So wird das Jahr 2022

Von Joachim Eiermann

Bühl (jo) – Der satirische Jahres-Ausblick für Bühl und Umgebung hat wieder einige Überraschungen auf Lager – unter anderem einen neuen Titel für Bühlertal und einen ganz besonderen Feuerwehreinsatz.

So wird das Jahr 2022

Wurde aber auch Zeit! Bühlertal auf dem Weg zur Kulturhauptstadt.

Januar: Alle Neujahrsempfänge werden abgesagt. Nicht Corona ist der wahre Grund, sondern eine Rüge der Gemeindeprüfungsanstalt. Die Finanzwächter monieren die Bürgerempfänge als „Geldverschwendung“. Die Ausgaben für Saalnutzung, Getränke und Gebäck wie auch die Überstunden des Rathauspersonals im Service seien nicht durch das kommunale Hoheitsrecht gedeckt. Das „Verabreichen von Freigetränken an die Bevölkerung“ sei generell „auf Notfälle zu beschränken“, attestiert ein Gutachter. Zudem leide die Arbeitsleistung der Bürgermeister, wenn diese einen Januar lang Abend für Abend von Empfang zu Empfang pilgern. „Party isch over“, so ein GPA-Sprecher.

Februar: Das Klinikum Mittelbaden lässt die Katze aus dem Sack. Nachdem sich der Baden-Badener Gemeinderat und der Rastatter Kreistag in Sachen künftiges Großkrankenhaus weder auf einen Standort in der Kurstadt noch in der Barockstadt verständigen können, fassen beide Gremien in gemeinsamer Sitzung einen salomonischen Beschluss: Die neue Großklinik kommt nach Ottersweier – in die Ortsmitte auf den Sonnenplatz. Alle Fraktionen heben die „Win-win-Siuation“ hervor: die zentrale Lage mit Eins-a-Busanbindung, eine ausreichende Zahl von Stellplätzen in den angrenzenden Straßen und Wohngebieten sowie die große Akzeptanz der Bevölkerung. Auch Bürgermeister Jürgen Pfetzer ist ganz euphorisch: „Das Dach der künftigen Klinik decken wir komplett mit Photovoltaik.“

März: Damit sich in Lichtenau ein Lapsus von 2021 nicht wiederholen kann, werden die Flure des Rathauses mit Bewegungsmeldern versehen. Deren Impulse steuern eine Ampel im Ratssaal. Rot steht für Bewegung, also Bürgerinnen und Bürger, die sich im Anmarsch zur Gemeinderatssitzung befinden. Leuchtet das Licht hingegen grün, herrscht vor der Saaltür tote Hose. Grün ist für den Bürgermeister das Signal, in die Tagesordnung einsteigen zu können. Christian Greilach erklärt: „Wir haben hinzugelernt und warten mit dem Beginn der Sitzung, bis alle am Platz sind. Das ist wichtiger als deutsche Pünktlichkeit.“ Zudem muss niemand mehr eine Wortmeldung wegen eines dringenden Bedürfnisses verpassen. So wird zwischen den Beratungspunkten eine jeweils viertelstündige Toilettenpause eingelegt – mit Gongschlag, wenn’s weitergeht, wie im (Hof-)Theater.

April: Bühlertal erhält den verdienten Lohn jahrelanger Bemühungen um die Aufwertung des Ortsbildes und Steigerung der kulturellen Identität. Das Obertal und das Untertal werden Unesco-Weltkulturerbe, die Geiserschmiede und der Engelsberg in die Liste der Kulturgüter von internationalem Rang aufgenommen. Dabei hatte das Entscheider-Gremium die Talgemeinde nur zufällig im Rahmen eines Baden-Baden-Aufenthalts entdeckt – bei einer vermeintlichen „Rundwanderung“. „Es war totally crazy, wir hatten uns total verlaufen – wie Hänsel und Gretel. Dann fanden wir diese Pearl of Black Forest.“ So schildert der Chief Executive Officer of Jurors, wie stundenlanges orientierungsloses Herumirren letztlich zu einem Happy End in Bühlertal führt und zur prunkvollen Proklamation – in der Alten Schule.

Mai: Im Baustellen-Ranking zeigt Bühl wahre Größe. Der Start des neuen Sanierungsgebiets „Südlicher Stadteingang“ übertrifft die kühnsten Erwartungen. An die 100 Kräne schießen in kürzester Zeit in die Höhe. Aufgrund der enormen Bauaktivitäten sind große Teile der Südstadt nur per Helikopter erreichbar. Der Durchgangsverkehr muss großräumig über die A5 umgeleitet werden. Alle Bühler Rathäuser bleiben auch nach Corona weiter auf unabsehbare Zeit geschlossen.

