Sonderausstattung für den Leitpfosten

Murgtal (hu) – Wildwarnreflektoren gibt es auch im Murgtal. Aber ihre Wirkweise ist umstritten.

Wunderwaffe oder wirkungslos? Die blauen Reflektoren, wie hier an der Reichentaler Straße, sollen Wild davon abhalten, auf die Straße zu laufen, wenn ein Auto kommt. Foto: Swantje Huse

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Wunderwaffe oder wirkungslos? Die blauen Reflektoren, wie hier an der Reichentaler Straße, sollen Wild davon abhalten, auf die Straße zu laufen, wenn ein Auto kommt. Foto: Swantje Huse

Sie sind aus dem Straßenverkehr kaum wegzudenken: Die schwarz-weißen Leitpfosten, die je nach Straßentyp mal näher, mal weiter voneinander entfernt stehen. Mit ihren unterschiedlich geformten Reflektoren auf der Vorder- und Rückseite zeigen sie Autofahrern in der Dunkelheit den Straßenverlauf an. Und dienen zum Einschätzen von Entfernungen. Manche dieser Pfosten scheinen noch eine Sonderausstattung zu haben: Sie sind um einen blauen Reflektor an ihrer Seite ergänzt. Doch was hat es damit auf sich?

„Das sind Wildwarnreflektoren“, erklärt Thomas Marx. Er ist Leiter des Straßenbauamts im Landkreis Rastatt und kennt das „Zusatzmodul“ an den Leitpfosten daher gut – auch wenn seine Behörde eher nur von der Genehmigungsseite damit zu tun hat. „Die Jagdpächter kommen auf uns zu, wenn sie die Reflektoren anbringen wollen“, so Marx. In der Regel werde das vom Straßenbauamt geduldet. Die Jäger schließen sich dann mit der Straßenmeisterei kurz, die dabei ist, wenn die blauen Plastikspiegel angebracht werden. „Und auch die Streckenkontrolle hat im Blick, ob alles richtig angebracht ist.“

Die Warnreflektoren dürfen nicht mit dem Wildwechsel-Schild verwechselt werden. Diese werden dort aufgestellt, wo nachweislich eine erhöhte Wildunfallgefahr besteht. Das erklärt Vera Kramer vom Straßenverkehrsamt des Landkreises. Allerdings gelte auch bei diesen Gefahrzeichen wie für alle Straßenschilder: „So wenig wie möglich, so viele wie unbedingt nötig.“ Im gesamten Kreisgebiet sind es laut Kramer schätzungsweise 50 Schilder. Genau weiß sie es nicht. „Die stehen zum Teil schon sehr lange da, weil sich die Verhältnisse nicht unbedingt ändern.“

Unfallschwerpunkte bleiben

Die blauen Wildwarnreflektoren haben sich dagegen erst in den vergangenen zehn, zwölf Jahren ausgebreitet, schätzt Kreisjägermeister Frank Schröder aus Sulzbach. „In den vergangenen Jahren ist allerdings wieder mehr Ruhe reingekommen.“ Grund dafür sind mehrere Studien, die die Wirksamkeit der Wildwarnreflektoren infrage stellen. Weil jedoch auch diese Ergebnisse umstritten waren, gab es eine erneute Studie der Forstlichen Versuchsanstalt Freiburg, die zum selben Ergebnis kommt.

Schröder hat zwar selbst keine solche Reflektoren in seinem Revier installiert, dennoch sieht er das Thema differenziert: „Die Beurteilung hängt von ganz vielen Faktoren ab, Da seien die Verkehrsentwicklung, Größe des Wildvorkommens, aber auch Bewuchs am Straßenrand. „Das ist ganz, ganz schwierig, objektiv zu beurteilen.“

Rund um die Wildwarnreflektoren gebe es nur wenig, was feststehe. „Was wir sicher wissen, ist, dass Blau eine Warnfarbe für Wild ist wie für uns Orange“, erklärt der Kreisjägermeister. Die unterstellte Wirkweise der Reflektoren ist damit folgende: Das Wild soll nicht grundsätzlich am Kreuzen einer Straße gehindert werden, sondern nur dann, wenn ein Auto kommt. Dieses strahlt mit seinen Scheinwerfern den Reflektor an, der blaues Licht zurück in die Böschungsbereiche wirft und so das Wild vom Überqueren der Straße abhält.

Was sich in der Theorie gut anhört, hat in der Praxis seine Tücken. „Natürlich haben wir Unfallschwerpunkte“, weiß Schröder. „Aber die lassen sich nicht mit den Warnreflektoren beheben. Wegen der Topografie.“ In bergigen Gegenden wie dem Murgtal wird das Licht oft ins Leere gelenkt oder erreicht die Augen des Wilds so spät, dass es bereits dabei ist, auf die Straße zu springen. Die weiträumige und vor allem rechtzeitige Warnwirkung ist damit zumindest erschwert.

Laut FVA sind 2019 in Baden-Württemberg 2.631 Streckenkilometer mit Wildwarnreflektoren ausgestattet gewesen. „Daraus ergeben sich rund 100.000 montierte Wildwarnreflektoren für alle Bundes-, Land- und Kreisstraßen“, heißt es in der Studie. Besonders viele befinden sich demnach unter anderem im Landkreis Calw, unterdurchschnittlich wenige im Schwarzwald.

Und warum hängen die Reflektoren noch, wenn sie nur wenig nutzen? Kreisjägermeister Schröder lacht laut auf bei der Frage. „Na ja“, sagt er schmunzelnd. „Vermutlich, weil sie noch nicht wieder abgemacht wurden.“

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