Sportkolumne: Spezielle Fußball-Trainer

Baden-Baden (rap) – Thomas Grönnemark ist der Einzige seiner Art im Fußballgeschäft. Der Däne ist Einwurftrainer – und zwar beim FC Liverpool. Rapps Rapport stellt weitere spezielle Trainer vor.

Hände hoch: Liverpools Vorzeige-Einwerfer Andrew Robertson (links) und Trent Alexander-Arnold. Foto: Laurence Griffiths/Getty Images/dpa

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Hände hoch: Liverpools Vorzeige-Einwerfer Andrew Robertson (links) und Trent Alexander-Arnold. Foto: Laurence Griffiths/Getty Images/dpa

Das Trainergeschäft im Fußball kann mitunter ein ganz schön hartes sein. Siegen oder fliegen lautet meist das Motto. Nachfragen lohnen sich etwa bei David Wagner, dem Ex-Trainer von Schalke 04, der nach saisonübergreifend 18 sieglosen Spielen keinen königsblauen Trainingsanzug mehr anziehen darf. Oder bei Achim Beierlorzer, der letztlich über den Mainzer Spielerstreik gestolpert ist und am Bruchweg nach zehn Monaten Amtszeit eine gewaltige Bruchlandung hingelegt hat. Bei so viel Austauschbarkeit in diesem knüppelharten Geschäft, kann es freilich nicht schaden, wenn man sich spezialisiert, ja sich geradezu unentbehrlich für die Vereine macht. Wie etwa der Däne Thomas Grönnemark.

Der 44-Jährige ist nämlich der Einzige seiner Art. Thomas Grönnemark trainiert Einwürfe. Ja, richtig, die häufigste – und gleichzeitig unterschätzteste – Standardsituation des Fußballs. Während die Kicker in der Kreisliga auch im gesetzten Alter jenseits der 30 immer noch ihre liebe Mühe mit einem halbwegs korrekt ausgeführten Einwurf haben, ist er für die Profis wohl nicht mehr als lästiges Beiwerk, um den Ball wieder ins Spiel zu bringen.

Die richtige Wurftechnik macht’s möglich

Dies zu ändern, ist Grönnemarks Passion – und Auftrag. Seit zwei Jahren ist der Däne an der Anfield Road beim amtierenden Premier-League-Meister und Traditionsverein FC Liverpool angestellt, besucht die Klopp-Elf einmal im Monat für mehrere Tage und analysiert sämtliche LFC-Partien. Grönnemark („Die meisten Profis stellen sich beim Einwurf nicht sehr klug an.“) macht Spielern wie Andrew Robertson und Trent Alexander-Arnold nicht Beine, sondern Arme. Mit Erfolg. Bevor der 44-Jährige, der seit 2004 als Einwurftrainer tätig ist, bei den „Reds“ anheuerte, brachte es Außenverteidiger Robertson auf eine Weite von rund 18 Metern, mittlerweile wirft der Schotte etwa 27 Meter weit. Die richtige Wurftechnik macht’s möglich. „Er weiß, wann er schnell werfen muss und wann er warten muss. Er erkennt, wann wir für den nötigen Raum gesorgt haben. Andys Stärke ist die Präzision. Trent hat in etwa dasselbe Level erreicht, auch wenn es bei ihm etwas länger gedauert hat. Diese beiden sind die besten Allrounder beim Einwurf“, sagte der Spezialtrainer kürzlich dem Fußballmagazin „11Freunde“. Doch Grönnemarks Wirken lässt sich auch statistisch belegen. 2018, bevor sich LFC-Teammanager Jürgen Klopp bei ihm persönlich meldete, waren die „Reds“ laut Tifo Football, einem unabhängigen Unternehmen für Fußballdaten, das drittschlechteste Team der Premier League bei unter Druck ausgeführten Einwürfen. Lediglich mickrige 45,5 Prozent solcher Einwürfe fanden den Weg zum Mitspieler.

