„Soziales Bonbon“ in Zeiten der Pandemie

Murgtal (ham) – Die Murgtal Community vereint bald 100 Schachspieler: Der Online-Verbund ist einer der wenigen „Lichtblicke“ während des Lockdowns.

Am Brett wie online sehr stark: Großmeister Philipp Schlosser. Foto: Hartmut Metz

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Am Brett wie online sehr stark: Großmeister Philipp Schlosser. Foto: Hartmut Metz

Wettkämpfe finden während der Pandemie seit Monaten in keiner Sportart statt. Das königliche Spiel macht da keine Ausnahme. Auf dem realen Holzbrett ruht der Denksport seit mehr als einem Jahr. Einen Boom erlebt Schach im Gegensatz zu allen anderen Sportarten jedoch: Online spielen so viele Menschen wie noch nie. Täglich messen sich Millionen Spieler im Web.

Mit dabei ist auch die Murgtal-Community (MC), die sich vor allem aus Stammspielern aus Hörden, Gernsbach, Ottenau und Kuppenheim formierte. Auf dem beliebten Schach-Server Lichess vertreten sie seit Monaten erfolgreich die Region und treffen in der sogenannten Quarantäne-Liga auf Gegner von Lima bis Moskau und von Oslo bis Afrika und Asien. Der Spielerverbund aus dem Murgtal verzeichnet derzeit einen sportlichen wie personellen Aufschwung, berichtet der Chef der Murgtal-Community, Daniel Schmitt.

Der Ottenauer fungiert als Teamkapitän und verfasst für die Webseite www.rochade-kuppenheim.de regelmäßig Berichte über das Abschneiden des Teams. Stagnierte zunächst die Spielerzahl bei etwa 50, die sich bei MC anmeldeten, schlossen sich mittlerweile mehr als 80 Akteure den Verbund an. „Tendenz steigend“, betont Schmitt und ergänzt, „durch die dank des Webs genommene Distanz zu den heimischen Klubs zog es viele ehemalige Murgtäler wieder zurück zu ihren Wurzeln.“

Kai Mailitis, der inzwischen für den VFR-SC Koblenz ans Holzbrett geht und früher für Vereine aus dem Murgtal spielte, unterstreicht die Aussage: „Die Murgtal Community ist für mich ein bisschen wie eine Reise zurück in die Vergangenheit.“ Sven Lehmann ist zwar weiterhin beim SK Gernsbach gemeldet, sieht aber durch die Corona-Veränderung sogar Vorteile: „Mir gefällt, nicht extra ins Murgtal fahren zu müssen.“ Der Gernsbacher Spitzenspieler schätzt in dem Lichess-Team den „geselligen freundschaftlichen Austausch über die Grenzen einzelner Vereine hinweg“, ja die Murgtal-Community sei für ihn während der Pandemie „so eine Art soziales Bonbon“.

„Reise zurück zu den Wurzeln im Murgtal“

Joachim Kick widerspricht zumindest, was die Klubabende anlangt. „Grundsätzlich ist Corona für das Vereinsschach eine Katastrophe“, vermisst der Verbandsligaspieler der Rochade die geselligen Treffen im Vereinsheim. Kick pflichtet jedoch Lehmann in einem Punkt bei: „Die Murgtal Community stellt für mich wirklich einen Lichtblick dar.“ Rolf Schlindwein von der OSG Baden-Baden schloss sich deshalb ebenfalls dem benachbarten Murgtal-Team an und betont: „,Schach verbindet‘. Dieses Motto passt vortrefflich zur Murgtal Community“, findet der starke Spieler. Sein Baden-Badener Vereinskamerad Philipp Schlosser ergänzt: „Die Murgtal Community gehört sicher zu den wenigen positiven Begleiterscheinungen der aktuellen Krise.“ Daher fände der Großmeister „es schön, wenn ihr Geist diese überdauert“.

Schlosser ist auch das Zugpferd der Mannschaft. Regelmäßig holt der Profi und Trainer die meisten Punkte für die Murgtal-Community. Die Zähler der acht erfolgreichsten Teilnehmer eines Teams, das zweimal pro Woche abends antritt, werden dabei zum Gesamtergebnis addiert. „Dank Philipp Schlosser und dank des personellen Aufschwungs verbesserten sich rasch auch die Resultate in den Team-Wettkämpfen, weshalb wir im internationalen Wettstreit mit Mannschaften aus der ganzen Welt bis in Liga 3 vorpreschen konnten“, freut sich Schmitt über das Engagement seines Trainers Schlosser. Der Jugendspieler zählt aber selbst zu den Leistungsträgern seines Teams.

Zuletzt stieg dieses angesichts der starken Konkurrenz, zu der auch viele andere Großmeister zählen, aber in die 5. Liga ab, ehe man nun letzte Woche das Comeback in die 4. Liga schaffte und wieder abstieg. Die Rückkehr in die 3. Liga wäre für Schmitt ein „Traum“ und wurde trotz seiner starken Leistungen zuvor knapp verpasst. Neben ihm trumpften Schlosser sowie der langjährige Ottenauer Spitzenspieler Fabian Ferster, der auch Nationalspieler von Liechtenstein ist, auf.

Wichtiger als der Erfolg ist für Schmitt aber, dass die Murgtal-Community weiter wächst: „Bald dürfen wir mit dem 100. Mitglied ein Jubiläum feiern“, freut sich der Ex-Ottenauer über den anhaltenden Boom. Geht es nach dem Kapitän, setzt sich dieser selbst nach Corona fort: „In der Murgtal Community erlebe ich hautnah mit, wie viel Potenzial und Begeisterung in der lokalen Vereinslandschaft herrscht, der gemeinsame Teamgeist wird wohl nach der digitalen Phase andauern.“ Eines habe die Murgtal-Community bereits geschafft: „Die vereinsübergreifenden Beziehungen im Murgtal sind so stark wie noch nie zuvor!“

Ihr Autor

BT-Redakteur Hartmut Metz

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Erstellt:
24. Mai 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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