„Solidarität ist ein Seifenblasenbegriff“

Freiburg (naf) – Was ist wirklich solidarisch? Diese und weitere Fragen hat BT-Redakteurin Nadine Fissl dem Philosophen Andreas Urs Sommer von der Universität in Freiburg gestellt.

„Solidarität geht immer“ heißt es auf dem Mundschutz einer Demonstrantin. Auch Menschen, die ganz anders sind als man selbst, müssen zu Adressaten der eigenen Solidarität werden, sagt Andreas Urs Sommer. Foto: Moritz Frankenberg/dpa

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„Solidarität geht immer“ heißt es auf dem Mundschutz einer Demonstrantin. Auch Menschen, die ganz anders sind als man selbst, müssen zu Adressaten der eigenen Solidarität werden, sagt Andreas Urs Sommer. Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Während der Corona-Krise wird die Bedeutung des solidarischen Miteinanders immer wieder zum Thema gemacht. In Verbindung mit Schutzmaßnahmen und Impfkampagne rufen verschiedenste Akteure regelmäßig zur Solidarität auf. Doch wer entscheidet schlussendlich, was wirklich solidarisch ist? Und wie können sich Menschen mit verschiedenen Meinungen einvernehmlich gegenüberstehen? Darüber hat BT-Redakteurin Nadine Fissl mit Andreas Urs Sommer, Professor für Philosophie, gesprochen.

BT: Herr Sommer, in Ihrem Buch „Die Kunst des Zweifelns“ schreiben Sie unter anderem darüber, dass der Begriff der Solidarität falsche Assoziationen wecken kann. Wie definieren Sie Solidarität?
Andreas Urs Sommer: Tatsächlich ist Solidarität auch begriffsgeschichtlich ein nicht ganz einfacher Ausdruck. Er kommt aus dem Rechtswesen und bezieht sich auf Menschen, die eine gemeinsame Haftung, eben eine „Solidarhaftung“ haben – wenn sie zum Beispiel gemeinsam ein Haus kaufen oder einen Kredit aufnehmen. Dieser Begriff hat sich dann im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts gewandelt, hin zu einem Begriff, der die Bereitschaft meint, sich für andere einzusetzen. Eine Bereitschaft, die moralisch von uns verlangt sein soll. Bei diesem sehr allgemeinen Definitionsversuch ist natürlich klar, dass die Frage, was es bedeutet, sich für andere einzusetzen, ganz unterschiedlich ausgelegt werden kann. In dem Augenblick, in dem der Begriff im 19. Jahrhundert politisch und auch philosophisch relevant wird, meint er dann tatsächlich, dass alle sich für alle einsetzen sollen. Dass wir eben nicht isolierte Individuen sind, sondern Menschen, die auf andere Menschen bezogen sind. Daraus wird dann abgeleitet, dass wir uns auch für die Bedürfnisse und Anliegen dieser anderen Menschen einzusetzen haben.

BT: Ist das immer möglich?
Sommer: In dieser Allgemeinheit ist das natürlich ein Ding der Unmöglichkeit. Zumal Sie ja immerzu auch parteiisch sind, weil Sie perspektivisch auf die Nächsten bezogen sind und zunächst einmal auf Ihre direkte Umwelt blicken. Sie können solidarisch sein mit den alten Leuten, die in Ihrer Straße wohnen, aber das heißt, dass Sie den Leuten, die in der Nebenstraße wohnen oder am anderen Ende der Stadt, diese Solidarität nicht angedeihen lassen – geschweige denn den Menschen, die in Burkina Faso oder in China leiden. Wir sind in unserer Fähigkeit, uns mit anderen Menschen zu solidarisieren, notwendigerweise eingeschränkt. Die Menschen, die in unserem Fokus sind, profitieren am ehesten von unserer Mitmenschlichkeit. Und das kann man als ungerecht empfinden.

Andreas Urs Sommer ist Professor für Philosophie an der Universität Freiburg. Foto: Miro Kuzmanovic

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Andreas Urs Sommer ist Professor für Philosophie an der Universität Freiburg. Foto: Miro Kuzmanovic

BT: Die Ausrichtung auf gemeinsame Handlungsziele hat aber auch immer eine politische Dimension, oder?
Sommer: In der Tat. In politischen Sonntagsreden ist es eine ganz beliebte Münze, die Solidarität einzufordern und zu sagen: „Wir sind die Partei derjenigen, die solidarisch sind. Die anderen sind es nicht.“ Aber es wird dann nie gesagt, wer eigentlich genau in den Fokus der Solidarität kommen soll. Dass Solidarität als politische Forderung etwas Gleichmacherisches hat, liegt auch auf der Hand. Ihr Vorteil ist, dass nicht darauf geschaut werden soll, wer Hilfe durch „Leistung“ verdient hat, sondern alle in den Genuss der Zuwendung kommen sollen. Aber das Problem bleibt: Wer soll der Adressat, die Adressatin der Solidarität sein? Wie kann man begründen, dass die einen die Solidarität bekommen und die anderen nicht? Wieso ist man mit der Nahwelt, wie der Bevölkerung in Deutschland, solidarischer als mit der Fernwelt in beispielsweise Namibia oder Peru? Dass sie dann da in Schwierigkeiten geraten, ist ganz offensichtlich.

