Sparkassen müssen rund 60.000 Kredite stunden

Stuttgart (tas) – Die Sparkassen im Südwesten überblicken bisher noch nicht das ganze Ausmaß der Corona-Krise. Doch „2021 werden wir die Wahrheit sehen“, sagt Verbandspräsident Peter Schneider.

Die Sparkassen im Land verzeichnen einen neuen Rekordwert bei den Kundeneinlagen. Das Kreditgeschäft reicht nicht aus, um die Mittel zu verstoffwechseln.Fotos: Bernd Weissbrod/dpa

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Die Sparkassen im Land verzeichnen einen neuen Rekordwert bei den Kundeneinlagen. Das Kreditgeschäft reicht nicht aus, um die Mittel zu verstoffwechseln.Fotos: Bernd Weissbrod/dpa

Es ist die größte Bewährungsprobe der Nachkriegsgeschichte für die deutsche Wirtschaft – die Folgen der Corona-Pandemie sind aber nicht so richtig in den 2020er-Bilanzen der Sparkassen angekommen. „Bei den Firmenkunden gibt es nicht so starke Ausfälle wie wir noch vor Monaten befürchtet haben“, sagt der Präsident des Sparkassenverbandes Baden-Württemberg, Peter Schneider. „Die Unternehmen sind relativ stabil und haben im Durchschnitt noch eine gute Kapitalausstattung.“

Zwar hätten rund 60.000 Privat- und Firmenkunden der 50 Institute im Land ihre Kreditraten für mindestens drei, zum Teil für bis zu neun Monate ausgesetzt. Das entspricht einer Summe von 1,4 Milliarden Euro, die nicht rechtzeitig zurückgezahlt werden können – ein historisch hoher Wert. Insgesamt sei die Summe laut Schneider aber nicht problematisch angesichts eines Gesamtkreditvolumens von weit mehr als 140 Milliarden Euro verteilt auf 1,3 Millionen Verträge. „Die allermeisten Kunden bedienen Ihre Kredite also planmäßig.“

Beschönigen will Schneider die Lage aber auch nicht. „2021 werden wir die Wahrheit sehen.“ Vor allem auf lange Sicht erwartet der Sparkassenpräsident schwerwiegende Folgen der monatelangen Lockdowns. Viele Betriebe bräuchten Jahre, um den Reservenverbrauch in der Krise wieder auszugleichen.

Auch in den Bilanzen der öffentlichen Institute verursacht die Corona-Pandemie derzeit Ungleichgewichte. Zwar konnten die baden-württembergischen Sparkassen 2020 ihr Kreditvolumen um fünf Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf den neuen Rekordwert von 143,1 Milliarden Euro steigern, doch das reicht im Vergleich zu den Mittelzuflüssen nicht aus. „So viel Kredit kann man gar nicht vergeben, wie man im Moment an Einlagen bekommt“, sagt Schneider. Denn noch nie seien die Kundengelder der Institute so stark gestiegen.

Liquidität kostenfrei parken


Unter dem Strich steht für 2020 ein Zuwachs bei den Einlagen um fast acht Prozent auf knapp 159 Milliarden Euro. „Wir sehen hier eine ambivalente Situation“, sagt Schneider. „Während einige Kunden ums Überleben ihres Geschäfts kämpfen und alle Rücklagen aufbrauchen, können zahlreiche Privatkunden ihr Geld nicht ausgeben.“ Der Lockdown führe nicht nur zu Urlaubs- oder Konsumverzicht, viele Kunden sparen „angesichts der coronabedingten Unsicherheit mehr als in früheren Jahren“. Bei den Unternehmenskunden betrage das Plus sogar fast mehr als 15 Prozent. Schneider: „Unternehmen sichern sich Liquidität und verschieben Investitionen auf die Zeit nach der Pandemie.“

In diesem Zusammenhang fordert Schneider von der Europäischen Zentralbank (EZB) die Möglichkeit, noch mehr überschüssige Liquidität bei ihr kostenfrei parken zu können. Derzeit ist das für das Sechsfache der Mindestreserve eines Kreditinstituts möglich. Für alles, was darüber hinausgeht, müssen Banken und Sparkassen Zinsen an die EZB zahlen. Diese Kosten leiten die Institute über Negativzinsen oder Gebühren an ihre Kunden weiter. Um die Geldhäuser hier zu entlasten, schwebt Schneider die Anhebung des Freibetrags auf das Dreißigfache der Mindestreserve – so wie in der Schweiz – vor.

Ihr Autor

BT-Redakteur Tobias Symanski

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Erstellt:
9. Februar 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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