„Sport im Nationalsozialismus – Nie wieder!“

Bretten (kli) – Abiturient Tobias Barton hat mit seiner Arbeit über seine Familiengeschichte einen Landespreis im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten gewonnen.

Spurensuche in der Familie: Tobias Barton mit seinen Großeltern Helga und Norbert Kriegel. Foto: BT

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Spurensuche in der Familie: Tobias Barton mit seinen Großeltern Helga und Norbert Kriegel. Foto: BT

Tobias Barton hat erst neulich sein Abi geschafft – mit 1,0 – und freut sich auf den Beginn seines Medizinstudiums ab Herbst in Heidelberg. Doch der junge Mann aus Bretten hat sich auch mit Regionalgeschichte befasst und dafür einen Landessieger-Preis beim Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten erzielt.

Er reichte seine Arbeit „Sport im Nationalsozialismus – Nie wieder! Das Vermächtnis des Julius Hirsch und meine Familiengeschichte im Spiegel von NS-Ideologisierung, Inszenierung und Rassismus“ bei dem von der Körber-Stiftung organisierten Wettbewerb ein.

Spurensuche in Auschwitz und der Normandie

Barton vermittelt darin anhand seiner Familiengeschichte und an zwei prominenten Sportlern, wie sehr die Nationalsozialisten den Sport für ihre Zwecke eingesetzt und missbraucht haben. Dafür führte er viele Interviews und begab sich auf Spurensuche unter anderem nach Auschwitz und in die Normandie. Zum 70. Jahrestag der D-Day-Feierlichkeiten, der Landung der Alliierten in Nordfrankreich, war er 2014 mit seinen Großeltern zu einer Feier in die Normandie eingeladen mit den damaligen Präsidenten Barack Obama und François Hollande. „Auschwitz und die D-Day-Feierlichkeiten in der Normandie haben mich sehr bewegt, die persönlichen Begegnungen sind so viel bedeutungsvoller als Lektüre oder Geschichtsunterricht“, sagt Barton dem BT. Die junge Generation müsse die Chance nutzen, „die noch lebenden Zeitzeugen zu interviewen und sich mit dem düsteren Kapitel unserer Geschichte auseinanderzusetzen, damit wir daraus lernen können und Zukunft menschlicher und friedvoller gestalten können“, sagt der 18-Jährige.

Riss ging durch die Familie

Barton vermittelt in der Arbeit, wie der Riss damals quer durch seine Familie ging: Sein Ururgroßvater Friedrich Zander wurde im Nationalsozialismus als Polizist suspendiert, weil er Befehle verweigerte. Er lehnte die rassistische Politik der Nazis ab und leistete mutig Widerstand. Zwischenzeitlich inhaftiert, wurde er im Zweiten Weltkrieg zur Zwangsarbeit bei den Krupp-Werken in Essen verpflichtet, half dort ukrainischen Zwangsarbeitern, indem er ihnen Brot zusteckte und sie so vor dem Hungertod bewahrte. Zum Dank fertigten die ukrainischen Zwangsarbeiter für ihn eine Brosche und einen Ring aus abgezweigtem Krupp-Stahl, die seine Großeltern heute noch besitzen.

Kurz vor dem Eintreffen der Alliierten sollte Friedrich Zander hingerichtet werden, buchstäblich in letzter Minute griff ein befreundeter Polizeihauptmann ein und verhinderte die Exekution.

Der Sohn von Friedrich Zander wiederum, Arnold Zander, war trotz der Vorprägung durch das Elternhaus von Hitlerjugend (HJ) und Sport ideologisch so eingenommen, dass er willig in den Krieg zog. Arnold Zander war gleichermaßen sportbegeistert wie „führertreu“.

Barton zeigt in seiner Arbeit die Rolle des Sports in der NS-Erziehung in Schule und HJ auf, unter anderem auch bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin. Barton hat die Familiengeschichte für seine Arbeit rekonstruiert und dazu seine Großeltern in Essen interviewt, beide Jahrgang 1942. „Mein Opa hat als Kleinkind sehr bewusst dramatische Kriegserlebnisse bis zur Befreiung wahrgenommen trotz des jungen Alters und hat sich aufgrund seiner Erlebnisse immer für Frieden, Versöhnung und Verständigung wider das Vergessen eingesetzt“, berichtet der 18-jährige gebürtige Karlsruher. Er hat seine Großeltern mehrfach zu ihrer Vergangenheit befragt. „Das ist ein großer Schatz. Man kann viel über die Menschen lernen, zu was sie im Guten wie im Schlechten fähig sind“, erzählt er.

Das Schicksal des Julius Hirsch

Zusätzlich zeigt der Abiturient mithilfe des Schicksals des jüdischen Fußballers Julius Hirsch aus Karlsruhe den menschenverachtenden Antisemitismus und die „düstere Seite des Sports im Nationalsozialismus“. „Julius Hirsch wurde zunächst als Fußballheld gefeiert, als Jude dann ausgeschlossen, verfolgt und in Auschwitz, wo ich mit meiner Familie auf den Spuren der Geschichte schon persönlich war, ermordet“, sagt Barton. Dem gegenüber „sehe ich in der Geschichte der deutsch-britischen Fußballlegende der Nachkriegszeit, Bert Trautmann, die integrative und versöhnende Kraft des Sports“, so Barton. Diese wünscht er sich auch für die Gesellschaft heute, da Rassismus, Antisemitismus und Ausgrenzung wieder auf dem Vormarsch seien. Sport könne da ein Zeichen setzen für Integration, hofft der junge Hobby-Historiker.

Zunächst wird er im Oktober bei einem Festakt als einer der Landessieger gekürt – mit der Aussicht auf mehr: „Vielleicht komme ich ja auch bundesweit weiter, zumindest würde ich mir das wünschen“, sagt Barton. Dann würde er im November von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zum Empfang ins Schloss Bellevue nach Berlin eingeladen.


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