Speerwerfer Johannes Vetter im Interview

Baden-Baden (moe) – Johannes Vetter, derzeit weltbester Speerwerfer, im Interview mit Moritz Hirn über Corona, Kommunalpolitik und sein Olympia-Ziel.

„Es ist schön zu sehen, dass ich wieder das Maß aller Dinge im Speerwurf bin“: Johannes Vetter. Foto: Andrzej Grygiel/PAP/dpa

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„Es ist schön zu sehen, dass ich wieder das Maß aller Dinge im Speerwurf bin“: Johannes Vetter. Foto: Andrzej Grygiel/PAP/dpa

Johannes Vetter ist ein Mann klarer Worte. Auf die Frage nach seinem Ziel bei Olympia in Tokio antwortet der derzeit weltbeste Speerwerfer maximal knapp, aber präzise: „Gold!“ BT-Sportredakteur Moritz Hirn hat sich mit dem gebürtigen Dresdener, der seit rund sechs Jahren bei Bundestrainer Boris Obergföll in Offenburg trainiert, über die Corona-Krise, seinen 97,76-Meter-Wahnsinns-Wurf aus dem September, bei dem er den Weltrekord um läppische 72 Zentimeter verfehlt hat, sowie die „Sportler des Jahres“-Wahl unterhalten.

BT: Herr Vetter, haben sie eigentlich ein schlechtes Gewissen?

Johannes Vetter: Inwiefern?

BT: Wegen Ihnen wird künftig wohl eine Menge Stadien umgebaut werden müssen. Die könnten bald zu klein sein...

Vetter (lacht): Ein schlechtes Gewissen habe ich deswegen nicht. Ich werde natürlich nicht aufhören, den Speer weit zu werfen. Aber wenn man mal ganz rational an die Sache rangeht, sind die meisten Sportplätze auf 105 oder 110 Meter ausgelegt, insofern ist da noch einiges an Luft drin. Wenn ich jetzt wirklich jedes Jahr 100 Meter weit werfen würde, dann müsste man sich das Ganze vielleicht nochmal überlegen, aber persönlich halte ich es für sehr unrealistisch, so stabil in derartigen Weitenregionen zu werfen.

BT: Nervt es Sie, dass Sie in jedem Interview gefragt werden, wann Sie denn endlich den Weltrekord knacken und am besten gleich noch über die 100-Meter-Marke werfen?

Vetter: Die Frage nach dem Weltrekord stört mich eigentlich gar nicht, weil die viel seltener gestellt wird. Es ist ja meistens so, dass direkt die Frage nach den 100 Metern kommt. Die Leute sind diesbezüglich sehr sensationsgeil. Ich komme damit klar, versuche aber, die Leute zu sensibilisieren, dass solche Würfe nicht planbar sind. Nach meinem aktuellen Rekord habe ich das Ganze mit einem Freistoß im Fußball verglichen. Den müsste man aus 30 Metern über die Mauer ans innere Lattenkreuz zwirbeln – in jedem Spiel.

BT: Angesprochen auf den Wahnsinns-Wurf über 97,76 Meter beim Meeting im polnischen Chorzow haben sie gesagt: „Ich bin angelaufen und habe draufgehauen“...

Vetter: Ganz so easy ist es natürlich nicht. Ich habe in Chorzow mit 83 Metern im ersten Wurf angefangen, 86 waren es im zweiten und im dritten dann die 97. Was dabei ein bisschen unterging: Ich habe im vierten Versuch nochmal 94,84 Meter geworfen. Das wäre auch schon deutscher Rekord gewesen. Wenn es irgendwann mal „Klick“ macht und die Rädchen ineinanderlaufen, kann alles ein Stück weit leichter gehen. Aber natürlich ist jeder Wettkampf anders, genauso die Tagesform sowie die Rahmenbedingungen wie Wind und so weiter. Dass ich prinzipiell das Zeug dazu habe, über 100 Meter zu werfen, hat man in Chorzow gesehen.

