Sisi: Wie ein Engel im Sternenkleid

Baden-Baden (BT) – Warten auf das Christkind mit den „Sissi“-Filmen hat Tradition. Dabei ist historische Sisi selbst am Heiligen Abend geboren.

Die Sisi-Sterne von Hofjuwelier Köchert sind immer noch im Original-Design in den Auslagen seiner Nachfahren in Wien. Foto: Thomas Viering

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Die Sisi-Sterne von Hofjuwelier Köchert sind immer noch im Original-Design in den Auslagen seiner Nachfahren in Wien. Foto: Thomas Viering

Weihnachten und Sisi, das gehört scheinbar zusammen. Das Leben des am Heiligen Abend 1837 geborenen Fürstenkinds Sisi aus der bayerischen Provinz klingt wie ein Weihnachtswunder. Auf dem offiziellen Staatsporträt, des im Auftrag Seiner Majestät Kaiser Franz Joseph geschaffenen berühmten Winterhalter-Gemäldes, steht Sisi, inzwischen Kaiserin von Österreich und kurz darauf auch Königin von Ungarn, da wie ein geschmückter Weihnachtsengel im Lichterglanze. Fast zwangsläufig, dass seit Generationen die „Sissi“-Filmtrilogie mit Romy Schneider und Karlheinz Böhm in den Hauptrollen ein Filmklassiker, ein „must see“, über die Weihnachtsfeiertage geworden ist.

Es soll eine Liebesheirat in Wien gewesen sein zwischen der echten Sisi und dem jungen Franz Joseph – in Bad Ischl nahe der österreichisch-bayerischen Grenze wurde das Glück geknüpft. Die Grenzregion zwischen Possenhofen am Starnberger See, Berchtesgaden und dem Salzkammergut sollte fortan der Sisi-Verehrung geweiht sein. Zumal auch die andere berühmte Sissi-Verkörperung, Schauspielerin Romy Schneider, am Königssee aufwuchs. Heuer vor 65 Jahren wurde der Dreiteiler erstmals ausgestrahlt. Für die Wiener Hofburg, dem Hort der wahren Sisi-Schätze und absoluter Originalschauplatz, ist diese Verfilmung immer noch die beste weit und breit. In den 1950er Jahren durfte noch in der Hofburg gedreht werden – längst undenkbar für die österreichischen National-Denkmalschützer. „Diese Filme gehen zwar leider über die ersten sechs Ehejahre nicht hinaus – aber da war die Kaiserin von Österreich so, wie sie Romy Schneider darstellt“, sagt der Kurator des Sisi-Museums in der Wiener Hofburg, Michael Wohlfart. Beinahe ein Ritterschlag, wenngleich die Film- und Fernsehleute in den 1950er Jahren eher gute Unterhaltung im Sinn hatten.

Die berühmte „Sissi“ aus dem Filmklassiker wuchs am Königssee auf: Ein Museum erinnert an Romy Schneider. Foto: Thomas Viering

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Die berühmte „Sissi“ aus dem Filmklassiker wuchs am Königssee auf: Ein Museum erinnert an Romy Schneider. Foto: Thomas Viering

Das öffentliche Bild der echten Sisi von Österreich, zu ihrer Zeit eine der strahlendsten Schönheiten Europas, prägte Franz Xaver Winterhalter. Europas erster Fürstenmaler aus dem Schwarzwald-Örtchen Menzenschwand porträtierte die 28-jährige Elisabeth überlebensgroß und gertenschlank – so wie sich die sportbegeisterte und extrem figurbewusste Monarchin selbst präsentierte. Das Bild ist ein Inbegriff von Haltung, Eleganz und Grazie.

Auf dem Ganzfigurenporträt in Öl auf Leinwand dreht Kaiserin Sisi in ihrem weißen Tüllkleid dem Betrachter eine makellose Schulteransicht zu, der luxuriöse Stoff ihrer Robe ist mit glänzender Silberfolie bestickt. Herrlich glitzert auch der Sternenschmuck in ihrer Haarpracht, die der Kaiserin über den ganzen Rücken fällt: 27 Diamantsterne verteilen sich über dem üppigen Zopf. Hier und da wird der Haarschmuck auch als Edelweißblüte interpretiert, der Blume der österreichischen Alpenregion. Aber der Kurator in Wien sagt, das sei nicht korrekt.

