Sohn macht Mutter das Leben zur „Hölle“

Gernsbach/Forbach (ham) – Eine Forbacherin flieht am 2. November 2021 in Panik vor ihrem Filius aus dem Fenster. Am Dienstag verhandelte das Amtsgericht Gernsbach den Fall.

Das Urteil des Amtsgerichts Gernsbach fällt milde aus. Foto: Peter Steffen/dpa

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Das Urteil des Amtsgerichts Gernsbach fällt milde aus. Foto: Peter Steffen/dpa

„Der Polizei sagten Sie nach der Tat: ,Das Leben mit meinem Sohn ist die Hölle‘“, goss Richter Ekkhart Koch etwas Öl ins nur noch leicht glimmende Höllenfeuer, um etwas Licht in die schwarze Dunkelheit zu bringen. Vor dem Amtsgericht Gernsbach relativierte sich am Dienstag jedoch der Vorwurf einer Mutter, der bei ihr wohnende Sohn habe sie am 2. November 2021 angegriffen und zu Boden geschlagen.

Der 21-Jährige wollte sich zunächst nicht genau an den Ablauf erinnern – am Ende der Sitzung räumte der Forbacher indes ein, seine Mutter unter anderem als „Hure“ beschimpft zu haben. Zudem gab er zu, ihren Kalender auf den Boden geworfen zu haben. „Der ist mein Heiligtum“, betonte die Zeugin, weil sie darin alle Termine eintrage, um sie nicht zu vergessen. Im nächsten Atemzug nahm sie ihren Zögling in Schutz: „Ich bin vielleicht auch gestolpert, oder er hat mich an der Bluse gepackt – mit der Faust hat er mich aber nicht hingedonnert!“

Psychische Probleme diagnostiziert

Die alleinerziehende Mutter mutmaßte wie ihre Hausärztin per Ferndiagnose, dass ihr Filius psychische Probleme habe. Am Tattag habe sie ihn gebeten, das Navigationsgerät in ihrem Auto zu aktualisieren. Als das nicht wie gewünscht gelang, habe sie gleich gemerkt, dass es „nicht funktionierte. Er nimmt sich so etwas zu Herzen und jammerte: ,Es klappt nix.‘ Ich versuchte, ihn zu trösten, dass das nichts macht mit dem Navi. Danach sah er meinen Kalender im Wohnzimmer und entdeckte das geplante Treffen mit meinem neuen Lebenspartner“, führte die 44-Jährige aus. Sie machte die aufkeimende „Eifersucht“ für das Ausrasten des Sohnes verantwortlich. Weil er zudem zwei der drei Haustüren abschloss und ihr drohte „Du kommst hier nicht mehr raus“, sei sie in Panik geraten und durchs Fenster geflohen. Danach rief die Frau die Polizei herbei.

Den Vorwurf der Freiheitsberaubung ließ Staatsanwalt Marc Deckers fallen, weil der Angeklagte erzählte, er habe die zweite Tür sofort wieder aufgeschlossen, als er bemerkte, dass seine Mutter in Panik geriet. Angesichts der „120 Bewerbungen“, die der junge Mann vergeblich für seinen Traumberuf als Techniker verschickte und wegen einer Fünf in Mathematik nur Absagen erhielt, plädierte Deckers wie Richter Koch für eine halbjährige Betreuung durch die Jugendgerichtshilfe. So könne der introvertierte Nachwuchs, der laut seiner Mutter keine Freunde hat, „realistische Bewerbungen“ versenden und sich über vieles andere im Leben auch klar werden. Zudem übernimmt die Staatskasse die Gerichtskosten, denn als „Gelegenheitsarbeiter und Hausmann“ verdiente der Jüngling nur regelmäßig Taschengeld von seiner Mutter.

„Greencard“ wichtiger als mildes Urteil

Obwohl der Angeklagte von Glück reden konnte, dass er einem milden Amtsgerichtsdirektor und Staatsanwalt gegenübersaß, überlegte er noch eine Weile, ob er das glimpflich ausfallende Urteil akzeptieren oder doch Einspruch erheben sollte. Dabei beschäftigte ihn mehr, ob ein Eintrag ins Strafregister seine Chancen auf eine „Greencard“ für die USA beeinträchtigten. Die einsetzende Diskussion bestätigte Koch darin, dass er einen realitätsfremden „Träumer“ vor sich habe, weshalb er abrupt das Thema „Greencard“ beendete und dem jungen Mann empfahl, sich erst eine „Ausbildung“ angedeihen zu lassen und etwas Geld zu sparen, um sich die „teure USA“ leisten zu können. Zudem: „Momentan lassen die Amerikaner sowieso keinen Europäer wegen Corona rein“, versuchte der Amtsgerichtsdirektor dem 21-Jährigen die Aussichtslosigkeit des Traums deutlich zu machen und befand, „wir sind ja noch nicht am Ende Ihrer Erziehung“. Das Erwachsenen-Strafrecht kam deshalb wegen seines Entwicklungsstands nicht zur Anwendung.

„Die Jugendgerichtshilfe ist eine tolle Chance. Nutzen Sie diese! Versuchen Sie damit, selbst den Absprung von zu Hause zu schaffen“, unterstrich Koch gegenüber dem zögerlichen Delinquenten und befand abschließend: „Wenn es klappt, ist es gut, wenn nicht, sehen Sie mich schlecht gelaunt wieder und ich muss Ihnen ins Kreuz treten, sprich Sie vier Wochen in Arrest schicken!“

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Erstellt:
1. Februar 2022, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 59sec

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