BT: In der Tat hat es bei Ihnen in dieser Saison ziemlich oft „Klick“ gemacht. Das ist insofern bemerkenswert, da Corona sämtliche Planungen über den Haufen geworfen hat und Sie in den beiden Vorjahren aufgrund von Blessuren und privaten Schicksalsschlägen keine einfache Zeit hatten. Warum lief es dennoch so gut?

Vetter: Ich habe mich ganz gut gefangen. Nach der Operation direkt nach der WM 2019, bei der eine Knochenabsplitterung im Fuß entfernt wurde, der mir etwa ein Jahr lang Schmerzen bereitet hat, hatte ich gezwungenermaßen Zeit über alles nachzudenken. Mental musste ich den Tod meiner Mutter verarbeiten, so etwas braucht Zeit und Ruhe – die ich oft nicht hatte. Ich war ständig am Rotieren: Training, Wettkämpfe, fit werden, gesund werden, WM... Ich habe aber einen guten Weg gefunden, das Mentale hinzubekommen. Parallel lief es körperlich auch immer besser. Richtung Sommer habe ich dann den Glauben wiedergefunden. Wenn man das Vertrauen ins genesene Stemmbein hat und technisch alles einigermaßen passt, dann fliegen die Dinger auch wieder über 90 Meter.

„Musste nicht am Hungertuch nagen“


BT: Wie schwer waren die Corona-Beschränkungen im sportlichen Alltag?

Vetter: Bei mir waren sie ehrlich gesagt gering. Ich hatte hier in Offenburg das Glück, dass mir die Stadt schon während des ersten Lockdowns recht früh die Garantie gegeben hatte, dass zumindest ich und Boris (Bundestrainer Obergföll; Anm. d. Red.) alleine in die Halle dürfen. Dort konnte ich werfen und auch Krafttraining machen. Diesbezüglich bin ich der Stadt Offenburg sehr dankbar. Insofern musste ich mir über die Einschränkungen keine großen Sorgen machen, auch nicht im Alltag: Ich war entweder daheim, in der Trainingshalle, beim Physio oder beim Einkaufen. Das war’s. Für mich als Leistungssportler, dessen Alltag voll auf das Training ausgelegt ist, hat sich wenig verändert.

BT: Immer mal wieder waren Sie in der Halle bei den Handballern des TVS Baden-Baden, wo ihr Kumpel Markus Koch spielt, oder bei der SG Steinbach/Kappelwindeck. Dort steht ihr Schwager im Tor. Fühlen Sie mit, wenn andere Sportler aufgrund von Corona ihrer Leidenschaft aktuell nicht nachgehen können?

Vetter: Definitiv! Wenn man bemühte Trainer hat, die Pläne schreiben, dass man zumindest zu zweit oder eben alleine zuhause was machen kann, kann man auch so eine Phase einigermaßen überbrücken. Das macht natürlich viel weniger Spaß als im Team, gar keine Frage. Für die Jugendlichen und Kinder halte ich das eher für schwierig, die brauchen einen Trainer, das Miteinander in der Gruppe und auch klare Anweisungen. Vor allem mit jüngeren Sportlern leide ich mit. Aber auch für den älteren Teil der Bevölkerung ist es schwierig, von der Couch aus gegen Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen anzukämpfen. Ich hoffe sehr, dass die Einschränkungen keine zu großen Folgeschäden im Bezug auf Gesundheit und Psyche beim Großteil der Bevölkerung nach sich ziehen.

BT: Die Krise hat auch für Topathleten finanzielle Folgen. Inwieweit kann die Lage existenzbedrohend werden?

