Sogar die Kostümierung steht beim Quantz-Collegium infrage

Rastatt (ema) – Sie sind seit Jahrzehnten ein musikalisches Aushängeschild in der Region, und doch sehen sie sich ein Stück weit am Scheideweg: Das Quantz-Collegium.

Die Kostümierung der Musiker als ein Markenzeichen steht zur Disposition. Foto: Quantz-Collegium

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Die Kostümierung der Musiker als ein Markenzeichen steht zur Disposition. Foto: Quantz-Collegium

Die Wurzeln gehen bis 1936 zurück, seit 1957 hat man sich mit den festlichen Serenaden in Schloss Favorite über Mittelbaden hinaus einen Namen gemacht. Eine Neuausrichtung strebt zumindest Jochen Baier an, der seit 30 Jahren Leiter der Konzertreihe ist.
So wie vielen ging es auch dem 59-jährigen Flötisten: Corona zwang ihn zum Innehalten und Nachdenken über neue Perspektiven. Und die erhofft sich der Malscher jetzt auch für den gemeinnützigen Trägerverein, dem Baier seit seiner Gründung vorsteht.

Denn so, wie die Konzertreihe am Leben erhalten wird, kann es aus seiner Sicht nicht weitergehen. Die ganze Organisation werde seit 30 Jahren quasi von zwei Personen geleistet, umreißt Baier die angespannte Situation. Die einzige öffentliche Unterstützung komme mit 100 Euro pro Jahr von der Stadt Rastatt. Alle Ausgaben müssen durch Eintrittsgelder für die bislang zwölf Konzerte pro Jahr (vor Corona) erwirtschaftet werden. Das bedeutet: Die Honorare an die Musiker bleiben ohnehin bescheiden; weitere Ausgaben schlagen für Raummiete an die Schlösserverwaltung, Noten und Instandhaltung der Kostüme zu Buche.

Immer mehr Konkurrenz

Das Engagement muss sich dabei in Konkurrenz bewähren. „Immer mehr Veranstalter teilen sich die immer kleiner werdende Klassik-Zuhörerschaft“, sagt Baier mit der Folge, dass die festlichen Serenaden schon einige Zeit nicht mehr ausverkauft waren.

Der künstlerische Leiter will nun gegensteuern. Dem Verein mit seinen rund 40 Mitgliedern schlägt er vor, neue Mitstreiter und Sponsoren zu suchen. Die Aufgaben sollen künftig auf mehr Schultern verteilt werden. Aber auch das Konzept will Baier neu entwickeln: Bislang bildete die Vielfalt aus Barock und Klassik den Schwerpunkt des Programms. Mehr als 2.000 Werke von 300 Komponisten wurden in annähernd 600 Konzerten über all die Jahre aufgeführt. Dabei ging das Quantz-Collegium immer auf Entdeckungsreise und förderte vergessene Kompositionen (auch aus der Region) zutage. „Warum dieses Spektrum, die unbekannten Komponisten mit den bekannten in den Programmen zu mischen, nicht auch auf spätere Zeiten der Musik erweitern?“, könnte sich der Vereinsvorsitzende vorstellen, Musik von Barock bis zur Moderne aufzuführen – und dabei auch mal Kinderkonzerte zu gestalten.

Das würde aus seiner Sicht zugleich bedeuten, die Kostümierung der Musiker aufzugeben. Baier weiß, dass dazu die Meinungen gespalten sind – schließlich zählt dieser Aspekt genauso wie das passende Ambiente der Sala terrena in Schloss Favorite zum Markenkern des Quantz-Collegiums.

Einen möglichen Vorgeschmack könnten jetzt drei Konzerte vom 24. bis 26. September in Schloss Favorite liefern. Nachdem die Saison 2020 komplett ausgefallen war und eigentlich auch dieser Sommer schon abgehakt war, entschloss sich der Verein kurzfristig, einen Nachklang zum vergangenen Beethoven-Jahr anzustimmen. Gespielt wird am vertrauten Ort – aber ohne Kostüme. Jochen Baier ist natürlich gespannt, wie das ankommt. Das Wichtigste aber ist für ihn, dass wir „ein Lebenszeichen“ geben.


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