Sorge um Chancengleichheit

Rastatt (dm) – Nicht jeder Schüler verfügt über die digitale Ausstattung, um beim E-Learning (elektronischen Lernen) zu Hause in Zeiten von Corona die Anforderungen erfüllen zu können. Ist die Chancengleichheit in Gefahr?

Digitale Schule als Belastung: Wer keinen Computer, Drucker oder Scanner hat und nicht an Videokonferenzen teilnehmen kann, gerät womöglich ins Hintertreffen. Foto: Schuh/dpa

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Digitale Schule als Belastung: Wer keinen Computer, Drucker oder Scanner hat und nicht an Videokonferenzen teilnehmen kann, gerät womöglich ins Hintertreffen. Foto: Schuh/dpa

Schule im Ausnahmezustand: Seit dem Shutdown im Zuge der Corona-Krise steigt im Prinzip ein gigantisches Experiment. Beinahe flächendeckend hielten von jetzt auf nachher E-Learning oder Homeschooling Einzug, also das Lernen zu Hause bei elektronischer Übermittlung der (Haus-)Aufgaben. Und das in Zeiten, in denen die Digitalisierung der Bildungsstätten noch in den Kinderschuhen steckt, der bundesweite Digitalpakt erst noch seiner Umsetzung harrt.
Lehrer, Eltern und Schüler – alle sind gefordert. Allerdings: Nicht alle verfügen über die gleichen Voraussetzungen. Die Befürchtung: Finanziell Schwache, Deutsche genauso wie Kinder aus Flüchtlingsfamilien, drohen abgehängt zu werden, weil sie daheim die benötigten Gerätschaften nicht besitzen – Laptop, Scanner, Drucker –, zum Teil nicht einmal einen WLAN-Anschluss, um auf die geforderten Systeme zurückzugreifen beziehungsweise den Aufgaben nachzukommen.

Die 150 Euro Zuschuss pro Kind, mit denen die Bundesregierung die nötige Ausstattung der Schüler beim Unterricht zu Hause fördern will, helfen da aktuell nicht weiter. Die Initiative ist auf die Zukunft ausgerichtet – das Geld soll den Schulträgern, also Kommunen, zufließen, die es für gezielte Anschaffungen daraufhin den Bildungsstätten zur Verfügung stellen. Diese sollen die Geräte dann jeweils auf Antrag an Schüler verleihen, wie der Leiter des Staatlichen Schulamts Rastatt, Wolfgang Held, skizziert. Das wird wohl dauern. Held rechnet mit Herbst.

Lehrer müssen zweigleisig fahren

In der Behörde ist die Homeschooling-Problematik „natürlich“ ein Thema. Die Schulen seien angehalten, Aufgaben in Papierform bereitzustellen, wenn Eltern oder Kinder keine Möglichkeit haben, am E-Learning teilzunehmen. Und das müsse nicht nur soziale Gründe haben, verweist der Schulamtsdirektor auf die Grundschulen, wo es immer auch Kinder gibt, denen die Eltern noch keinen Computer zur Verfügung stellen. „Die Lehrer müssen zweigleisig arbeiten“, so Held. Dafür ist entsprechende Kommunikation und Organisation erforderlich. Das heißt: Man muss wissen, welcher Schüler keinen Zugriff hat und die Übergabe der Papiere regeln. Seine Frau etwa, selbst Grundschullehrerin, rufe ihre Schüler einmal die Woche an und frage nach, wie’s läuft, damit man bei Bedarf entsprechend reagieren kann.

Das scheint indes nicht überall so zu laufen, wie etwa eine Flüchtlingsbetreuerin aus Rastatt miterlebt. Sie kennt Beispiele, auch unter Deutschen, bei denen Lehrer weiterführender Schulen offenbar nicht über die Lebenswirklichkeit der Schüler Bescheid wissen und Jugendliche daher im Regen stehen gelassen werden, wenn sie nicht über die technische Ausstattung verfügen. Klar dürfte zudem sein: Schüler, die von ihren Eltern beim Unterricht zu Hause unterstützt werden können, haben bessere Chancen, unbeschadet aus dieser Krise hervorzugehen, als Schüler, deren Eltern dies nicht können. Woran auch immer es im konkreten Fall hakt – das Ergebnis sei Bildungsungerechtigkeit.

Schulen betreten Neuland

Tatsächlich sei es in dieser Zeit nicht nur wegen fehlender digitaler Endgeräte schwierig, alle Familien und damit auch alle Schüler zu erreichen, weiß Andreas von der Forst, geschäftsführender Leiter der Rastatter Schulen. In einigen Fällen sei aktuell die Schulsozialarbeit eingeschaltet.

In der Gustav-Heinemann-Schule, in der er Rektor ist, habe man mit Hilfe von Elternvertretern einen verlässlichen E-Mail-Verteiler aufgebaut, über den man Wochenpläne versendet. Man ermögliche Eltern aber auch, ausgedruckte Pläne per Tauschsystem abzuholen und zurückzubringen. Zu bestimmten Zeiten seien dafür entsprechende Körbchen aufgestellt. Mit einer Befragung unter Schülern, Eltern und Lehrern über die bisherige Entwicklung wolle man sich einen Überblick darüber verschaffen, wo gegebenenfalls nachgebessert werden kann. Bisher sei die Resonanz ganz gut. Schließlich, so stellt er fest, „mussten auch die Schulen plötzlich Neuland betreten“.

Auch von der Forst hofft, dass das 150-Euro-Paket Besserung bringt. Ob es reicht, um wirklich alle abzuholen?

Die Flüchtlingsbetreuerin weiß um den Fall einer Familie, die derzeit nicht mal einen WLAN-Anschluss in ihrer Wohnung in Rastatt hat, erste Grundvoraussetzung für E-Learning zu Hause. Um einen Anschluss bestellen zu können, wollte man nun ein Konto bei einer Bank eröffnen. Deren Antwort: „Ein Girokonto ist eine auf Dauer angelegte Geschäftsverbindung. Sie werden sich aber nur begrenzte Zeit in Deutschland aufhalten (...). Wir bitten Sie daher um Verständnis, dass wir Ihnen zurzeit kein Girokonto zur Verfügung stellen können.“ Um den Wunsch nochmals prüfen zu können, „füllen Sie bitte ein neues Eröffnungsformular aus.“

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Erstellt:
22. Mai 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
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