Sorgfalt schützt vor Strafe

Baden-Baden (naf) – Die unklare Rechtslage bei Corona-Infektionen im Trainingsbetrieb verunsichert einige regionale Vereine. Von den Verbänden hätte man sich mehr Transparenz gewünscht.

Steckt ein Spieler seine Teamkollegen wissentlich mit dem Coronavirus an, kann er sich wegen Körperverletzung oder sogar wegen eines Tötungsdelikts schuldig machen. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

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Steckt ein Spieler seine Teamkollegen wissentlich mit dem Coronavirus an, kann er sich wegen Körperverletzung oder sogar wegen eines Tötungsdelikts schuldig machen. Foto: David-Wolfgang Ebener/dpa

Die Verunsicherung ist spürbar, auch wenn es keiner ausspricht. Leiter einer Jugendabteilung zu sein, bringt schon zu pandemiefreien Zeiten viel Verantwortung mit sich. Zuletzt, in Zeiten von Verordnungen, Hygienekonzepten und unvorhersehbaren Infektionsgeschehen ist das Organisieren allerdings zur Mammutaufgabe geworden. Dass Vereinsverantwortliche sogar haftbar gemacht werden können, wenn sich jemand im Trainingsbetrieb mit dem Coronavirus infiziert, sorgt für Hemmungen – dass Funktionäre sich mit rechtlichen Fragen zu diesen heiklen Themen alleine gelassen fühlen für Verunsicherungen.
Noch sind die meisten Sportstätten leer. Vereine warten auf Entscheidungen, die wohl in den kommenden Tagen auf höchster Ebene getroffen werden, und hoffen damit auch auf ein mögliches Go für den Trainingsbetrieb im Dezember.

Mit den Sportlern kehrt, wann auch immer, das Infektionsrisiko auf die Plätze und in die Hallen zurück, das sich dort dank Hygienekonzepten zwar in Grenzen hält, aber dennoch nicht zu verachten ist. Absoluten Schutz gibt es nicht – was also, wenn sich ein Spieler im Training mit dem Virus infiziert? Und was, wenn rechtliche Konsequenzen drohen?

Nach Informationen sucht man vergebens


In einer Pressemitteilung, in der es um die „Haftung des Vorstands bei der Umsetzung von Corona-Maßnahmen“ geht, setzt sich der Bayerische Landessportverband jedenfalls mit dem Thema auseinander. Informationen wie diese sucht man sowohl auf der Homepage des Landessportverbands Baden-Württemberg als auch auf der des Badischen Sportbunds in Freiburg vergebens. Auch das Ministerium für Kultus, Jugend und Sport kann bei der Haftungsfrage nicht weiterhelfen. Es sei „vom jeweiligen Einzelfall abhängig, wie sich die Rechtslage darstellt“, erklärt das Ministerium auf Nachfrage. Trainern, die sich darüber sorgen, ob sie im schlimmsten Fall für eine Infektion unter ihrer Aufsicht belangt werden können, hilft das wenig.

Gundolf Fleischer, Präsident des Badischen Sportbunds, bringt etwas Licht ins Dunkel: „Soweit die gesetzlichen Vorgaben und Regelungen eingehalten werden, werden Verantwortliche auch nicht haftbar gemacht“, sagt er auf Nachfrage.

So sieht die Rechtslage aus

Rechtsanwalt Dr. Günther H. Raiser von der Stuttgarter Kanzlei Thümmel, Schütze und Partner kann das bestätigen. Der Vizepräsident der deutschen Anwaltsvereinigung erklärt: Eine Strafbarkeit setzt „mindestens fahrlässiges Verhalten der Beteiligten voraus.“ Wenn ein Trainer die Hygieneregeln missachtet oder Spieler trotz Symptomen, die auf eine Corona-Infektion hinweisen, spielen lässt, wäre das fahrlässig. Kommt es in so einem Fall zur Infektion „macht sich der Spieler einer fahrlässigen oder möglicherweise sogar vorsätzlichen Körperverletzung bis hin zum Tötungsdelikt schuldig“, warnt Raiser. Auch einem mitwissenden Trainer drohen Strafen, denn „die gleiche Verantwortlichkeit trifft natürlich Trainer und Vereinsorgane, wenn sie Spieler, von denen sie wissen oder fahrlässig nicht wissen, dass sie infiziert sind, in den Trainings- oder Spielbetrieb schicken“, fährt Raiser fort.

Entwarnung kann er geben, wenn Verein und Trainer alle Regeln ordnungsgemäß umgesetzt haben und ein ordentliches Hygienekonzept vorweisen können. Sollte dieses von Spielern nicht eingehalten werden „und der Verein trotz entsprechender Überwachung keine Kenntnis hiervon haben, trifft den Verein und dessen Organe keine Verantwortlichkeit“, erklärt Raiser weiter.

Es muss aber fehlende Vorsicht oder wissentlich falsches Verhalten vonseiten des Vereins gegeben sein, damit dieser haftbar gemacht werden kann. Und selbst wenn das der Fall ist, müsse erst einmal ein Kausalzusammenhang bewiesen werden. Ein Erkrankter muss also zweifelsfrei darlegen, dass er sich im Training infiziert hat, was laut Raiser „in Corona-Fällen häufig schwierig nachzuweisen sein wird.“

Regionale Vereine wünschen sich Verständnis

Auch für Jochen Sammüller, Vorstandsmitglied beim SV Sinzheim, war die Haftungsfrage „sobald der Sport nach dem Sommer wieder erlaubt war, ein ganz großes Thema“. Der SVS musste viel Kritik dafür einstecken, dass er nicht gleich wieder mit dem Training begann, sondern rund einen Monat lang wartete. „Wir Vorstände waren schon sehr verunsichert und es war uns einfach nicht klar, ob wir bei einem Infektionsfall im Verein mit weitreichenden Folgen rechnen müssen.“ Vom Verband hätte sich Sammüller (Foto: pr) damals „mehr Transparenz“ gewünscht. Erst nach vielen Anfragen klärte der südbadische Fußballverband auf.

Sollte es nach dem zweiten Lockdown bald wieder zum Trainingsbetrieb kommen, setzt der TV Sandweier auf die „Return to play“-Regularien des Handballverbands sowie auf „möglichst große Transparenz gegenüber den Spielern und Eltern“, sagt Fabian Hochstuhl (Foto: pr). Der Abteilungsleiter hofft, „dass wir uns nie wirklich mit diesem Thema befassen müssen.“ Notwendig wäre das aus seiner Sicht nur, „wenn das Vertrauensverhältnis zerstört ist. Wir versuchen schließlich alles, um Sport im geschützten Umfeld zu ermöglichen.“ Sollten in einem Fall tatsächlich rechtliche Schritte eingeleitet werden, fände Hochstuhl das „im Sinne des Gemeinwohls und des Ehrenamts ganz schön schade.“

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