einer großen Portion Teamgeist tobt sich die Mannschaft in der Fremersberghalle aus. Und hat dabei ein großes Ziel vor Augen: die Special Olympics in Berlin.

Aufwärmen, Pass- und Wurfübungen, ein schnelles Spiel gegeneinander – die 90 Minuten Handballtraining verlaufen an diesem Samstagmorgen wie bei jeder anderen Mannschaft auch. Mit einer Besonderheit: Hier trainiert ein Team, dessen Spieler geistige Behinderungen haben. Jeder ist auf einem anderen Leistungslevel, die kognitiven Einschränkungen sind mal mehr, mal weniger ausgeprägt, und manch einer hat ein bisschen Angst davor, den Ball zu fangen. „Dann halten wir das Spiel kurz an und geben ihm den Ball, damit er einen Pass spielen kann. Und alle freuen sich mit ihm“, erklärt Matthias Karcher. Gemeinsam mit Jonas Ernst, Sabrina Ernst und Manuel Pflüger trainiert er die Feuervögel.

Die von Karcher beschriebene Szene charakterisiert gleichzeitig das Mannschaftsgefühl seiner Schützlinge: Denn den 20 Spielerinnen und Spielern, die zwischen 14 und 36 Jahre alt sind, ist es egal, ob jemand gut oder schlecht, schnell oder langsam, stark oder schwach ist. Sie helfen sich gegenseitig, geben aufeinander Acht und motivieren sich immer wieder, das Beste zu geben. „Wir haben hier ein ganz tolles Gemeinschaftsgefühl, das habe ich so, ehrlich gesagt, woanders noch nicht erlebt“, schwärmt Karcher. Und eben dieses Flair schätzen auch die anderen Mannschaften des BSV Phönix Sinzheim. „Die Feuervögel sind eine Bereicherung für alle“, freut sich Jonas Ernst über das positive Feedback der Handballer, die allesamt versuchen, die Feuervögel bestmöglich in das Vereinsgeschehen zu integrieren. Ob beim Hallendienst oder bei Veranstaltungen, wie etwa der Halloweenparty: Trotz Handicap wird mit angepackt und mitgefeiert.

Hat den weitesten Weg ins Training: Tim Hauser aus Gengenbach. Foto: Jonas Ernst/Jonesproductions.de

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Hat den weitesten Weg ins Training: Tim Hauser aus Gengenbach. Foto: Jonas Ernst/Jonesproductions.de

Und auch im Training soll niemand mit Samthandschuhen angefasst werden, nur weil eine Behinderung besteht. Falsche Überfürsorge sei fehl am Platz, erklärt Karcher. Wie bei allen anderen Spielern gebe es „klare Ansagen und klare Worte“. Dazu gehört eben auch Kritik. „Wenn etwas schlecht war, sagen wir das auch deutlich.“ Natürlich müsse man trotzdem individuell auf die Bedürfnisse und das Leistungslevel der Spieler eingehen – manch einen müssen die Trainer an die Hand nehmen, positionieren und die nächsten Spielzüge ins Ohr flüstern. Alle unter einen Hut zu bekommen, „die Stärkeren gut zu fordern und zu fördern, gleichzeitig die anderen dabei nicht zu vergessen“, das stellt die Trainer laut Karcher vor eine große Herausforderung.

Eine, die wirklich gut gemeistert wird, wenn man die Entwicklung der Mannschaft betrachtet: Niemand hätte 2018, als das Team gegründet wurde, mit so viel Zulauf gerechnet. Tim Hauser nimmt sogar den weiten Weg mit dem Zug aus Gengenbach auf sich, um am Training und den Spielen teilnehmen zu können. Die Spieltechnik hat sich laut Ernst enorm verbessert, Regeln und Taktiken wurden von der Mannschaft nach und nach verinnerlicht.

