Spielertrainer liegen im Trend

Baden-Baden (mi) – Spielertrainer entwickeln sich zu einem Trend im Amateurfußball. In der Landesliga sind nicht weniger als sieben Vereine vertreten, die auf einen hauptamtlichen Trainer verzichten.

Der frühere Bühler Goalgetter Christian Coratella wirkte insgesamt neun Jahre als Spielertrainer in Fautenbach und Ottersweier. Foto: Frank Seiter

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Der frühere Bühler Goalgetter Christian Coratella wirkte insgesamt neun Jahre als Spielertrainer in Fautenbach und Ottersweier. Foto: Frank Seiter

Von Christian Coratella ist vor dem Saisonbeginn der Fußball-Landesliga, die Ende Oktober zum vorzeitigen Corona-Stopp kam und seitdem nicht wieder den Spielbetrieb aufgenommen hat, eine Last abgefallen. „Von der Psyche her war es schwierig. Ich musste immer fit sein und das Team auch führen. Wenn man selbst nicht gut spielt, macht man sich Vorwürfe. Da kann man dann oft auch nicht gut schlafen.“
Coratella hat neun Jahre lang als Spielertrainer gewirkt, drei in Fautenbach und die vergangenen sechs beim FV Ottersweier. Von Jahr zu Jahr mehr Vereine gehen dazu über, auf einen hauptamtlichen Trainer zu verzichten und stattdessen auf eine Führungskraft zu setzen, die möglichst nicht nur auf dem Rasen den Ton angibt, die Kollegen mitreißt und zu Siegen führt. In der Landesliga setzen der FVO, Aufsteiger SV Ulm (Fabian Ernst), der TSV Loffenau (Sven Huber), Rot-Weiß Elchesheim (Dirk Rohde) und der SV Sinzheim (Marcel Stern noch bis Saisonende) auf diese Konstellation, in der Ortenau der TuS Oppenau (Kevin Sax) und SC Hofstetten (Dennis Kopf).

Coratella kann den Mehraufwand in führender Funktion am besten beurteilen, war er vor seiner Doppelfunktion doch jahrelang torwütiger Stürmer beim VfB Bühl in der Verbands- und Landesliga. „Das war vergleichsweise viel entspannter. Der Trainer steht dann vor dir, sagt dir, welche Übungen zu machen sind. Die machst du und gehst wieder heim. Als Spielertrainer ist es aber nicht so einfach, angefangen vom Training bis zum Organisatorischen. Du brauchst einen kompetenten Co.“

Das Team um das Team ist mit am wichtigsten für die spielende Spitzenkraft. Coratella ist sehr froh, dass er über all die Jahre in Daniel Schmidt, Sebastian Pfeiffer und Marco Doninger auf „kompetente Leute“ zurückgreifen konnte, die ihn den Rucksack nicht zu schwer werden ließen. Und genauso bedeutsam ist natürlich die Unterstützung im Hintergrund, wenn es sportlich mal nicht so läuft, eine Negativserie einreißt, die Nerven auch im Vorstand angespannt sind.

„Die standen immer hinter mir, egal wie es in der Liga gelaufen ist. Als ich in Fautenbach anfing, standen wir in der Kreisliga B nach fünf Spieltagen ganz schlecht da. Da dachte ich mir schon: ‚Jetzt gibt’s Druck‘. Die sagten mir aber: ‚Mach dir keine Sorgen, das wird schon‘. Am Ende der Saison sind wir dann aufgestiegen.“ Auch in Ottersweier hat er diesbezüglich Glück gehabt: „Ich kann nur Positives über den Verein sagen. Da wurde nie jemand laut. Hut ab.“ Den Klassenerhalt als Abschiedsgeschenk würde er deshalb gerne an alle im Verein zurückgeben.

