Spenden aus Baden-Baden auf dem Weg in die Ukraine

Baden-Baden (kos) – Um Opfer des Ukraine-Kriegs zu unterstützen, finden in Baden-Baden Spendensammlungen statt. Das stößt auf große Resonanz bei den Bürgern. Erste Transporte sind bereits unterwegs.

Not fördert Solidarität: Eine Steinbacher Spedition setzt für Hilfslieferungen eigene Lkw ein. Seit Dienstag ist die erste Ladung über Polen auf dem Weg. Foto: Konstantin Stoll

© Konstantin Stoll

Not fördert Solidarität: Eine Steinbacher Spedition setzt für Hilfslieferungen eigene Lkw ein. Seit Dienstag ist die erste Ladung über Polen auf dem Weg. Foto: Konstantin Stoll

Der Krieg in der Ukraine bewegt auch die Menschen in Baden-Baden. In privat organisierten Spendenaktionen zeigt sich, wie groß die Solidarität zahlreicher Bürger mit jenen Menschen ist, die seit Tagen vor dem Angriffskrieg Wladimir Putins davonlaufen. Organisatoren sind von der Hilfsbereitschaft der Menschen überwältigt.

Bei Sonnenschein und strahlend blauem Himmel liegt ein Hauch von Frieden in der Luft – zumindest, bis man den kaum zu überblickenden Spendenberg auf dem Gelände der IKG Speditions GmbH in Steinbach gesehen hat. Dort wird bewusst, wie leicht frühlingshaftes Wetter und steigende Temperaturen über die Schatten und Schrecken des derzeitigen Weltgeschehens hinwegtäuschen können.

Aktion durch Facebook schnell bekannt geworden

„Es herrscht Krieg in Europa“: Dimitriy Becker, Initiator der Spendenaktion für die Ukraine und die von dort Geflüchteten, ist anzumerken, wie tief ihn das bewegt. „Das ist so, wie wenn Deutschland Krieg mit Bayern anfängt“, schätzt er. „Ich komme aus der Ukraine. Das ist meine Heimat. Und jetzt rollen dort die Panzer durch die Städte.“ Becker ist fassungslos. Irgendwann sei ihm dann klar geworden: Er müsse etwas tun. „Wir haben hier alles, was wir dafür brauchen“, sagt der Dispositionsleiter der Spedition, der sich mit Warentransporten bestens auskennt. So sei ihm die Idee gekommen, eigene Lkw einzusetzen.

Der Aufruf kommt an bei der hiesigen Bevölkerung. Über Facebook hat sich die Aktion in Windeseile verbreitet. „Wo darf ich das hinstellen?“, fragt etwa eine Frau, die Jacken, Decken und Wintersachen abzugeben hat. „Jeder hat mindestens zwei Jacken zuhause, die er nicht mehr anzieht“, sagt sie. „Jeder kann etwas tun.“

Spendende fühlen mit den Opfern des Krieges

Das bewahrheitet sich im Laufe des Tages: Auto um Auto fährt am Montag auf dem Firmenhof vor, um Spenden abzuladen. Dabei geht der Grund an kaum jemandem spurlos vorbei: „Ich bin Mama mit Leib und Seele“, sagt etwa eine Kuppenheimerin, die mit ihrem Sohn den Kofferraum ausräumt. Was Frauen und Kinder auf der Flucht in Osteuropa gerade erleben müssen, rührt die Frau zu Tränen. Die Angst, dass sich der Krieg nach Westeuropa ausdehnen könnte, ist bei der Sammelaktion mit Händen zu greifen. Eine andere Spenderin drückt ihre Wut über den von Putin befohlenen Angriffskrieg aus: „Das ist einfach dreckig, was der da macht.“ Außerdem betont sie: „So weit ist das nicht weg.“

In Sicherheit: Ein ukrainisches Paar (links) ist  erst vor wenigen Tagen in Deutschland angekommen und packt jetzt mit an. Foto: Konstantin Stoll

© Konstantin Stoll

In Sicherheit: Ein ukrainisches Paar (links) ist erst vor wenigen Tagen in Deutschland angekommen und packt jetzt mit an. Foto: Konstantin Stoll

Die persönliche Betroffenheit des Krieges lässt sich auch an einem helfenden Ehepaar festhalten, das erst vor wenigen Tagen aus der Ukraine nach Mittelbaden geflohen ist. Untergekommen sind sie bei ihrer Tochter, sagen sie. Jetzt wollen sie helfen: Während sie vor wenigen Tagen in ihrer Heimat nahe Odessa noch russische Raketen über ihren Kopf fliegen sahen, packen sie nun bei der Spendenaktion für ihre Heimat mit an, sagen sie sichtlich bewegt. Und das erscheint notwendig: Die leeren Paletten, die für den Spendentransport ausliegen, sind in wenigen Minuten voll und machen Platz für die nächsten. Es herrscht Hochbetrieb. Speditionsleiter Dominik Lainé ist überwältigt: „Wenn das so weiter geht, ist das Lager gleich voll.“

Für einen ersten Lkw sind laut Dimitriy Becker schon am ersten Tag genügend Spenden zusammengekommen. Dieser ist seit Dienstagabend bereits auf dem Weg über Polen an die ukrainische Grenze. Ein Weiterer ist voraussichtlich für den Donnerstag geplant, der dann den Weg über Ungarn nehmen soll, so Becker. „Die Bevölkerung hat den Krieg nicht begonnen“, will Lainé betont wissen: Fremden- und Russenfeindlichkeit dürfe keinen Zulauf kriegen. Das findet auch der Ukrainer Becker: „Die Russen sind nicht der Feind.“

Caritas: Drei volle Autos sind schon unterwegs

Auch in Baden-Baden ist die Hilfsbereitschaft groß. Der örtliche Caritasverband unterstützt dafür eine private Aktion aus dem Umfeld der jüdischen Gemeinde, informiert Caritas-Vorstand Alexander Stummvoll, der sich „überwältigt von der Hilfsbereitschaft“ der Bürger zeigt. Organisator Yevgeniy Primak informiert, dass bereits drei volle Fahrzeuge auf dem Weg in die Ukraine sind. Am Samstag soll ein Lkw folgen, auch wenn die Organisation krisenbedingt schwer ist. Laut Primak wurden vor allem Kleidung, Decken, Verbandszeug, Medikamente und Lebensmittel gesammelt. Diese sind nun unterwegs zur polnisch-ukrainische Grenze, wo sie von privaten Kontakten ins Landesinnere gebracht werden. Noch ist kein Ende der Spendenaktion geplant, so Primak. Es sei möglich, zwei Mal pro Woche Transporte zu fahren. Das hänge von der Kriegslage und der Spendenbereitschaft ab.

Zum Thema

Die Stadtverwaltung ruft zu Spenden für die Kriegsflüchtlinge der Ukraine auf. Gebeten wird nach Erfahrungen von Spendenorganisatoren des Caritasverbandes vor allem um nicht verderbliche Lebensmittel, Medikamente, Hygiene- und Verbandszeug sowie Decken, Babynahrung und Alltagsbedarf. Von Spielzeug und Kuscheltieren solle abgesehen werden, um das zu transportieren, was vor Ort akut gebraucht wird. Die Caritas bittet zudem um finanzielle Hilfe. Möglich ist das über das Spendenkonto des Baden-Badener Ortsverbands. Weitere Informationen online und https://caritas-baden-baden.de/spenden.

Ihr Autor

BT-Volontär Konstantin Stoll

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Erstellt:
2. März 2022, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 29sec

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