Sorgen dies- und jenseits des Grabens in Ottersweier

Ottersweier (hol) – Es ist der dritte Demo-Sonntag in Ottersweier: Rund 200 Impfgegner und 150 Gegendemonstranten sind auf den Beinen. Corona spaltet den Ort.

Verbalattacken, Plakate und Parolen auf beiden Seiten: Vor der Johanneskirche treffen die Kundgebungen aufeinander.  Foto: Bernhard Margull

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Verbalattacken, Plakate und Parolen auf beiden Seiten: Vor der Johanneskirche treffen die Kundgebungen aufeinander. Foto: Bernhard Margull

Sonntag. Es ist 15.05 Uhr: Vor der Johanneskirche stehen gut 150 Menschen. Alle tragen Masken. Auf der Straße vor ihnen: der Grund ihrer Versammlung. Der Protestzug der Impfgegner. Knapp 200 maskenlose Menschen. Zwischen beiden Gruppen: ein tiefer Graben.

Der Notbach, der an dieser Stelle offen durch Ottersweier fließt, ist unüberwindlich, wie ein Burggraben, und er schafft eine natürliche Barriere. Er ist ein Riss, der beide Kundgebungen sauber voneinander trennt.

Jenseits des mit Geländern gesicherten Kanals spazieren Menschen, die heute unterwegs sind, weil sie die Corona-Beschränkungen nicht mehr ertragen wollen. Und weil sie davon überzeugt sind, dass durch diese mehr Menschen sterben als durch die Pandemie selbst. Ottersweierer sind darunter. Aber auch Menschen aus der Region. Autos aus Offenburg, Karlsruhe und Freudenstadt stehen auf dem Parkplatz der Wallfahrtskirche Maria Linden – auch Baden-Baden, Bühl und Rastatt sind vertreten.

„Wir haben alle anderen Krankheiten vernachlässigt“

Dort hat die Kundgebung vor einer Stunde mit Ansprachen begonnen – unter anderem von David Claudio Siber, einem ehemaligen Grünen, der bundesweit unterwegs ist auf derartigen Protestveranstaltungen. „Wir haben den Fokus auf Covid-19 gelegt und haben alle andere Krankheiten vernachlässigt“ sagt er. Und er lässt auch kein gutes Haar am Ottersweierer Bürgermeister Jürgen Pfetzer und am Gemeinderat, der sich von Beginn an gegen die Demos der Impfgegner im Ort gewehrt hatte. Pfetzer habe seine Dienstpflichten verletzt, erklärt auch Rechtsanwalt Klaus Harsch, der die Impfgegner vertritt, in einer Ansprache. In einer anderen Rede wird von einer „Meinungs- und Mediendiktatur“ gesprochen, die in Deutschland herrsche. Die Corona-Maßnahmen zeigten, „in welchem Regime wir angekommen sind“.

Der Ex-Grüne David Claudio Siber ruft die Zuhörer zum Widerstand auf.  Foto: Bernhard Margull

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Der Ex-Grüne David Claudio Siber ruft die Zuhörer zum Widerstand auf. Foto: Bernhard Margull

Diesseits des Notbachs sind auch Menschen, die sich Sorgen machen. Wegen Corona. Weil die Krankheit gefährlich ist. Weil sie nicht wollen, dass die Situation verharmlost wird – und weil unter den Impfgegnern einer ist, dem ein Ruf vorauseilt. Marco Kurz, ein Ottersweierer, der in den vergangenen Jahren auch im pfälzischen Kandel und in Offenburg Menschen auf die Straße gebracht hat. Angeblich geht es ihm nicht um Corona bei seinem Protest. Er stehe politisch ganz weit rechts, sagen viele. „Ein Wolf im Schafspelz“ sei er. Und das alarmiert viele, die keine rechten Demos wollen in Ottersweier. Also ist auf den Plakaten vor der Johanneskirche die Rede von „Nazis“ – und im Song „Schrei nach Liebe“, der aus den Boxen tönt, singen die „Ärzte“ von „Springerstiefeln“. Doch der Songtext will nicht so recht passen zu dem Bild der vor der Kirche vorbeilaufenden Menschen. Nicht nur, weil keiner von ihnen Springerstiefel anhat.

Küsschen und Tänzchen wirken wie Provokation

Der Protestzug der Impfgegner hat die Johanneskirche erreicht. „Merkel in den Knast“, tönt aus einem Lautsprecher. Trillerpfeifen ertönen, Lärm schlägt dem Protestzug entgegen – und es sind keine druckreifen Worte, die über den Notbach gerufen werden. Die meisten Impfgegner reagieren nicht. Manche winken zurück, schmeißen Küsschen, drehen sich wie bei einem Tänzchen. Nett sieht das aus. Doch für die Menschen vor der Kirche wirkt das erst recht als Provokation.

Aber Ottersweier hat auch heute wieder Glück: Die Polizei, die starke Präsenz zeigt, muss nicht eingreifen. Auch Martin Bürkle von der Bühler Ordnungsbehörde ist zufrieden mit dem Verlauf – und er ist froh darüber, dass die Impfgegner darauf verzichtet haben, auch auf dem Platz vor der Johanneskirche eine Ansprache zu halten. Sonst hätten sie nämlich Masken aufsetzen müssen, wie er sagt. Und das wollten sie nicht.

Es bleibt also bei Verbalattacken an diesem Sonntag. Wahrscheinlich nicht zuletzt auch deshalb, weil es eben weder linke Chaoten sind, die da vor der Johanneskirche stehen, noch Nazischläger, die auf der Hauptstraße unterwegs sind. Es finden sich, so scheint es jedenfalls, vor allem und in erster Linie Menschen, die sich Sorgen machen, diesseits und jenseits des Grabens, der Ottersweier zu trennen scheint an diesem Tag. Sorgen, die ihnen derzeit keiner nehmen kann.

Ihr Autor

BT-Redakteur Harald Holzmann

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Erstellt:
14. Februar 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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