Spezialist für Spezialeffekte: Hans Neurohr aus Plittersdorf

Rastatt (sawe) – Der Plittersdorfer Hans Neurohr hat einen spannenden Job: Er sorgt für Spezialeffekte bei Filmproduktionen. Sie werden aber nicht am Computer, sondern in solider Handarbeit erzeugt.

Der Ideenreiche: Hans Neurohr hat im Kinofilm „Ostwind“ und weiteren 50 Produktionen mit Spezialeffekten mitgewirkt. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Foto: Sabine Wenzke

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Der Ideenreiche: Hans Neurohr hat im Kinofilm „Ostwind“ und weiteren 50 Produktionen mit Spezialeffekten mitgewirkt. Ans Aufhören denkt er noch lange nicht. Foto: Sabine Wenzke

Er sprengt Häuser in die Luft, lässt es auf Kommando regnen oder schneien und macht Feuer, durch die Pferde scheinbar furchtlos galoppieren: In mehr als 50 Kino- und Fernsehproduktionen hat Hans Neurohr bereits mitgemischt. Seine Spezialität: Spezialeffekte. Diese werden allerdings nicht am Computer, sondern manuell in solider Handarbeit erzeugt. Dazu braucht es Kreativität und handwerkliches Geschick – mit beidem ist der Plittersdorfer reichlich gesegnet. Kein Wunder, das der 70-Jährige noch lange nicht ans Aufhören denkt.
1984 hatte sich der Werkzeugmacher selbstständig gemacht und einige Jahre später dann zusammen mit Sebastian Bulst und Helmut Neudorfer eine eigene Firma für Filmeffekte in München

(Magic FX) gegründet. Den Schritt hat er nie bereut. Auch wenn es für den freischaffenden Künstler und Handwerker in den vergangenen beiden Jahren recht schwierig war wegen Corona und er weitgehend von seinen Reserven leben musste: „Ich hatte in dieser Zeit so gut wie gar nichts zu tun“, bekennt er offen, da geplante Filmprojekte wegen der Pandemie verschoben oder abgesagt wurden. Langeweile habe er dennoch nicht gehabt, ohnehin ist Neurohr kein Mann, der die Hände in den Schoß legt: Er habe die Zeit genutzt, um die Werkstatt in München auf Vordermann zu bringen, und auch in seinem Wohnhaus in Plittersdorf gebe es immer etwas zu tun. Zuweilen habe er an seinen Oldtimern (drei Motorräder, ein Auto) geschraubt – und natürlich weiter experimentiert an seinen Trickmodellen und Effekten wie bewegliche Augen oder Fingermechaniken.

Endlich wieder „Action“ am Set

Gleichwohl war der Vater zweier Töchter sehr glücklich, als zwei Filmprojekte in diesem Jahr anliefen. Endlich mal wieder das Wort ,Action’ am Set zu hören und mit den Leuten zusammenzukommen, das war sehr schön“, verdeutlicht der leidenschaftliche Tüftler.

Freilich gibt es auch Produktionen, die schon vor Corona gedreht wurden, aber erst jetzt in den Lichtspieltheatern zu sehen sind. Dazu gehört der „Kaiserschmarrn“, an dem der Plittersdorfer „in einem kleinen Part“ mitgewirkt hat. Bei der Heimatkrimi-Filmreihe um den Polizisten Franz Eberhofer musste er ein altes Feuerzeug spektakulär präparieren. Im Film wird geschossen, die (von Neurohr selbstgedrehte Patrone) bleibt aber im Feuerzeug stecken und rettet dem Protagonisten das Leben. Ebenfalls 2020 entstanden ist der Pferdefilm „Ostwind – der große Orkan“. Neurohr hat darin viel Wind gemacht mit großen Propellermaschinen und ist heute noch absolut fasziniert von den temporeichen Stunts. Zudem musste er ein angemietetes Feld kontrolliert anzünden und löschen – und dies natürlich mehrmals, bevor die Szene perfekt im Kasten war. Der Plittersdorfer benutzt für solche Aufträge Brandflüssigkeiten und Gasleitungen und verrät den Trick: Vorne und hinten auf dem Feld wurde Feuer gelegt, in der Mitte war aber eine rund 30 Meter große Fläche gemäht, durch die „Ostwind“ die Herde führt. Im Film, die Kamera wurde sehr tief gelegt, sieht es so aus, als ob die Tiere durch die Feuersbrunst laufen. „Das war sehr tricky“, meint Neurohr, der so fesselnd erzählen kann, das man gerne an seinen Lippen hängt. Der Job mache ihm viel Spaß, bekräftigt er, daher werde er weitermachen, solange es geht. „Tricky“ und spektakulär ging es auch beim Kinofilm „Die Schule der magischen Tiere“ zu. Die Szene: Der Fuchs steigt aufs Dach, rutscht ab, kann sich an der Dachrinne festhalten, die abbricht und sich ein Stück nach unten bewegt. Das Mädchen will ihm helfen, stürzt ebenfalls auf die Dachrinne, diese dreht sich immer weiter weg vom Haus und bricht weiter ab – allerdings nicht in einem Rutsch, sondern ruckartig und in mehreren Sequenzen. Der Plittersdorfer hat dafür die Dachrinne erst einmal aus mehreren Teilen nachgebaut, mit Scharnieren versehen und das rund acht Meter lange Werk dann über Seilzüge und Gegengewichte ruckartig heruntergelassen.

