Sperrstunde: Und wo sind die Obdachlosen?

Baden-Baden/Rastatt (naf) – Wohnungslose können Hilfseinrichtungen wegen der Corona-Maßnahmen nur mit Einschränkungen nutzen. Sie gehören zu den Verlierern der Pandemie.

Die Tagesstätte des Caritasverbands Rastatt kann, wie hier Helfer des Kältebusses der Johanniter-Unfall-Hilfe, ihren Besuchern eine Mahlzeit nur noch mitgeben. Foto: Moritz Frankenberg/dpa

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Die Tagesstätte des Caritasverbands Rastatt kann, wie hier Helfer des Kältebusses der Johanniter-Unfall-Hilfe, ihren Besuchern eine Mahlzeit nur noch mitgeben. Foto: Moritz Frankenberg/dpa

Kurz vor 20 Uhr wird es leise auf den Straßen. Während der Ausgangssperre müssen die Gassen leer und die Menschen zu Hause sein. Doch was ist mit denen ohne Dach über dem Kopf? „Wir haben alle Verständnis für die Maßnahmen, nur unsere Zielgruppe wurde ein Stück weit vergessen“, kritisiert Paul Hnas, Ressortleiter des Caritasverbands Rastatt. Wohnungslose im Landkreis Rastatt und in Baden-Baden haben es seit der Pandemie noch schwerer – die Hilfseinrichtungen können nur mit Einschränkungen genutzt werden.

Duschen, Wäsche waschen, elektronische Geräte aufladen oder sich einfach mal so richtig aufwärmen: alles Dinge, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind – für Wohnungslose gestaltet sich das nicht ganz so einfach. Die Tagesstätte des Caritasverbands in Rastatt soll solche alltäglichen Erledigungen ermöglichen. Wohnungslose können sich in den Räumen aufhalten, ihre Grundbedürfnisse stillen, Kontakte knüpfen oder sich in der Beratungsstelle weiterhelfen lassen. Durch die Pandemie ist das allerdings nur noch bedingt möglich.

Kleine Hürden wirken groß

Wegen des Infektionsschutzes dürfen sich gerade mal drei Menschen gleichzeitig in der Tagesstätte aufhalten, erklärt Hnas. „Wir können nicht mehr sagen: ,Kommen Sie einfach rein‘“, stattdessen muss zunächst eine Anmeldung erfolgen und geplant werden, wer sich wie lange in den Räumen aufhalten darf. Für den Ressortleiter und sein Team ist der „Spagat zwischen den Vorschriften und den Bedürfnissen der Menschen“ eine „große Herausforderung“. So auch die Tatsache, dass viele der Obdachlosen wenig Verständnis für die Maßnahmen haben. Das führt laut Hnas „immer wieder zu Diskussionen und einer angespannten Lage“, der man nur mit viel Erklärungen, Geduld, Fachlichkeit und Erfahrungen begegnen könne. Nichtsdestotrotz: „Einige Wohnungslose bleiben fern“, bedauert er. Diese wollen keine Masken tragen und vermeiden darum, sich zu lange in den Räumen aufzuhalten. „Wir haben aber auch eine feste Gruppe, die nach wie vor zu uns kommt.“ Und für diese gilt es, die pandemiebedingten Herausforderungen zu meistern. Bisher habe der Caritasverband das „Gott sei Dank gut managen können“ – Infektionsfälle habe es in der Tagungsstätte noch keine gegeben.

Ein Dach über dem Kopf für 20 Personen


Auch das Wohnheim des Caritasverbands in Baden-Baden ist von coronapositiven Fällen bisher verschont geblieben, berichtet Christian Frisch, Fachbereichsleiter Wohnungslosenhilfe, merklich erleichtert. Das Stationärsheim bietet 20 Personen ein Dach über dem Kopf, die neben der Obdachlosigkeit noch andere Problemlagen, wie psychische Erkrankungen, aufweisen. „Wir bieten Hilfe für Menschen in besonderen sozialen Lagen, die noch mehr Unterstützung benötigen“, erklärt Frisch. Vielen von ihnen wäre, nur mit einer eigenen Wohnung, nicht ausreichend geholfen.