Sternenschmuck war im 19. Jahrhundert groß in Mode, Elisabeth hatte mehrere Ausfertigungen davon. „So wie auf dem Gemälde hat sie den Haarschmuck zum Sternenkleid auch getragen, das ist verbürgt“, bestätigt Sisi-Experte Wohlfart. „Das geht sich auch aus mit dieser Frisur. Wir haben das schon einmal für eine Ausstellung nachgestellt“.

27 Diamantsterne im üppigen Zopf verteilt

Die berühmten „Sisi-Sterne“ wurden von dem Wiener Hofjuwelier Alexander Emanuel Köchert entworfen, der wie sein Vater, die Kronjuwelen des österreichischen Kaiserhofs pflegte und die Kaiserkrone restaurierte. Die Diamantsterne sind dem Sternenschmuck der „Königin der Nacht“ nachempfunden. Sie hatten Elisabeth beim Besuch einer Wiener Aufführung von Amadé Mozarts „Zauberflöte“ ausnehmend gut gefallen.

Kaiser Franz Joseph gab eine kleine Anzahl in einer, natürlich veredelten Version, bei Hofjuwelier Köchert in Auftrag – und schenkte sie seiner Sisi zum ersten Hochzeitstag. Zehn Jahre später besaß die Kaiserin 27 dieser diamantenen Stern-Juwelen aus der Manufaktur des Juweliers, dessen Nachfolger heute noch am Wiener Neuen Markt residieren.

Sisis Sternen-Outfit war erst mit dem Sternenkleid von Charles Frederick Worth komplett. Das duftige Kleid des englischen Modeschöpfers, der in Paris zum Begründer der Haute Couture wurde und den europäischen Hochadel genauso wie den Bühnenadel ausstaffierte, schwebte damals über den ersten Laufsteg der Modegeschichte: Elisabeth von Österreich war begeistert von dem Traum aus Seide, Tüll und Silber. Auf der Hochzeit ihres Bruders Karl im Februar 1865 in Dresden mit einer Sachsen-Prinzessin ist Sisi erstmals im Sternen-Outfit aufgetreten.

Die Reaktionen der Hochzeitsgäste schildert der Bruder von Kaiser Franz Joseph in einem Brief: Ganz verrückt vor Begeisterung sei die Hofgesellschaft gewesen, als sie die Sternen-geschmückte Sisi erblickt habe. Das Sternenkleid gab es doppelt, die Schwester der Kaiserin trug bei dieser Hochzeit das gleiche Outfit. Die Schwestern sind oft wie Zwillinge gekleidet in der Öffentlichkeit aufgetreten, weil sie sich doch ähnlich sahen: ein Spaß ganz nach Sisis Geschmack.

„Alle waren außer Rand und Band, weil sie so großartig aussah und faktisch der Braut die Show gestohlen hat“, resümiert Kurator Wohlfart. „Da hat sie es zum ersten Mal angehabt, wir wissen aber nicht, ob sie es noch einmal getragen hat – außer natürlich fürs Porträt.“

Das Gemälde entstand 1865 in Wien. Den Winter 1864/65 verbrachte der badische Maler Winterhalter in Wien, in Schloss Schönbrunn hatte ihm Franz Joseph für den Porträtauftrag eigens ein Atelier eingerichtet. Rund um den Jahreswechsel malte Winterhalter noch zwei weitere Sisi-Porträts: viel privatere, die die Kaiserin im weißen Taftkleid zeigen, auf denen ihre Haarpracht zur Geltung kommt, sie umschmeichelt und umschlingt.

Sisi-Gemälde für die Queen zu Weihnachten

Franz Joseph war begeistert. In einem Brief schrieb er: „Das sind die ersten ähnlichen Porträts von ihr.“ Die beiden Gemälde mit offenem und verschlungenem Haar hingen in seinem Arbeitszimmer. Und werden heute noch dort in der Ausstellung der Wiener Hofburg gezeigt, wenn auch nicht mehr beide im Original. Das Gemälde, auf dem Sisi ihr prachtvolles Haar vor der Brust wie eine Stola verknotet trägt, war Franz Joseph Lieblingsbild, es stand direkt an seinem Schreibtisch.