Juni: Die Bühler Feuerwehr wird zu einem Brandeinsatz an den Johannesplatz gerufen, doch weiß sie nicht, wohin sie spritzen soll. Dichter, süßlich riechender Qualm wabert über den beliebtesten Treffpunkt der Zwetschgenstadt, aber ein Feuer lässt sich nach Absuchen aller Eisdielen unter Einsatz der Drehleiter nicht ausmachen. Was für die zahlreichen Gäste in den voll besetzten Straßencafés wie eine Jahreshauptprobe der Floriansjünger anmutet, ist aber keine. Erst der Einsatz einer Wärmebildkamera führt auf die richtige Fährte. Die Technik deckt zahlreiche kleine Glutnester auf, die direkt zu den Besuchern auf dem Platz führen. Des Rätsels Lösung: Tags zuvor hat der Bundestag den Konsum von Cannabis legalisiert. Kommentar des Hauptbrandmeisters zu diesem Fehlalarm: „Shit happens!“

Juli: Mehr als sechs Jahrzehnte nach ihrer Stilllegung wird die Bühlertalbahn wiederbelebt. Der Klimaschutz-Strukturfonds der neuen Bundesregierung ermöglicht es, die alte Schienenverbindung zwischen Bühl und dem Untertal zu reaktivieren. Der Gleisbau erfolgt weitgehend auf der L83, die Fahrbahn wird für den Autoverkehr verschmälert. Da die Mittel für eine Elektrifizierung der Strecke nicht ausreichen, kommt anstelle des geplanten E-Schienenbusses eine Draisine zum Einsatz. Kritik am Schneckentempo weist Bürgermeister Hans-Peter Braun zurück: „Das alte Bähnel war auch nicht schneller.“ Eine Fahrkarte kostet nur einen Euro. Wer in die Pedale tritt, zahlt nichts und erhält obendrein freien Eintritt ins neue Bühlot-Bad. Unmittelbar nach der schweißtreibenden Ankunft führt der Weg direkt ins Becken. Braun freut sich über den Synergieeffekt: „Das hilft uns, das Bad zu temperieren.“

August: Rheinmünster gerät im „Sommerloch“ bundesweit in die Schlagzeilen. Im Rathaus stehen die Telefone nicht still, im E-Mail-Account des Bürgermeisters poppen die Presseanfragen im Sekundentakt auf. Die Premium-TV-Sender RTL2 und QVC senden live aus dem Sitzungssaal. Ex-Bundesverkehrsminister Andi Scheuer sieht sich bemüßigt, seine gesamte Fachkompetenz für einen Gastkommentar in einem Boulevard-Blatt zu bündeln. Der Fahrlehrer-Verband fürchtet um seine Pfründe und tritt einen Shitstorm los. Und das alles wegen eines vermeintlich „unverantwortlichen, gefährlichen Angebots“ im Kinderferienprogramm: „Online-Führerschein in zwei Tagen“.

September: Das Land Baden-Württemberg verliert auch den zweiten Prozess um die einsturzgefährdete Hotelruine Hundseck. Nach zwei Teilabbrüchen durch die Bühler Bauordnungsbehörde aus Sicherheitsgründen bittet das Bundesverwaltungsgericht Leipzig in letzter Instanz das Land zur Kasse: Stuttgart muss für die Beseitigung des Schutts zahlen – bis zum letzten Cent. Das Jammern und Wehklagen über den verlorenen Prozess ist riesengroß, zumal die Landesregierung sich seit Jahren für die Beseitigung des Schandflecks beispiellos einsetzt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist sauer: „Dasss isch einfach ungerrächtt!“

Oktober: Die nächste Bühler Großbaustelle wird für den Bau der Schülermensa mit Jugendcafé eingerichtet. Entgegen ursprünglicher Planung bleibt der parkähnliche Garten des Kinder- und Familienzentrums nun doch verschont. Stattdessen rodet ein Subunternehmen der beauftragten Holzhauerei aufgrund einer Verwechslung große Teile des Stadtgartens. In einer kurzfristig einberufenen Krisensitzung entscheidet sich der Gemeinderat unter den neuen Gegebenheiten für einen Standortwechsel – auch um Kosten zu sparen und die Bauzeit zu verkürzen. So lässt sich auf die aufwendige Gründung eines Fundaments verzichten, ist dieses doch bereits vorhanden: Die Mensa wird im Becken des stillgelegten Stadtgartenbrunnens errichtet. OB Hubert Schnurr steht die Freude über die überraschende Wendung ins Gesicht geschrieben: „Warum sind wir nicht schon früher darauf gekommen? Damit lösen wir zwei Probleme auf einen Streich!“

November: Die Sparkommission des Bühler Gemeinderats setzt der Stadtverwaltung bei der Beschaffung des Christbaums für den Adventsmarkt Grenzen. Aufgrund des schmalen Budgets ist nicht mehr drin als ein formunvollendeter Baum. Das allgemeine Murren wegen der einseitigen Ausbildung der Äste ficht den OB bei der Eröffnung des Adventsmarkts aber nicht an. Dieser „nur optische Mangel“ sei nun mal der Natur geschuldet. Hubert Schnurr bekräftigt: „Das ist halt so! Aber die Verwaltung wird prüfen, ob sich zusätzliche Äste anbringen lassen.“

Dezember: Am Nikolaustag ist die Stadt Bühl alle finanzielle Sorgen los, das kommende Weihnachtfest in der Zwetschgenstadt ist mehr als gerettet. Hochrangige Vertreter des Google-Mutterkonzerns Alphabet, angereist aus den USA, machen Hubert Schnurr ihre Aufwartung. Im Gepäck haben sie ein Kaufangebot, das der Oberbürgermeister nicht ausschlagen kann: eine Milliardensumme für die Bühler Videoplattform „Palim! Palim!“.