Solidarität bei der Lebenshilfe

Rastatt (sawe) – Bei der Lebenshilfe springen in der Corona-Krise Angestellte ohne Behinderung für Mitarbeiter mit Handicap in Werkstätten und Cap-Markt ein. Die rund 510 Mitarbeiter mit Behinderung dürfen derzeit wegen der Pandemie nicht arbeiten.

Normalerweise sind Carmen Peter (vorne) und Malina Kraft als Schulbegleiterinnen bei der Lebenshilfe tätig; nun arbeiten sie in der Rastatter Werkstatt. Foto: F. Vetter

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Normalerweise sind Carmen Peter (vorne) und Malina Kraft als Schulbegleiterinnen bei der Lebenshilfe tätig; nun arbeiten sie in der Rastatter Werkstatt. Foto: F. Vetter

„Ich wusste gar nicht, dass es so viel Gemüse in Dosen gibt“, bekennt Martin Bleier staunend. An zwei Nachmittagen hat der Geschäftsführer der Murgtal-Werkstätten und Wohngemeinschaften gGmbH im Cap-Markt in Bad Rotenfels Gemüsekonserven und Klopapierpackungen in die Regale eingeräumt und Pizzen nachgelegt. Das habe Spaß gemacht, sei aber auch anstrengend, da er viel in den Keller laufen musste.
Neue Erfahrungen machen aktuell auch die rund 200 Lebenshilfe-Angestellten ohne Handicap, die seit Wochen weitgehend fachfremd im Cap-Markt, in den Murgtalwerkstätten und in den Wohnstätten eingesprungen sind, weil die rund 510 Mitarbeiter mit Behinderung wegen der Corona-Pandemie nicht arbeiten dürfen. „Die machen das richtig toll. Ich bin sehr dankbar dafür. Das hilft uns enorm“, lobt Bleier die solidarische Aktion innerhalb der Lebenshilfe, Kreisvereinigung Rastatt/Murgtal. Vom 18. März bis einschließlich 3. Mai ist die Schließung der Werkstätten für die behinderten Mitarbeiter per Verordnung des Landes zunächst verfügt, weil die Gefahr der Infektion zu groß sei, berichtet Bleier. Wie es ab 4. Mai weitergeht, ist indes noch ungewiss. Das hängt von der Entscheidung des Sozialministeriums ab, die in dieser Woche getroffen werden soll. „Wir würden uns eine Teilöffnung der Werkstätten wünschen und haben diese auch beantragt“, teilt Bleier weiter mit. Vorstellbar wäre für ihn der Einsatz jener Mitarbeiter mit Behinderung, die morgens selbstständig mit der Stadtbahn, per Rad oder zu Fuß zur Arbeit kommen können und nicht mit vielen anderen zusammen im Bus abgeholt werden.

Dringliche Aufträge werden abgearbeitet

Derweil packen Betreuer, Angestellte und Praktikanten in den insgesamt fünf Werkstätten in Rastatt, Gaggenau und Muggensturm tatkräftig an, führen etwa Verpackungs- und Montagearbeiten aus, „um die Produktion einigermaßen aufrechtzuerhalten“. Dabei werden zunächst nur dringliche Aufträge der Firmen abgearbeitet, um Termine einhalten zu können. Andere Mitarbeiter sind in den Wohnstätten eingesetzt, da sich die Bewohner nun nicht nur abends, sondern auch tagsüber in den Einrichtungen aufhalten und in dieser Zeiten ebenfalls Betreuung brauchen. Sie müssen mit Mittagessen versorgt werden, es werden Gartenarbeiten oder andere kleine Tätigkeiten verrichtet oder auch mal ein Kuchen gebacken. „Wir versuchen, ihnen ein Stückweit Tagesstruktur zu geben, damit jeder mitwirken kann und es nicht zu langweilig wird“, verdeutlicht Bleier. Das werde aber mit jeder Woche schwieriger, „da auch Kuchenbacken irgendwann einmal seinen Reiz verlieren kann“. Viele haben ihre Arbeitskollegen wochenlang nicht gesehen und vermissen sie, weiß der Geschäftsführer. Und viele freuten sich ja wieder darauf zu arbeiten.

Auch der Cap-Markt, in dem normalerweise zehn Mitarbeiter mit Behinderung tätig sind, wird derzeit mit Personal aus anderen Zuständigkeitsbereichen betrieben. Und der Markt sei zunehmend gefragt, insbesondere gebe es viele Bestellungen von älteren Menschen, die aus Vorsicht vor Ansteckung nicht selbst einkaufen wollen oder dürfen. Die Lebensmittel müssen im Markt gerichtet, gepackt und dann an die Besteller ausgeliefert werden. Die Senioren seien sehr dankbar für diesen Service.

Ende Mai soll neuer Werkstatt-Bau beginnen

Im Moment werde der Werkstattlohn weiter an die Mitarbeiter mit Behinderung bezahlt, so sei es mit dem Sozialministerium vereinbart. „Wenn es jedoch mehrere Monate so weitergehen sollte, wird es natürlich eng“, meint Bleier auch. Derzeit gehe es noch, weil ja Erträge hereinkommen. Die Lebenshilfe arbeitet regelmäßig für rund 130 Firmen aus der Region und will natürlich keinen Auftraggeber verlieren. Sollten die Behinderten auch weiterhin nicht arbeiten dürfen, so müsse überlegt werden, ob man sich künftig auch mit anderen Kräften, etwa Studenten, behelfen kann.

Von Corona unberührt läuft indes ein weiteres Projekt der Lebenshilfe, gleich hinter der Werkstätte in Rastatt in der Alten Bahnhofstraße. Nachdem dort bereits das neue Zentrallager errichtet worden ist (wir berichteten), soll nun Ende Mai mit dem Bau der neuen Werkstatt begonnen werden, teilt Lebenshilfe-Kreisvorsitzender Hasso Schmidt-Schmiedebach mit. Die Kosten werden auf rund drei Millionen Euro geschätzt. Die Baugrube ist bereits ausgehoben.

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Erstellt:
28. April 2020, 22:30 Uhr
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