Als politische Worthülse ist Solidarität immer wieder gern gesehen, im Übrigen auch durchs ganze politische Spektrum. Ursprünglich war das eine typische Forderung der politischen Linken, heute hat sich das aber universalisiert. Ich vermute, in so ziemlich allen Parteiprogrammen zur Bundestagswahl wird wohl das Stichwort zur Solidarität gefallen sein. Wie es im Einzelnen dann ausdifferenziert wird, ist eine ganz andere Frage.

BT: Warum wird der Begriff heute, vor allem in Zeiten der Corona-Krise, wieder so häufig verwendet?
Sommer: Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass eine Zurücknahme des sozialen Zusammenhalts empfunden wird und dass man dann mit dem magischen Wort der Solidarität hofft, wieder Zusammenhalt zu stiften. Gerade während der Corona-Krise konnten wir auch ganz konkret solidarisch sein, indem wir zum Beispiel die entsprechenden Schutzmaßnahmen befolgt haben. Im Interesse der Gemeinschaft wurden wir dazu aufgerufen, mit wenig Aufwand etwas für unsere Mitmenschen zu tun. Viele empfinden die Gegenwart als eine Zeit von sozialen Entzweiungserscheinungen, und der Appell an die Solidarität verspricht hier gegenzusteuern. Ob das dann funktioniert, das ist wiederum fraglich. Gerade wenn Solidarität in Zusammenhang mit Corona oder einer Impfkampagne gefordert wird, gibt es auch entsprechende Gegenakzente von Menschen, die eben gerade das nicht als solidarisch empfinden. Gegen Solidarität baut sich Gegensolidarität auf.

BT: Wenn das also individuell wahrgenommen wird, kann eine Gruppe dann überhaupt definieren, was solidarisch ist?
Sommer: Ja, hierin liegt natürlich eine gewisse Gefahr aller Solidaritätsappelle. Sie können stets als Kampfparolen im politischen Feld dienen – wenn man für die eigenen Handlungspräferenzen exklusiv in Anspruch nimmt, „solidarisch“ zu sein, und dann den anders Handelnden abspricht, es ihrerseits zu sein. Man unterstellt gern, es gebe ein Verhalten, das per se unsolidarisch sei, was natürlich die politische Gegenseite jeweils in Abrede stellt. Die sagt dann: „Allein das, was wir tun, ist das wirklich Solidarische.“ Einen übergeordneten, unparteiischen Standpunkt, von dem man letztendlich beurteilen könnte, welche Handlungsweisen solidarisch sind, können wir als Menschen kaum einnehmen. Daran zeigt sich auch, dass die Appelle an die Solidarität häufig ins Leere gehen.

Politische Rhetorik ohne Inhalt


BT: Können Menschen mit verschiedenen Anschauungen und Zielen sich überhaupt solidarisch gegenüberstehen?
Sommer: Wenn Solidarität Relevanz haben soll, dann müsste sie gerade einschließen, dass Menschen, die ganz anders sind als wir, zu Adressaten unserer Solidarität werden. Man sollte in diesem Zusammenhang aber darauf hinweisen, dass mit dem Argument der Solidarität häufig auch mal Maßnahmen der Bevormundung gerechtfertigt werden. Wenn man beispielsweise sagt: „Wir müssen den armen Entwicklungsländern helfen. Wir müssen solidarisch sein“ und das dann dazu benutzt hat, um seine eigenen Ansichten universell zu machen. Wenn sinnvollerweise von Solidarität gesprochen werden soll, ist das eigentlich nur dann möglich, wenn sie auch über den eigenen Gartenzaun hinaus ausgeübt wird.

BT: Und wenn das nicht der Fall ist, erfüllen Solidaritätsappelle dann überhaupt noch einen Zweck?
Sommer: Man könnte natürlich sagen, das sei politische Rhetorik, die zum Selbstzweck verkomme. Das Problem bei inflationär gebrauchten Losungen ist eine allgemeine Ermüdung und Ermattung. Wenn alle für ihre jeweilige Position in Anspruch nehmen, dass sie Ausdruck von Solidarität sei, dann bleibt am Ende unterm Strich nicht mehr viel Konkretes übrig. Es sei denn, Sie können deutlich und konkret machen, worin denn die solidarische Leistung besteht. In den Corona-Impfkampagnen ist das in Ansätzen gelungen. Dass das aber auch von vielen Menschen bestritten wird, können wir im tagtäglichen Meinungsstreit beobachten. Wir müssen mit dem unaufhebbaren Widerstreit politischer Ansichten leben. Es wird in einer menschlichen Gesellschaft nie so sein, dass alle dasselbe Verhalten als solidarisch bezeichnen werden. Stets wird es welche geben, die sagen, ein bestimmtes Verhalten sei nicht solidarisch, obwohl es von der Mehrheit dafür gehalten wird. Wir haben eben allesamt als Individuen jeweils andere Sichtweisen auf die Welt, und das bringt mit sich, dass wir Sachverhalte auch unterschiedlich beurteilen.