Dass man als Spielertrainer auch zu einem guten Teil Psychologe sein muss, gerade in düsteren Corona-Zeiten, wenn monatelang kein Gruppentraining möglich ist, kein Wettbewerb stattfindet, unterstreicht Fabian Ernst vom Aufsteiger SV Ulm. „Der Kopf leidet am meisten, für mich ist das keine einfache Situation. Einige sind seit März 2020 im Homeoffice. Es gilt daher den Teamgeist am Leben zu halten. Ich muss schauen, dass einige nicht in ein tiefes mentales Loch fallen.“

Online Teamsitzungen abhalten

Dass der allgemeine Fitnesszustand bei allen im Team leidet, sieht er nicht als schwerwiegendes Problem. „Auch Online kann man Teamsitzungen abhalten. Ich stelle Trainingspläne auf und lasse den Jungs dann Freiräume. Ich bin kein Kontrolleur.“ Als Projektteamleiter eines Unternehmens in Baden-Oos, das Sicherheitssysteme baut, bringt er in puncto Einfühlungsvermögen und Kommunikation beste Voraussetzungen mit, um den Teamspirit auch in Zeiten, in denen der Ball, Tore und Punkte keine Rolle spielen, aufrechtzuerhalten. „Ich versuche, die Kameradschaft, den regelmäßigen Austausch und den Spaß zu fördern. Jeden im Team trifft es anders. Einige Spieler haben Familie mit Kindern, andere sind solo.“

Wie Coratella weiß auch Fabian Ernst in seinen Assistenten Markus Hoch, Jonathan Wisser, der mittlerweile seinen Kreuzbandriss auskuriert hat, Torwart-Trainer Thomas Müller und Reserve-Coach Sascha Steimel wichtige Kollegen um sich. „Ich sehe uns hier immer als großes Trainerteam. Nur mit Vertrauen kann man Erfolg haben. Wenn das da ist, fällt es viel leichter, Leistung auf dem Platz zu bringen.“ Auch Ernst vergisst nicht das „junge Spielausschuss-Team, das mir voll den Rücken freihält“.

Dass sich angesichts der Anforderungen und Erwartungen an einen guten Spielertrainer nach jahrelanger Zusammenarbeit auch Abnutzungserscheinungen offenbaren, zeigt das Beispiel SV Sinzheim, wo Marcel Stern zum Saisonende aufhören wird. „Der ausschlaggebende Punkt war, dass wir uns sagten: Wir wollen nach drei Jahren einen neuen Impuls setzen, weil wir einen gewissen Stillstand erkannt, eine Weiterentwicklung der Mannschaft nicht mehr gesehen haben“, begründete SVS-Vorstand Thomas Schöller die Trennung. Stern, der in der Vorsaison den Verein mit persönlich herausragenden Leistungen auf Rang acht geführt hatte, konnte in der unterbrochenen aktuellen Spielrunde nur ganze zwei Mal mitwirken, nachdem er sich diverse Verletzungen zugezogen hatte.

Sinzheim setzt wieder auf Trainer

Sinzheim setzt in Zukunft in Michael Santoro wieder auf einen hauptamtlichen Trainer, der zuletzt drei Jahre als DFB-Stützpunktleiter arbeitete. Schöller: „Wir wollten für die nähere Zukunft keinen Spielertrainer mehr haben, sondern jemand an der Linie, der eine klare Spielphilosophie hat und diese gut rüberbringen kann, der eine absolute Respektsperson darstellt.“

Auch für Schöller hat ein Spielertrainer eine „höhere Belastung, er kann natürlich nicht den umfassenden Blick für das Geschehen auf dem Rasen haben wie jemand, der draußen an der Linie steht. Dafür ist der Spieler zu sehr mit sich selbst beschäftigt.“

Der Trend ist dennoch nicht aufzuhalten, da die fußballerische Spitzenkraft dank ihrer Verbindungen vielfach gute Bekannte im Schlepptau als Mitgift anlockt. Ex-Torschütze vom Dienst Christian Coratella hatte die früheren Bühler Kleinhans, Schmidt, Kist, Seifermann und Kirschner irgendwann wieder neben sich in Ottersweier. In Zeiten enger gewordener finanzieller Spielräume für viele Vereine ein großer Vorteil. Sie bekommen mit dem Spielertrainer einen üblicherweise starken Spieler quasi gratis inklusive, im Paket ergibt das ein Trainergehalt. Coratella: „Wir brauchen da nicht um den heißen Brei herumreden: Ein Spielertrainer verdient mehr als die anderen Spieler.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
19. März 2021, 19:30 Uhr
Lesedauer:
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