Sinzheims Spielertrainer Marcel Stern im Interview

Sinzheim (mi) – Sinzheims Landesliga-Spielertrainer Marcel Stern spricht im Interview über Zipperlein im zunehmenden Alter, den Team-Negativlauf und Unerfahrenheit.

„Das wilde Verlangen nach Vollgas haben wir nicht mehr ausgespielt“: Marcel Stern (rechts) zum SVS-Negativlauf. Foto: Frank Seiter

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„Das wilde Verlangen nach Vollgas haben wir nicht mehr ausgespielt“: Marcel Stern (rechts) zum SVS-Negativlauf. Foto: Frank Seiter

Marcel Stern hat in seiner Fußball-Laufbahn schon alle möglichen Spielklassen durchlaufen. Von der Kreisliga bis hinauf zur Oberliga. In der nun dritten Saison gibt er als Spielertrainer die Kommandos beim Landesligisten SV Sinzheim. In gleicher Funktion wirkte er zwei Jahre beim VfB Unzhurst. Höherklassig spielte er viereinhalb Jahre beim SV Linx und eine Saison beim SV Oberachern. Beim VfR Achern war er auch schon drei Jahre aktiv. Nach einer guten Vorsaison als Achter ist Sinzheim vor der Landesliga-Saisonaussetzung im Oktober nach einem guten Saisonstart ins Trudeln gekommen. Über die Gründe hierfür sprach BT-Redakteur Michael Ihringer mit dem 33-jährigen Stern, dem man eine gewisse Fußball-Besessenheit unterstellen kann.

BT: Herr Stern, die Frage nach der Gesundheit steht seit Wochen und Monaten an erster Stelle. Bei Ihnen umso mehr, da Sie sich vor der Saison-Unterbrechung neben einem Schleudertrauma zudem einen Bandscheibenvorfall zuzogen. Wie ist Ihr Befinden?
Marcel Stern: Ich bin auf dem Weg der Besserung. Ich bin noch nicht bei hundert Prozent, habe noch leichte Probleme mit der Ausstrahlung vom Nerv. Ich bin aber positiv gestimmt, dass ich die Corona-Pause nutzen kann, um wieder auf meinen alten Leistungsstand zu kommen.

BT: Erkennen Sie gerade in diesen schweren Zeiten und bei einem solchen Verletzungspech, dass es letztlich Wichtigeres als Fußball gibt?
Stern: Ja, sicherlich. Ich habe gerade jetzt erkannt, dass ich mir jahrelang keine Gedanken über Verletzungen machen musste. Ich habe in den vergangenen zehn Jahren, und ich will jetzt echt nicht übertreiben, fast jedes Spiel mitgemacht, vielleicht gerade mal eine Handvoll verpasst. Gerade in diesem Jahr, wo Corona auftaucht, vielleicht hängt es ja auch mit meinem Alter zusammen, habe ich jetzt gewisse Verletzungen. Gerade die letzten akuten Probleme haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, wenn man fit durchs Leben gehen kann.

BT: Sind Sie von daher froh, dass die Winterpause wahrscheinlich lange bis Ende Februar andauert?
Stern: Fragen Sie aufgrund unserer letzten Ergebnisse?

BT: Nein, ich dachte eher an die persönlichen Wehwehchen ...
Stern: Für mich persönlich passt die lange Zeit auf jeden Fall, um eben meine Probleme auskurieren und mir meine persönlichen Gedanken machen zu können. Dass ich mit dem Bandscheibenproblem in Zukunft nicht mehr so spielen kann wie in der Vorjahren, ist mir bewusst. Trotzdem ist der Fußball für mich immer noch die Nummer eins, und es ist für mich ehrlich auch schwer, davon Abstand zu finden. Künftig muss ich eben aufpassen, dass mir so etwas auf dem Platz nicht mehr passiert.

Weiterhin als Spielertrainer auf dem Platz

BT: Werden Sie demgemäß noch weiter als Spielertrainer auf dem Platz mitwirken oder die Anweisungen künftig nur noch von der Bank geben?
Stern: Ich habe schon vor, weiter Fußball zu spielen, weil es mir wie gesagt viel bedeutet. Natürlich schaue ich jetzt intensiver auf die Gesundheit, aber meine Stärken auf dem Platz liegen vor allem darin, die Bälle von hinten heraus zu verteilen, und ich will nicht mehr so stark wie früher im gegnerischen Strafraum in die Zweikämpfe gehen. Ich will weiter Unterstützung auf dem Platz geben. Wenn es darauf ankommt, will ich für die Mannschaft da sein.

