Skandal und Sternstunde der Freiheit in Gernsbach

Gernsbach (BT) – Der erste Vortrag der Veranstaltungsreihe über jüdisches Leben in Gernsbach lockte zahlreiche Interessierte in die Zehntscheuern.

Der durch Baumwuchs umgestürzte Grabstein von Simon Kaufmann dem Jüngeren auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim. Foto: Cornelia Renger-Zorn

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Der durch Baumwuchs umgestürzte Grabstein von Simon Kaufmann dem Jüngeren auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim. Foto: Cornelia Renger-Zorn

Stadtarchivar Wolfgang Froese führte zunächst in die dreiteilige Vortragsreihe in den Zehntscheuern ein und stellte das Konzept vor, jüdisches Leben in Einzelschicksalen vorzustellen. Dann referierte Dr. Cornelia Renger-Zorn über die (fast) unmögliche Ehe von Simon Kaufmann und Friederike Fries unter dem Titel: „Gernsbach 1810: Jude heiratet Christin. Skandal und Sternstunde der Freiheit“.

Im Oktober jenen Jahres heiratete der jüdische Gernsbacher Handelsmann Simon Kaufmann der Jüngere (geboren um 1771) seine Partnerin Heinrike Friederike Fries (geboren 1774), die Tochter des Gernsbacher Bürgers und Perückenmachers Johann Jakob Fries. Seit Jahren lebten die beiden in „wilder Ehe“. Ein gemeinsames Kind war bereits verstorben. Wenige Jahrzehnte vorher wäre das nicht möglich gewesen. Als 1744 eine christliche Kuppenheimerin ein Kind von einem Juden erwartete, landeten beide im Gefängnis. Die Frau wurde an den Pranger gestellt und des Landes verwiesen. 1810 hatte sich im Zuge der Neuordnung Europas durch Napoleon die Gesetzeslage gewandelt. In dem sogenannten Judenedikt vom 11. Februar 1809 wurde die Stellung der Juden als Staatsbürger bestätigt, am 1. Januar 1810 das am französischen Code Napoleon orientierte Badische Landrecht eingeführt. Gleich am Anfang des Jahres bat Simon Kaufmann bei der großherzoglichen Regierung um die Heiratserlaubnis, vor allem da seine Friederike wieder schwanger war.

Religiöser Ritus für Ehe erforderlich

Die Erlaubnis kam umgehend. Allerdings galt auch noch die Badische Eheordnung von 1807, wonach für Angehörige der christlichen Konfessionen und der mosaischen Religion noch eine Trauung nach religiösem Ritus erforderlich war. Kaufmann strebte eine Hochzeit nach jüdischem Ritus an, aber der Landesrabbiner in Karlsruhe lehnte ab.

Der evangelische Stadtpfarrer Christoph Friedrich Rink schlug vor, die beiden nach lutherischem Ritus zu trauen, was wiederum Kaufmann nicht wollte. Er fürchtete, dass seine Glaubensgenossen ihn dann nicht mehr „an ihren Religionsübungen Theil nehmen lassen würden“. Pfarrer Rink bat daraufhin die evangelische Kirchenbehörde in Karlsruhe, auf eine kirchliche Eheschließung ausnahmsweise zu verzichten. „Diese Leute führen miteinander eine Spezereihandlung“, führte der Pfarrer aus. „Will man sie mit Gewalt von einander treiben, so sind sie unglücklich, denn sie lieben sich. Auch kann eines allein das Gewerbe nicht treiben.“

Rink wies auch auf die Bereitschaft Kaufmanns hin, die Kinder in der christlichen Religion zu erziehen und ihnen sein gesamtes Vermögen zu hinterlassen.

Badische Regierung erlaubt Ausnahme

Die Kirchenbehörde lehnte ab. Das Paar lebe, so urteilte der Oberhofprediger, in „nie gestörter Unzucht“, um dann die Frage zu stellen: „Was hat das Licht (des Christenthum) für Gemeinschaft mit der Finsterniß (mit dem Heydenthum und Judenthum)?“ Die Sache ging zurück an die badische Regierung, die schließlich die rein standesamtliche Trauung unwiderruflich erlaubte, sehr zum Bedauern der Kirchenbehörde! Da die Zivilehe in Baden offiziell erst 1870 eingeführt wurde, stellte diese Erlaubnis eine absolute Ausnahme dar und darf wohl als Sternstunde der bürgerlichen Freiheit betrachtet werden.

In ihrem Geschäft führten die Kaufmanns Spezereien, also Kaffee, Tee, Zucker und Gewürze. Wo es sich befand, ist unsicher. Sicher ist, dass Kaufmann 1811 für 1.300 Gulden ein Haus zwischen Amtsstraße und Stadtmauer verkaufte. 1834 verfügte er über ein Vermögen von etwa 21.000 Gulden (der reichste Bürger, Johann Casimir Katz, versteuerte um 34.000 Gulden).

Bis 1815 wurden der Familie Kaufmann noch zwei weitere Söhne geboren. Dann starb 1817 Friederike, und der Witwer geriet zunehmend in Konflikte mit der jüdischen Gemeinde, da er, wie er schreibt, „eine Christenfrau gehabt habe“.

Mit seinen christlichen Mitbürgern lebte er in gutem Einvernehmen, darauf deuten die Taufpaten seiner Kinder hin. 1848 wohnte er zusammen mit einem seiner Söhne und einer Magd am Stadtbuckel im Haus des Messerschmieds Wilhelm Rothengatter, nicht weit vom Haus Griesbach entfernt.

Als frommer Jude fühlte er sich in Gernsbach aber nicht mehr angenommen, sondern schloss sich seinen Glaubensgenossen in Hörden an. 1857 starb er und wurde auf dem jüdischen Friedhof in Kuppenheim begraben.


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