Vermutlich ist es noch immer im Familienbesitz, ward aber nie mehr öffentlich gesehen. „Man kennt es eigentlich nur als Schwarz-Weiß-Fotografie aus dem 19. Jahrhundert“, sagt Kurator Wohlfart. Eine Kopie des Bilds von Ernst Riegele aus dem Jahr 1923 gehört zur Sammlung Turn und Taxis und wird hin und wieder ausgestellt. „Dann steht halt auch sehr oft leider Winterhalter als Maler dabei“, beklagt der Sisi-Experte. Doch das Winterhalter-Bild sei um vieles besser als die Kopie, vor allem das Gesicht sei ganz anders.

Das Museum der Wiener Hofburg kann immerhin noch zwei der berühmten Winterhalter-Porträts von Kaiserin Elisabeth sein eigen nennen. Das Gemälde von Sisi mit offenem Haar immerhin konnte in den 1980er Jahren bei einer Auktion zurückgekauft werden. Das Staatsporträt mit dem Sternenkleid blieb am Ende der Kaiserzeit im Staatsbesitz – und damit der Hofburg erhalten. Ausgeliehen wird es nicht. Dafür gibt es wiederum eine Kopie in der Bundesmobilienverwaltung Österreichs. Sie war in der Winterhalter-Ausstellung 2015 in Freiburg zu sehen.

In Bad Ischl, am Lieblingsort von Kaiserin Elisabeth, lebt die Gedenkkultur auch im Kaffeehaus fort. Foto: Thomas Viering

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In Bad Ischl, am Lieblingsort von Kaiserin Elisabeth, lebt die Gedenkkultur auch im Kaffeehaus fort. Foto: Thomas Viering

Die Sisi-Porträts gehören zu den großartigsten Gemälden, die der Fürstenmaler Winterhalter je von seinen adligen Modellen angefertigt hat. Sie begeisterten sogar die englische Königin Victoria. 15 Jahre nach Entstehung der Porträts schenke Kaiser Franz Joseph der Queen zu Weihnachten eine originalgetreue, von ihm in Auftrag gegebene Ausfertigung des Porträts von Kaiserin Elisabeth mit offenem Haar.

Ähnlich wie auf dem Staatsporträt im Sternenkleid wendet Sisi dem Betrachter ihre graziöse Rückenansicht zu, über die das lange Haar üppig fällt. Der „ein wenig lieblichere Gesichtsausdruck Elisabeth schuf der Maler Ludwig Minnigerode. Das Gemälde hängt im Buckingham Palast über dem Kamin in die Wand eingelassen. Winterhalter selbst fertigte keine Kopien seiner Gemälde. „Die Originale sollten immer einzigartig bleiben“, sagt Kurator Wohlfart.

Die 27 Diamantsterne erbte Sisis Enkelin Elisabeth Marie, die Tochter von Kronprinz Rudolf, der sich legendär auf Schloss Mayerling zusammen mit seiner Geliebten das Leben nahm. Auch Elisabeth Marie wurde in der Familie Sisi genannt, in der ungarischen Koseform „Erzsi“. Sie heiratete 1902 und bei dieser Gelegenheit war, wie vor der Hochzeit einer Erzherzogin üblich, ihr Trousseau in der Wiener Hofburg ausgestellt. Eine Wiener Zeitung berichtete damals darüber, und auf den Fotos sind auch die 27 Diamantsterne zu sehen. Ein Beweis, dass sie vererbt wurden, und sie existieren vermutlich noch, schätzt der Wiener Kurator, Sisis Tochter bekam selbst vier Kinder.

Einen Großteil ihres Nachlasses vermachte die Tochter der letzten Kaiserin Österreichs 1963 dem Staat. Dabei ist auch ihr Schmuck in die Schatzkammer gekommen, die Diamantsterne waren nicht dabei, dafür ein paar echte Sterne aus der Köchert-Version mit Perle.

Der Sisi-Mythos lebt nicht nur in der Hofburg weiter – er beflügelt aktuell auch die Serien-Produzenten. „Ja, leider“, sagt der Wiener Sisi-Experte – das hätte so gar nichts mit der Realität zu tun: die Figurengestaltung zu modern, zu reißerisch die Handlung, mehr den Einschaltquoten geschuldet als dem Geschichtsbewusstsein.


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