Sonne satt zum Monatsende

Baden-Baden (vn) – Im Südwesten gibt es in den kommenden Tagen keine Spur vom Kaltwinter, wie ihn Wettermann Kai Zorn vorhergesagt hat. Langfristige Wetterprognosen stehen darum weiter in der Kritik.

Zwei Frauen sitzen auf einer Sitzbank oberhalb der Gemeinde Ihringen und blicken auf das Rheintal. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

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Zwei Frauen sitzen auf einer Sitzbank oberhalb der Gemeinde Ihringen und blicken auf das Rheintal. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

Der Winter scheint das Feld zu räumen: Nach einem nochmals wechselhaften Freitag kündigen Meteorologen für die kommenden Tage im Südwesten viel Sonnenschein an. Nachts ist es zwar noch kalt, doch tagsüber steigen die Temperaturen pünktlich zum meteorologischen Frühlingsanfang voraussichtlich auf bis zu 15 Grad. Zu verdanken ist diese Wetterlage einem Hoch mit dem Namen „Kai“.

Kai Zorn blickt sechs Monate in die Zukunft

Ausgerechnet Kai: So lautet der Vorname des umtriebigen Wettermanns, der am 1. August 2021 auf der Videoplattform Youtube einen langen und harten Winter vorhergesagt hatte („Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche“). Kai Zorn blickte also sechs Monate in die Zukunft. Seine Kernaussagen: Früher erster Wintereinbruch zwischen 20. Oktober und 15. November. November und Februar könnten Kältemonate werden. Wiederholte scharfe Wintereinbrüche aus Nord und Ost. Und: Der Winter wird lange dauern, mindestens bis März.

Auf Anfrage dieser Zeitung hatte bereits Anfang Februar der Pressesprecher des Deutschen Wetterdiensts (DWD), Andreas Friedrich, die Prognose Zorns als „wissenschaftlichen Nonsens“ und „nicht haltbar“ kritisiert. Die Atmosphäre sei ein chaotisches System und entziehe sich konkreten Berechnungen über einen so langen Zeitraum hinweg.

In den folgenden Tagen wurde Friedrich in Interviews noch deutlicher, was die Arbeit des „Hobby- und Privat-Meteorologen“ angeht. Denn ausgelöst durch den Bericht dieser Zeitung entbrannte auf diversen Online-Plattformen ein verbaler Schlagabtausch zwischen Zorn-Kritikern und -Fans.

Jannis als Sonnenbote

Wird jetzt ein Hochdruckgebiet nach ihm benannt, während die Sturmtiefs der vergangenen Wochen Frauennamen wie Ylenia, Zeynap und Antonia trugen? Das wäre eine nette Anekdote, trifft die Realität aber nicht. Der Vorname Kai wurde schon im vergangenen Jahr im Rahmen der Aktion „Wetterpate“ der Freien Universität Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein Berliner Wetterkarte vergeben.

Der Vornamensgeber musste stattliche 360 Euro für das Patronat bezahlen, doch das Geld kommt den Studierenden sowie der Wetter- und Klimastation Berlin-Dahlem der Freien Universität zugute. Nachdem am Mittwoch Jannis für einen sonnigen Tag sorgte, ist jetzt laut alphabetischer Reihenfolge Kai an der Reihe. Nächstes Jahr tragen die Hochs übrigens wieder weibliche Vornamen und die Tiefs männliche.

„Für Petrus persönlich gehalten“

Diplom-Meteorologe Dominik Jung vom Online-Wetterportal wetter.net zieht bereits eine Februar-Bilanz. Seinen Angaben zufolge hat der Monat Potenzial, wärmster Februar seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881 zu werden. „Der Monat ist 4,5 Grad wärmer als das Klimamittel der Jahre 1961 bis 1990“, so Jung. „Das ist wirklich eine markante Abweichung nach oben. Unterm Strich ist der gesamte Winter bisher drei Grad wärmer als das Klimamittel.“ Keine Spur also vom Kaltwinter.

Zorns misslungene Langzeitvorhersage hat in Meteorologenkreisen in den vergangenen Wochen weitere Kritik hervorgerufen. Auf dem Online-Wetterportal daswetter.com äußert sich Leon Beurer: „Solche Prognosen schaden allen seriös arbeitenden Meteorologen. Das Vertrauen in die Meteorologie wird dadurch zerstört. Im schlimmsten Fall nehmen die Menschen Wetterwarnungen nicht mehr wahr und gelangen dadurch in Lebensgefahr.“

Beurer verurteilt „unseriöses Clickbait“. Mit dem Begriff („Klickköder“) bezeichnet man überspitzte Titel oder reißerische Überschriften, um die Neugier der Konsumenten zu wecken. „Der Winterhype ging sogar so weit, dass seriöse Wettermodelle und deren Berechnungen infrage gestellt wurden. Einzelne Zeitgenossen schienen sich dabei für Petrus persönlich zu halten.“

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass Zorn regelmäßig „normale“ Wettervorhersagen veröffentlicht und eine große Fangemeinde hinter sich weiß, die ihm für seine Prognosen dankt und sogar Freizeit- und Urlaubsaktivitäten danach ausrichtet. Kritiker haben es in dieser Community schwer.


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