Spammails: Vergeudung an Energie

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Thema diese Woche: Wie die Gier Einzelner der Allgemeinheit zum Verhängnis wird.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Spammails, Werbeanrufe, Viren oder Trojaner sind weder erlaubt noch gewünscht. Sie sind verboten. Doch im Namen der Gerechtigkeit ist es ein aussichtsloser Kampf gegen Windmühlen oder gegen einen mythologischen Drachen: Wird ein Kopf abgeschlagen, wachsen zwei neue nach.

Zudem gibt es weltweit genügend virtuelle Schlupflöcher oder rechtliche Grauzonen, die eine direkte Intervention gegen diese Machenschaften verhindern. Ärgern hilft hier wenig. Spamanrufer zu blockieren sich gegen Abzocke und Betrügereien zu wehren oder einen Virenscanner zu installieren, sind zwar Möglichkeiten, aber mühsame. Zudem tragen jene die Folgen, die sich eigentlich nichts haben zuschulden kommen lassen: wir Nutzer.

Eines haben diese Belästigungen und Betrugsversuche gemeinsam: Sie belasten die Umwelt, indem sie zusätzlich Ressourcen benötigen, die keinem zugutekommen außer denen, die bei solchen Unternehmungen abkassieren.

Allein die Kosten für die Kühlung von Servern, die sich von Betrugsmails oder gestohlenen Daten ernähren, gehen in die Milliarden. Nicht eingerechnet sind die Betriebs- und Energiekosten, die unseren Planeten belasten. Der virtuelle Abfall und seine konkrete Entsorgung beziehungsweise Verhinderung durch Virenschutz und Firewall ist ein Ressourcenproblem geworden.

Muss ein infizierter PC neu aufgesetzt werden, weil er einem Hackerangriff ausgesetzt war, kostet dies Energie und Lebenszeit, da etwas repariert werden muss, was ein anderer mutwillig und egoistisch zerstört hat.

Moral ist für ein solches Spiel ein möglicher Begriff dann, wenn es sich um zwei mehr oder weniger gleichberechtigte Parteien handelt, die sich über gewisse Handlungsweisen uneins sind. Moral ist etwas, das sich auf Augenhöhe abspielt. Bei kriminell virtuellen Taten ist dies nicht der Fall. Es handelt sich um einen versteckten Angriff, der getarnt, maskiert und verdeckt geführt wird, doch dabei so bedingungslos offen auf Macht, Geld und Betrug aus ist, dass der Begriff Cyberkrieg zu kurz greift. Bei einem Krieg müsste die angegriffene Partei darüber informiert werden.

Doch der Cyberkrieg wird so geführt, dass jeder in die Rolle des Angegriffenen kommen kann. Niemand ist sicher, niemand geschützt. Übrigens auch die Angreifer nicht. Im Prinzip gleicht der Cyberkrieg dem Naturzustand, wie ihn der Philosoph Thomas Hobbes (1588–1679) beschreibt, der von einem Krieg jeder gegen jeden ausging. Um diesen Zustand zu kontrollieren, sollen Verträge abgeschlossen werden, die das Zusammenleben regeln. Doch was haben Internet-Kriminelle, die Unschuldige abzocken, der Gemeinschaft zu bieten? Warum sollten sie als gleichberechtigte Vertragspartner angesehen werden?

Im Naturzustand weiß jeder, dass es sich um einen schlummernden Kriegszustand handelt. Doch wir leben nicht in einer solchen Welt. Nur weil ich ein Handy oder einen PC besitze, bin ich kein potenzielles Opfer. Statt immer wieder gegen die Plage anzugehen, die sich nicht in den Griff bekommen lässt, sollte das Augenmerk darauf gelegt werden, dass solche Machenschaften allen schaden – und zwar durch eigennützige und völlig sinnlose Zerstörung lebenswichtiger Ressourcen. Sie werden bei solchen Übergriffen verbraucht ohne erkennbaren Mehrwert, dafür aber mit einem vehementen Schaden für das Gemeinwohl, die Umwelt und unseren Planeten.

Unser Ziel kann es nicht sein, sich nur einzeln vor solchen Machenschaften zu schützen. Eher gilt es, die Vergeudung an Energie in den Blick zu nehmen. Letztlich, und das ist das Perfide daran, wird die Gier Einzelner allen zum Verhängnis. Cyberkriminelle plündern nicht jemanden aus, sondern unseren Planeten – unser aller Wohnort. Mit anderen Worten: Cyberkrieg ist kalkulierte Zerstörung. Leider wird es dafür wohl erst eine ausgleichende Gerechtigkeit geben, wenn es zu spät ist. Doch dann ist es für alle zu spät: für Bedrohte und Bedroher, für Angegriffene und Angreifer.

Philipp Otto und Eike Gräf (Hrsg.): „3TH1CS: Die Ethik der digitalen Zeit“, Berlin 2017.

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Erstellt:
9. April 2022, 13:05 Uhr
Lesedauer:
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