Corona-Zwangspause war „einfach eine Katastrophe“

Auch nicht selbstverständlich: Kein einziges Teammitglied hat sich während der langen Corona-Pause vom Verein abgemeldet, alle saßen zuhause auf Kohlen und waren „enorm heiß“ darauf, dass es endlich wieder losgeht, erinnert sich Karcher. „Einfach eine Katastrophe“ sei die Zwangspause gewesen: „Die erleben ein Mannschaftsfeeling, was sie sonst einfach nicht erleben können. Das kann man sich gar nicht vorstellen, aber jemand mit Behinderung hat ganz wenige Möglichkeiten, so einen Teamspirit irgendwo zu finden“, verdeutlicht der Sinzheimer die enorme Wichtigkeit, Menschen mit Handicap eine sportliche Heimat zu bieten.

Das i-Tüpfelchen der gemeinsamen Entwicklung ist die bevorstehende Teilnahme an den Special Olympics in Berlin. Zusammen zu diesem sportlichen Großereignis zu fahren, ist ein absolutes Highlight für Trainer und Team. „Vor vier Jahren hätten wir nicht gedacht, dass wir da sind, wo wir heute stehen. Wir können stolz auf uns sein“, betont Spieler Daniel Boos. Der Hauenebersteiner ist seit den Anfängen dabei und hat in der Mannschaft auch gute Freunde gefunden. Es sei für ihn zwar ungewohnt, aber auch „wunderschön“, so weit wegzufahren: „Ich zähle die Tage.“

Mannschaft auf Sponsoren angewiesen

Zwölf Feuervögel dürfen im Juni in die Hauptstadt fahren, wo mehr als 4.000 Sportlerinnen und Sportler – mit und ohne Behinderung – zusammenkommen werden. „Es ist uns natürlich schwergefallen, Leute daheim zu lassen. Aber wir als Trainer mussten eine Auswahl treffen“, erklärt Karcher. Nun gilt es, Sponsoren zu finden, die das Vorhaben unterstützen, auch eine Spendenseite wurde extra online eingerichtet. „Berlin ist teuer“, gibt der Sinzheimer mit Blick auf die errechneten Kosten zu bedenken. Doch das ändert nichts an der guten Stimmung. Man spüre bei den Spielern die große Vorfreude auf die gemeinsamen Tage, sagt Karcher: „Und wenn ich ehrlich bin, bei mir selbst natürlich auch. Es ist ein Riesenerlebnis.“

Wie genau es bei den Special Olympics dann ablaufen wird, weiß er noch nicht. Vermutlich werden die teilnehmenden Mannschaften anfangs in verschiedene Leistungskategorien eingeteilt, sodass sie auf ungefähr gleichem Niveau gegeneinander spielen können.

Eine Medaille für die Feuervögel wäre zwar die Kirsche auf der Torte. Viel wichtiger ist aber – und da sind sich alle einig –, diese besondere Erfahrung gemeinsam machen zu dürfen und eine gute Zeit miteinander zu verbringen. Und natürlich auch ein bisschen feiern – denn das gehört zu jedem guten Mannschaftsausflug dazu.

Zum Thema: Special Olympics

Das größte Sportereignis für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderung wurde erstmals im Jahr 1968 in Chicago ausgetragen. Ziel der Special Olympics ist es, eingeschränkte Personen im Sport zu fördern und zu integrieren. Alle zwei Jahre nehmen tausende Sportler unterschiedlicher Disziplinen teil – neben Handball etwa Leichtathletik, Fußball und Turnen. Der zugehörige deutsche Bundesverband (SOD) besteht seit 1991 und trug bis 2020 jährlich abwechselnd Sommer- und Winterspiele aus, seitdem im Zwei-Jahres-Rhythmus. Vom 19. bis 24. Juni dieses Jahres finden die Nationalen Sommerspiele in Berlin statt. Eröffnet werden sie im Stadion von Fußball-Bundesligist Union Berlin, die Abschlussfeier soll am Brandenburger Tor stattfinden. Unter dem Motto „Gemeinsam stark“ werden circa 4.500 Athletinnen und Athleten in 20 Sportarten antreten. Der Ticketverkauf hat bereits begonnen.

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Erstellt:
18. April 2022, 10:00 Uhr
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