Vetter: Das Thema ist Fluch und Segen zugleich. Letztlich kommt es immer auf die sportliche Leistung und die Außendarstellung an. Fakt ist, dass ich aufgrund der Verschiebung von Olympia und dem Wegfall von Veranstaltungen weniger Preisgelder verbuchen konnte. Der Einnahmeverlust liegt zwischen 30 und 50 Prozent. Ein Großsponsor – keiner aus der Region – hat obendrein die Bezüge gekürzt, auch Prämien waren hinfällig. Auf der anderen Seite habe ich durch meine Leistungen gute Werbung für mich und meinen Sport machen können, wodurch andere Sponsoren aufmerksam geworden sind. Als Sportsoldat bei der Bundeswehr und mit vielen anderen tollen Sponsoren bin ich natürlich in einer ziemlich glücklichen Position und musste nicht am Hungertuch nagen. Aber klar, das Jahr hat finanziell schon wehgetan, aber sich darüber aufzuregen, wäre Jammern auf hohem Niveau.

BT: Lassen sich aus der Krise auch positive Aspekte ziehen?

Vetter: Gesamtgesellschaftlich ist es natürlich eine abartig schwere Situation. Viele Menschen haben gesundheitlich, aber auch existenziell schwer zu kämpfen. Auf der anderen Seite finde ich es toll, wie viele Leute sich bemühen, die Maßnahmen umzusetzen. Dadurch kann das Gemeinwohl nachhaltig gestärkt werden. Ganz persönlicher und sportlicher Sicht kann ich aber nur positive Dinge mitnehmen. Ich habe es geschafft, mit den widrigen Bedingungen umzugehen, es mental hingekriegt, mich von der Olympia-Verschiebung nicht aus der Bahn werfen zu lassen, sondern mir schnell neue Ziele gesetzt und akribisch daran gearbeitet. Was die Ergebnisse betrifft, war das sportlich mein bestes Jahr. Es ist vor allem schön zu sehen, dass ich nach den anderthalb bis zwei Seuchenjahren wieder das Maß aller Dinge im Speerwurf bin.

BT: Am Sonntag werden in Baden-Baden die Preise für die „Sportler des Jahres 2020“ vergeben, wenn auch in deutlich abgespecktem Rahmen. Wie wichtig ist es aus Sicht der Sportler, dass diese am Ende einer schwierigen Saison eine derartige Würdigung erfahren?

Vetter: Es ist ein tolles Signal für den deutschen Sport, dass die Auszeichnung stattfindet. Egal in welcher Form. Dass die Veranstalter, die Stadt Baden-Baden, das Gesundheitsamt, das ZDF gesagt haben: Ja, wir wollen das machen und erarbeiten ein Konzept, so dass kein Risiko besteht, ist ein kleines Leuchtturmprojekt. Besser man geht den schweren Weg und zieht seine Lehren daraus, als dass man den leichten nimmt, alles absagt und meint: „Das wird nix.“

BT: Uns haben Zuschriften erreicht, in denen Leser ihren Unmut äußern, angesichts der aktuellen Lage eine derartige Veranstaltung durchzuziehen. Können Sie das verstehen?

Vetter: Vollkommen! Aber Leute, die das Schreiben haben vielleicht noch nicht ganz mitbekommen, wie derartige Veranstaltungen ablaufen. Jeder wird getestet, geht auf Abstand. Wer sich diesbezüglich echauffiert, dürfte selbst eigentlich auch nicht mehr vor die Tür und in den Supermarkt gehen. Dort ist die Ansteckungsgefahr sicher weitaus größer.

BT: Sie sitzen seit 2019 für die Freien Wähler im Offenburger Stadtrat. Gab es einen Schlüsselmoment, in dem klar war, dass Sie sich politisch engagieren wollen?

Vetter: Es war eher ein längerer Prozess, ich habe mich schon immer für Politik interessiert. Auch auf kommunaler Ebene habe ich gewisse Themen für mich selbst immer mal wieder hinterfragt. Die Kandidatur war dann hingegen kurzfristig. Ich konnte mir das aber gut vorstellen, allerdings nur unter der Prämisse, dass ich mich, sollte ich gewählt werden, engagiert einbringen kann. Ich war dann schnell angefixt – auch weil ich der Region, von der ich so viel Unterstützung erfahren habe, etwas zurückgeben will.

