Sportkolumne: Es kommt nicht nur auf die Größe an

Baden-Baden (moe) – Für Erfolg im Sport ist nicht allein die Körpergröße ausschlaggebend. Beispiele gibt es dafür haufenweise. Mit diesem Thema beschäftigt sich in dieser Woche die BT-Sportkolumne.

Kein Durchkommen: Irans Sitzball-Superstar Morteza Mehrzad (hinten) verdunkelt das Netz, hier im Duell mit dem Deutschen Alexander Schiffler. Foto: Marcus Brandt/dpa

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Kein Durchkommen: Irans Sitzball-Superstar Morteza Mehrzad (hinten) verdunkelt das Netz, hier im Duell mit dem Deutschen Alexander Schiffler. Foto: Marcus Brandt/dpa

Hasan Salihamidzic weiß es aus eigener Erfahrung: Nicht auf die Größe kommt es an, sondern auf die Technik. Mit seinen 1,77 Metern ist der Bosnier wahrlich kein Riese, körperlich gesehen. Wahrscheinlich hat man ihm auch deshalb einen Spitznamen mit einer Verkleinerungsform verpasst: „Brazzo“, das „Brüderchen“.

Von dieser Verniedlichung darf man sich aber nicht täuschen lassen. Mit seiner schlitzohrigen Art – quasi als Vorgänger von Filou Franck Ribéry – hat sich der Ex-Bayern-Profi ins Personenverzeichnis des Fußball-Almanachs gedribbelt. Sechsmal deutscher Meister, viermal DFB-Pokalsieger sowie jeweils einmal Champions-League- und Weltpokalsieger beweisen: Man muss kein Riese sein, um Riesenerfolge zu feiern.

Möglicherweise hatte der aktuelle Sportvorstand der Ruhmreichen von der Säbener Straße 51 diese Formel im Kopf, als er jüngst Omar Richards zum FC Bayern München gelotst hat. Zumindest hat sich Brazzo nicht von der Verpflichtung des 23-Jährigen abbringen lassen, obwohl der Linksverteidiger deutlich kleiner in der bayerischen Landeshauptstand ankam als er aus Reading – ein Katzensprung westlich von London – aufgebrochen ist. Der Suchmaschinen-Gigant Google wies die Körpergröße des Engländers virtuell mit 1,85 Metern aus, sein reales Erscheinungsbild ist allerdings deutlich kleiner, elf Zentimeter, um genau zu sein.

Größe kein verlässliches Indiz für sportlichen Erfolg

„Google hatte meine Größe falsch“, bekannte Richards bei seiner Vorstellung einigermaßen amüsiert und räumte ein: „Es geht definitiv nicht in die Richtung 1,85 Meter, eher 1,74 Meter.“ Damit mutierte der Defensivspezialist schlagartig von einer Abwehrkante zum kleinsten Spieler im Luxuskader des FCB. Die Granden in der Chefetage der Roten hat das freilich nicht gestört, schließlich gibt es etliche Beispiele kleiner Kicker, die groß rauskamen. Weltmeister Philipp Lahm (1,70 Meter) zum Beispiel, der sich ob seiner schmächtigen Physis nicht grämte: „Ich bin ja mit der Größe aufgewachsen“, sagte er einst der „SZ“. Oder der wohl Allergrößte: Diego Maradona (1,67). Nicht zu vergessen dessen Landsmann Lionel Messi (1,70).

Erfolgreicher geht es kaum. Kleiner allerdings schon, wie folgende Aufzählung untermauert: Die beiden italienischen Europameister Marco Verratti (1,65) und Lorenzo Insigne (1,63) – nein, es gibt keine ernsthaft wissenschaftlich dokumentierte Korrelation zwischen Körpergröße und Herkunftsland – oder Weltmeister und Frankreichs Kult-Profi N’Golo Kante (1,68). Ebenso kultig und mit einem Hang zu psychedelischen Kurzarm-Trikots: der ehemalige mexikanische Nationalkeeper Jorge Campos, den man mit seinen 1,68 Metern exakt 4,36-mal quer zwischen die Torpfosten hätte legen können.

Bol und Bogues: Kurioses NBA-Duo

Ein weiteres Beispiel – mit zugegeben wenig erquicklicher Bayern-Vergangenheit – ist der Schweizer „Kraftwürfel“ Xherdan Shaqiri (1,69). Ältere Semester schwärmen indes von Garrincha (1,69), einem der besten Dribbler aller Zeiten, der mit seinen krummen Beinen an der Seite einige ganz krumme Dinger gedreht hat – etwa bei den zwei WM-Titeln mit Brasilien 1958 und 1962. Einer seiner legitimen Nachfolger war der 94er-Weltmeister Romario, der mit seinen 1,67 Metern im Halbfinale für den 1:0-Siegtreffer gegen Schweden per Kopf (!) die „Hilfe Gottes“ benötigte. Immerhin nicht die Hand des Schöpfers...

Der Allerkleinste unter den nicht ganz so Großen ist wohl der Brasilianer Elton. Der 35-Jährige, der aktuell bei Al-Hamriyah in den Emiraten kickt, misst verschwindend geringe 1,54 Meter.

Größenunterschiede auch im Basketball ein großes Thema

An ziemlich kuriose Bilder, was Größenunterschiede angeht, werden sich derweil Basketballfans der späten 80er und frühen 90er Jahre erinnern. Bei den Washington Bullets, die mittlerweile Wizards heißen, spielten zeitgleich der zusammen mit Gheorge Muresam bisher größte Korbjäger der NBA-Geschichte, nämlich Manute Bol (2,31 Meter), und Muggsy Bogues, der mit seinen 1,60 Metern am anderen Ende der Skala zu finden ist.

Dass manchmal eine gewisse Körperlänge für sportlichen Erfolg indes recht förderlich ist, beweist bei den Paralympics in Tokio gerade der iranische Sitzball-Superstar Morteza Mehrzad. Er ist nach Angaben des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) der größte Teilnehmer in der Geschichte der Paralympics – und der zweitgrößte Mensch der Welt. Seine Größe ist bedingt durch Akromegalie, eine Erkrankung, die auf zu viele Wachstumshormone zurückzuführen ist. Da er sich bei einem Fahrradunfall im Alter von 15 Jahren einen schweren Beckenbruch zuzog, geht er normalerweise an Krücken oder sitzt im Rollstuhl. Auf dem Feld kann er bis zu 1,96 Meter Höhe blocken und hat eine Reichweite von 2,30 Metern. 2016 führte der Sitzriese sein Team zum Paralympics-Sieg, 2018 zum WM-Titel. Die Sache mit der Größe von Bayern-Neuzugang Richards wurde übrigens mittlerweile angeglichen: Der Suchmaschinen-Riese aus dem Silicon Valley hat seine Angaben auf 1,74 Meter runterkorrigiert.

Ihr Autor

BT-Redakteur Moritz Hirn

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Erstellt:
1. September 2021, 20:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 18sec

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