Geringe Akzeptanz in der Gesellschaft

BT: Ist die Akzeptanz für diese Unterschiede gesunken?
Sommer: Partiell zumindest. Eine Stimmung größerer Gereiztheit und geringerer Akzeptanz ist vielerorts zu verspüren. Natürlich stellt die Pandemie-Situation für unsere Gesellschaft eine außerordentliche Erfahrung dar. Es standen zunächst noch keine Muster bereit, wie man so etwas bewältigt. Das war und ist für uns alle überaus anstrengend. Entsprechend sinkt auf der einen Seite die Bereitschaft, sich mit Positionen zu arrangieren, die den eigenen diametral zuwiderlaufen. Auf der anderen Seite befinden wir uns da in einem schmerzlichen Akzeptanz-Lernprozess, der womöglich heilsam ist.

BT: Was könnte dabei helfen?
Sommer: Helfen könnte vielleicht eine Bescheidenheitsklausel, die man in die Solidarität einbaut. Sich immer wieder die Perspektivität und die Gebundenheit der eigenen Sicht auf die Welt und der eigenen Maßstäbe, die man anlegt, bewusst zu machen. Um damit dafür zu sorgen, dass sich solidarisches Verhalten auch immer wieder selbst befragt.

Mir scheint außerdem, dass die Lösung längerfristig in einer stärkeren direktdemokratischen Beteiligung von uns allen als Bürgerinnen und Bürgern liegt. Dass wir also nicht nur mitsprechen und unsere Meinungen artikulieren können. Sondern, dass wir in konkreten politischen Entscheidungen tatsächlich auch mitbestimmen können. Die Demokratie sollte sich in Richtung direkter Entscheidungsmöglichkeiten aller Betroffenen entwickeln. Denn das würde dazu führen, dass wir ständig mit den anderen Ansichten im politischen Raum konfrontiert werden, dass wir aber da auch eine wirkliche Auseinandersetzung mit ihnen führen müssen. Dass wir also, wenn wir wirklich darüber abzustimmen haben, ob beispielsweise die entsprechenden gesundheitspolitischen Maßnahmen richtig sind oder ob wir die CO2-Abgabe erhöhen wollen, dass wir also in all solchen Fällen gezwungen wären, uns mit dem zu beschäftigen, was die andere Seite will – und warum sie es will. Und dass das zu einer stärkeren Akzeptanz führt. Auch diese Gereiztheit würde dann zurückgehen.

BT: Weil man dann mitgestalten kann und sich in dem Zuge auch mit der anderen Seite auseinandersetzen muss?
Sommer: Ganz genau. Mitzugestalten und zu sehen, dass die eigene Gestaltungsoption ein Gewicht hat. Und dass man dann versuchen muss, die andere Seite im jeweils sehr konkreten Fall zu verstehen. Dabei würde dann nicht global oder ideologisch, mit „linken“ oder „rechten“ Schemata oder mit großen Worten wie Solidarität operiert, sondern im konkreten Einzelfall gestaltet. Will ich mich jetzt einsetzen für das Bahn-Projekt? Oder für höhere CO2-Abgaben? Wobei es auch hier natürlich immer eine Minderheit gibt, die mit der schließlich getroffenen Entscheidung nicht zufrieden sein wird. Das führt aber dazu, dass der politische Prozess immer in Bewegung bleibt. Dass man immer wieder neu über die Dinge gemeinsam diskutiert und gemeinsam Entscheidungen fällt. Und da würde dann auch immer wieder neu ausgemessen, welche Form von Solidarität mit wem vollzogen werden soll. Solidarität im Allgemeinen ist ein Seifenblasenbegriff, aber wir können ihn konkretisieren. Ein Beispiel wäre das bedingungslose Grundeinkommen, mit dem alle Menschen auskommen würden, hier könnte man sagen, das ist eine Forderung der Solidarität. Bei diesem Beispiel kann man konkret sagen, was das für eine Gemeinschaft bringen soll.

Zur Person

Andreas Urs Sommer ist Professor für Philosophie mit Schwerpunkt Kulturphilosophie und Direktor des Nietzsche-Forschungszentrums an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Neben ethischen Fragestellungen umfassen seine Lehr- und Forschungsgebiete unter anderen die Philosophiegeschichte, die Theorie der Philosophiegeschichtsschreibung, Religions- und Geschichtsphilosophie und die Philosophie Friedrich Nietzsches.


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