Stadtratsmandat lehrt Geduld


BT: Was kann man aus einer Stadtratssitzung mitnehmen, was einem auch in der Halle weiterhilft? Geduld vielleicht?

Vetter: Das auf alle Fälle. Tatsächlich bin ich in vielen Dingen im Training viel ruhiger geworden, weil ich gelernt habe, dass gewisse Sachen nicht so schnell laufen, wie man es sich vielleicht erhofft. Man hinterfragt öfter, auch sich selbst: Muss es genau der Weg sein, den man sich in den Kopf gesetzt hat oder geht es auch anders? Man lernt zuzuhören und auch mal von seiner Grundintention ein Stück weit abzurücken. In meinem Alter, für meinen eigenen Entwicklungs- und Reifeprozess ist dieses Ehrenamt sehr viel wert.

BT: Können Sie sich noch erinnern, was Sie gedacht haben, als die Olympischen Spiele verschoben wurden?

Vetter: Ja! Als ich es letztlich erfahren habe, konnte man die Entscheidung schon erahnen. Das IOC hatte sich ja wirklich sehr lange Zeit gelassen mit der Verkündung und stand diesbezüglich auch zurecht in der Kritik. Im Hinterkopf hatte ich mir da ohnehin schon neue Ziele gesteckt: Ich wollte so schnell wie möglich über 90 Meter werfen, deutscher Meister und Weltjahresbester werden. Das habe ich dann ja recht schnell abhakt und kann so mit sehr viel Rückenwind ins neue Jahr gehen.

BT: Die Konkurrenz im eigenen Land ist groß. Wann entscheidet sich, wer nach Tokio fliegen darf?

Vetter: Die drei Besten dürfen fliegen, allerdings gibt es fünf Kandidaten, die die Norm von 85 Metern werfen können. Ab den ersten Wettkämpfen im April geht die Qualifikation los, die Entscheidung steht dann irgendwann Ende Juli an. Die Leistung aus dem Vorjahr spielt dann höchstens noch unterschwellig eine Rolle. Ich bin aber auf einem guten Niveau, wenn ich gesund bleibe, mache ich mir in Sachen Qualifikation gar keine Sorgen.

BT: Glauben Sie, dass die Spiele stattfinden und würden Sie guten Gewissens hinfliegen, wenn die Lage so wäre, wie sie sich aktuell darstellt?

Vetter: Das IOC hat ja signalisiert, dass die Spiele stattfinden, deshalb gehe ich davon aus. Was die aktuelle Lage angeht, ist es natürlich ein bissel schwierig, aber bis zum Sommer ist es ja noch weit hin. Wir haben alle keine Glaskugel und wissen nicht, wie sich die Lage noch verändert. Das Wichtigste ist, dass sich der olympische Sport es sich nicht leisten kann, dass durch die Austragung der Spiele ein neuer Corona-Cluster entsteht. Ich gehe davon aus, dass alle Szenarien miteinbezogen und entsprechend gute Konzepte erarbeitet werden. Wenn natürlich alle Sportler schon geimpft wären, wäre es perfekt. Aber das muss man noch abwarten. Aus rein sportlicher Sicht würde ich aber alles tun, um bei Olympia dabei zu sein.

BT: Werfer werden im Winter gemacht, heißt es. Was ist entscheidend in den kommenden Wochen mit Blick auf Olympia?

Vetter: Einfach nur gesund zu bleiben. Der Rest kommt dann von alleine.

BT: Sie sind ein Mann klarer Worte: Wie lautet Ihr Ziel für Olympia?

Vetter: Gold!

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Erstellt:
20. Dezember 2020, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 7min 14sec

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