„Wir sind manchmal eine Ersatzfamilie“


Das Besondere an dem Wohnheim: die sehr niederschwellige Hilfe, betont Frisch. „Unser Haus war immer offen. Ohne eine Antragstellung haben alle, die gekommen sind, zunächst eine Grundversorgung erhalten.“ Die Pandemie hat das nun geändert, die „offene Tür“ muss vorerst geschlossen bleiben.

Es seien zwar nur kleine Formalitäten, die damit einhergingen – Wohnungslose müssen zunächst klingeln und ihre Daten aufnehmen lassen – „so eine kleine Hürde ist für manche aber schon zu hoch“, erklärt Frisch. Das könnte einer der Gründe sein, weshalb in der Pandemie deutlich weniger Menschen von der Straße aufgenommen werden. „Und das nicht nur in Baden-Baden, auch andere Einrichtungen fragen sich: ,Wo sind die Obdachlosen?‘“, berichtet Frisch von einem Austausch mit Kollegen aus anderen Städten.

Eine andere Begründung für das Ausbleiben der Hilfesuchenden könne sein, dass in Zeiten der Infektionsgefahr auch Wohnungslose häufiger am gleichen Ort bleiben.

Gespräche mit Maske sind „eher verkampft“

Die meisten der Bewohner des Stationärsheims kommen dort für einen längeren Zeitraum unter. Im halbjährlichen Takt werden die individuellen Situationen bewertet und über einen verlängerten Aufenthalt entschieden. „Wir sind manchmal eine Ersatzfamilie“, sagt der Fachbereichsleiter. Für die Bewohner, die zwischen 18 und über 70 Jahre alt sind, ist eine gute Beziehung und vor allem ausreichend Vertrauen sehr wichtig, so Frisch. Dass alle Begegnungen aktuell nur mit Maske stattfinden und die Bewohner nicht mehr gemeinsam essen können, ist da unvorteilhaft. „Eher verkrampft“ fühlen sich die normalerweise sehr persönlichen Gespräche zwischen Frisch und den Bewohnern damit an. „Im sozialen Beruf geht normalerweise sehr viel über die Mimik.“

Menschen, die auf der Straße schlafen müssen, wie hier in Potsdam, sieht man in Baden-Baden nur selten. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

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Menschen, die auf der Straße schlafen müssen, wie hier in Potsdam, sieht man in Baden-Baden nur selten. Foto: Ralf Hirschberger/dpa

Auch in den von der Stadt Baden-Baden bereitgestellten Notunterkünften herrscht dort, wo sich Menschen begegnen können, Maskenpflicht. 273 wohnungslose Menschen sind aktuell in den Räumen untergebracht, berichtet Andreas Koch. Als Abteilungsleiter bei der Stadt Baden-Baden betreut er unter anderem die Obdachlosenunterkünfte und kann bestätigen, dass „die Aufnahme von wohnungslosen Menschen, auch in Bezug auf Kälteschutz, in Baden-Baden gut geregelt“ ist.

„Es wird niemand weggeschickt“

„Jeder Hilfesuchende erhält einen Schlafplatz. Es wird niemand weggeschickt“, kann er versichern. Auch dort sind die Wohnungslosen in Einzelzimmern untergebracht. Größere Menschenansammlungen seien zwar verboten, „hingegen sind Besuche im Rahmen der aktuellen Corona-Verordnung des Landes erlaubt“, klärt Koch auf.

Die Maßnahmen haben aber noch ganz andere Auswirkungen auf die Bewohner: „Einige verdienten sich durch eine geringfügige Arbeit in einer Firma etwas dazu“, sagt der Abteilungsleiter. Dieser Zuverdienst falle bei vielen mittlerweile aus, „da die Firmen sich vorwiegend um die Arbeitsplätze ihrer Hauptbeschäftigten kümmern müssen und aufgrund der momentanen Lage in Kurzarbeit gehen“.

Auch der wichtigste Punkt – die Wohnungssuche – sei erschwert. Besichtigungstermine finden kaum statt. Obdachlose sind also dazu gezwungen, in ihrer Situation zu verharren. Wurden sie bei den Maßnahmen, wie schon Hnas sagte, „ein Stück weit vergessen“?


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