„Normalerweise finden wir immer eine gute Lösung“

Auch beim neuen Eberhofer, der 2022 herauskommt, hat Neurohr seine Aufgabe bewältigt, darf aber noch nichts verraten. Zehn Tage war er zudem für die Romanverfilmung „Was man von hier aus sehen kann“ unterwegs, die ebenfalls erst im nächsten Jahr gezeigt wird. Der Plittersdorfer hat bei der Produktion Regen gemacht an einem alten Bahnhof mit Regenstangen, selbst gebauten Köpfen und mithilfe eines Steigers. „Da kommt es mir zugute, dass ich in früheren Jahren mal bei der Werkfeuerwehr der Firma Schaub-Lorenz war. Daher habe ich die Erfahrung mit dem ganzen Schlauchzeug“, erläutert er. Außerdem, so eine weitere Aufgabe in dem Film, sollte die Tür an einem historischen Zug während der Fahrt immer wieder auf- und zuschlagen. Neurohr baute diese auseinander und bereitete sie so vor, dass er sie mechanisch steuern konnte, unter anderem mit Pressluft.

Angst, dass mal etwas nicht klappen könnte, hat er nicht. Aufregend könne es jedoch schon werden, wenn plötzlich in der Szene etwas geändert wird und das ausgeklügelte Konzept dann nicht mehr hinhaut. „Dann muss man sich schnell etwas ausdenken und improvisieren. Das ist aber eine Stärke von uns allen dreien. Wir ergänzen uns“, meint Neurohr mit Blick auf seine beiden Kompagnons in der Firma und fügt an: „Normalerweise finden wir immer eine gute Lösung“. Bei der Romanverfilmung habe sich der Regisseur „jeden Abend für unsere Arbeit bedankt. Das kommt auch nicht immer vor“, freut sich der 70-Jährige über diese freundliche Geste und schließt daraus: „Dann haben wir wohl einen guten Job gemacht“.

Abends mit Christoph Waltz in der Kegelbar

Ob „Schtonk“, „Die unendliche Geschichte“, „Vera Brühne“, „Das Parfum“, „Heidi“ oder „Fuck ju Goethe“ – wer jahrzehntelang immer wieder am Set zugebracht hat, der hat viel gesehen, erlebt und zu erzählen. Für die von Thomas Gottschalk moderierte Sendung „Gottschalk Late Night“ musste Hans Neurohr an die 100 Wecker herstellen und immer in einer anderen Variante passend zum jeweiligen Talkgast-Star vorbereiten, berichtet er weiter. Beim „König der letzten Tage“, da war der zweifache Oscar-Preisträger Christoph Waltz noch nicht so berühmt, habe er mit dem Schauspieler eines Abends gekegelt und sich als Kollegen ausgetauscht, denkt Neurohr schmunzelnd zurück: „Ein toller Typ und netter Mensch“. Das sagt er auch über seine Lieblingsschauspielerin Anja Kling, die absolut natürlich und immer freundlich sei. Und mit Sebastian Bezzel, der den Polizisten Franz Eberhofer verkörpert, habe er sich in einer Drehpause sehr angeregt über Rotwein unterhalten.

Kunst-Schneebälle im Akkord geformt

Gerne denkt er auch noch an die Tragikkomödie „Mein Blind Date mit dem Leben“ zurück: Zehn Schneebälle waren bestellt, die niemanden verletzen durften, wenn man sie an den Kopf bekommt. Also mischte er Zellulose mit Wasser und begann zu formen. „Wir haben so super Schneebälle gekriegt, die blieben sogar an der Wand kleben“, freut sich Neurohr noch heute. Daraufhin entwickelte sich eine regelrechte Schneeballschlacht. „So schnell konnten wir gar nicht kneten, wie die geworfen haben. Das war echt witzig, die Assistenten halfen dann noch mit beim ,Schneeballmachen’.“ Am Ende waren an die 100 Schneebälle verschossen. „Hinterher musste die Stadtreinigung kommen und die ganze Straße sauber machen, weil sich einige Geschäftsleute beschwert hatten, sie hätten feinen Schnee in ihren Geschäften“, erzählt er schmunzelnd.

Ein Originalutensil aus dem Kinofilm „Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft“ ist inzwischen im Badischen gelandet: Eine riesige Weltkugel.

Weltkugel aus dem Film „Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft“: Hans Neurohr hat sie in München gebaut. Fotos: Sabine Wenzke

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Weltkugel aus dem Film „Hilfe, ich habe meine Eltern geschrumpft“: Hans Neurohr hat sie in München gebaut. Fotos: Sabine Wenzke

Das Teil habe er zwar damals in München gebaut – die Materialien stammen aber allesamt aus Rastatt von der Firma Heinemeyer, betont Neurohr. Die Kugel stand nach dem Dreh einige Jahre bei Wind und Wetter draußen vor der Werkstatt der Firma Magic FX in München. Die Zahnräder sind inzwischen eingerostet, Neurohr will sie nun wieder gangbar machen – und die Kugel dann in seinem Garten aufstellen.

Apropos: Beim TÜV in Rastatt steht ein mehrere Meter hoher Eiffelturm, den der Kreativkopf in den 1980er-Jahren für ein früheres Autohaus geschaffen hatte, das französische Autos verkaufte. Selbst die französischen Militärs in Rastatt waren damals so angetan von dem Mini-Wahrzeichen ihrer Hauptstadt, dass sie es sich für eine Festivität ausliehen. „Sie haben den Eiffelturm dann neu gestrichen, das war der Deal“, berichtet Hans Neurohr lachend, der derzeit schon wieder an einem neuen Auftrag arbeitet und sich dieser Herausforderung mit großer Begeisterung stellt.


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