BT: Rechnen Sie damit, dass beim Wiederbeginn nur noch die Hinrunde zu Ende gespielt wird, also für Euch insgesamt nur noch sechs Spiele anstehen?
Stern: Ich hoffe ehrlich gesagt nicht, weil nach nur einer Halbserie über Auf- und Abstieg zu entscheiden, finde ich schon krass. Es gibt etliche Teams, die über eine gewisse Periode Probleme hatten, nicht bei hundert Prozent waren, die aber bei diesen hundert Prozent in der Rückserie rankommen könnten. Von daher fände ich das nicht fair, schon nach einer Halbserie Schluss zu machen. Ich denke, dass der Verband auch die Möglichkeit hätte, über den 12. Juni hinaus zu spielen. Gerade in so verrückten Zeiten wie jetzt ist es wichtig, dass man flexibel bleibt. Es gibt noch die Möglichkeit, sich etwas einfallen zu lassen.

BT: Wie kam es aus Ihrer Sicht nach dem gelungenen Saisonstart zu dieser Negativserie, die Euch auf Rang elf abrutschen ließ?
Stern: Es gibt immer Ups und Downs, vor allem auch bei einer Mannschaft mit einem so jungen Durchschnittsalter. Das soll aber keine Ausrede sein, die Leistung zählt immer, ob jung oder alt. Trotzdem fällt einem bei vielen Spielern die mangelnde Erfahrung auf, ob das in den Zweikämpfen, beim Torabschluss oder im Defensivverhalten ist. Benutze ich einen Kontakt oder zwei, das ist einfach so eine Sache der Erfahrung, die uns in den letzten Wochen vor der Unterbrechung gefehlt hat. Andere wiederum haben ihre hundertprozentige Leistung nicht abrufen können. Da stelle ich mir dann auch die Frage: Warum, wieso? Die Belastung zum Saisonstart war natürlich auch hoch, da wir kaum Rotation hatten, es kam damals auf wenige Spieler drauf an. Ich war da auch unzufrieden, dass wir nicht die richtige Mentalität an den Tag legten, die uns zuvor ausgezeichnet hatte. Es spielen viele Faktoren bei so einem Negativlauf eine Rolle, und gerade junge Spieler lassen sich davon dann eher beeinträchtigen.

BT: Sie haben in dieser Saison bislang erst zwei Mal in der Startaufstellung gestanden, aber immer darauf hingewiesen, dass es auch ohne den Teamleader, der Sie zweifellos sind, gehen muss. War dies eine Fehleinschätzung der Leistungsstärke?
Stern: Die Aussage, dass es auch ohne mich funktionieren muss, ist aus meiner Sicht absolut korrekt. Das muss mein Ziel als Trainer auch sein. Okay, ich bin sicher ein Leader, es gibt aber auch noch andere Führungsfiguren im Kader, die die Mannschaft zum Saisonbeginn auch wirklich geführt haben. Ich würde nicht sagen, dass ich die Mannschaft überschätzt habe. Was uns abgegangen ist in der Negativphase, ist allerdings, dass wir unsere Stärken nicht mehr ausgespielt haben, also unsere Mentalität und das wilde Verlangen nach Vollgas. Das haben wir leider vermissen lassen. Wir haben auf dem Weg den Spirit verloren. Da haben wir in den vergangenen Tagen und Wochen auch versucht, daran zu schrauben. Ich glaube, dass wir die richtigen Werkzeuge gefunden haben, sodass ich jetzt positiv gestimmt bin, dass wir künftig auch wieder als wilde Mentalitätsbestien auftreten werden.

„Ich bin an Spieltagen sehr angespannt“

BT: Sie kennen viele Trainerkollegen. Ist die jahrelange Doppelfunktion als Spielertrainer auf Dauer zu stressig und anspruchsvoll?
Stern: Zu stressig nicht, obwohl ich an den Spieltagen schon sehr angespannt bin. Das merken dann nicht nur meine Spieler auf dem Platz, sondern auch meine Familie. Den nötigen Ehrgeiz habe ich über all die Jahre nicht verloren. Ich habe zum Glück ein gutes Trainerteam um mich herum mit meinem Bruder Robin und Sven Kolodzick als Assistenten. Das sind gute Jungs, die mich von draußen auch gut ergänzen. Ich muss mich vielleicht wieder mehr auf mein Spiel konzentrieren und dafür mehr Verantwortung an sie abgeben. Ich denke, dass mit dem zunehmenden Alter die Führungsqualität nicht nachlässt, die fußballerische aber vielleicht schon etwas. Die Kombination mit Robin und Sven ist super, es liegt jetzt nur an mir, dass ich das Ganze noch besser umsetze.

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Erstellt:
24. November 2020, 17:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 43sec

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