Dann kam Grönnemark, legte Hand an den Armen der Liverpool-Profis an, gab taktische Schulungen und technische Kniffe. Und nur eine Saison später wurden aus den Fehleinwurf-Meistern wahre Einwurf-Könige. In derselben Statistik war die Elf von der Merseyside mit einer Erfolgsquote von 68,4 Prozent fast Spitze – in Europa wohlgemerkt. Nur übertroffen vom dänischen Erstligisten FC Midtjylland – ebenfalls gecoacht von Grönnemark, der auch schon bei RB Leipzig, Ajax Amsterdam und KAA Gent wirkte. Wo die LFC-Fans auf „The Kop“ seit jeher inbrünstig ihr legendäres „You’ll never walk alone“ schmettern, heißt es für die Profis seit nunmehr zwei Jahren: „You’ll never throw alone.“

Grönnemark hält Einwurf-Weltrekord

„Niemand auf der Welt hat ein solches Detailwissen über Einwürfe wie ich. Das ist eigentlich unglaublich, wenn man sich vor Augen führt, dass dieser Sport 140 Jahre alt ist“, erklärte Grönnemark, der mit 51,33 Metern natürlich auch den Weltrekord für den weitesten Einwurf hält, dem Fachmagazin. Seit der Däne an der Anfield Road wirkt, haben die „Reds“ erst die Champions-League-Trophäe abgeräumt und ein Jahr später die 30 Jahre währende Durststrecke in der Liga beendet. Doch Titel treiben den „Special One“ nicht an, vielmehr hat er das große Ganze im Blick: „Mein allergrößter Traum ist es, den Fußball so zu verändern, dass Einwürfe endlich ernst genommen werden.“

Ernst genommen wurde auch Thomas Häßler, dieser 1,66-Meter-Edeltechniker, wenn er zum Freistoß antrat. Zwirbelte der Mittelfeldspieler, den alle nur „Icke“ nennen, das runde Leder über diverse Mauern, verstummten in den 90er Jahren auch die badischen Bruddler im Wildparkstadion, wenn der Ball – mal wieder – im Giebel einschlug. Doch nach dem Karriereende wurde es still um den Weltmeister von 1990. Während andere WM-Helden wie Rudi Völler und Jürgen Klinsmann Nationaltrainer wurden, verschwand der Berliner nahezu in der Versenkung. Doch Häßler machte aus der Not eine Tugend – und war von Oktober 2006 drei Jahre lang Freistoßtrainer beim 1. FC Köln. Häßler machte also wieder das, was er am besten konnte: Freistöße im Knick versenken. „Thomas soll verschiedene Freistoß-Varianten kreieren. Unsere Standardsituationen sind verbesserungswürdig. Dafür ist er schließlich Spezialist“, sagte der damalige FC-Coach Peter Latour. Der erste hauptberufliche Freistoß-Trainer war geboren, weit bevor Joachim Löw 2014 auf der WM-Mission am Zuckerhut einen gewissen Hansi Flick damit beauftragte, vermehrt Freistoß-Varianten einzustudieren. Mit Erfolg. Viertelfinale. Freistoßflanke. Kopfball Hummels. Tor. Halbfinaleinzug.

Mindestens unter die letzten Vier wollten die Kicker mit dem Adler auf der Brust auch vier Jahre später in Russland kommen – mit Miroslav Klose als Stürmertrainer. Schließlich schien niemand prädestinierter für den Job zu sein als der WM-Rekordtorschütze. Doch das Experiment scheiterte. Krachend. WM-Aus in der Vorrunde. Stürmertore: null.

„Wie Muskelkater in der Stirn“

Ingo Wollenberg war nie bei einer WM dabei. Auch in der Bundesliga trat er nie gegen den Ball. Immerhin reichte es zu einem DFB-Pokalspiel für Bayer Leverkusen in der Saison 1989/90. Dennoch arbeitet Wollenberg immer noch unter dem Bayerkreuz – und zwar mit „Köpfchen“. Wollenberg ist bei den Rheinländern als Kopfballtrainer im Jugendbereich tätig. Inklusive Kopfballpendel und Brummschädel bei dem einen oder anderen Talent nach der Übungseinheit. „Das ist wie Muskelkater in der Stirn. Da sind ja auch überall Muskeln, und wenn man das wochenlang macht, spürt man gar nichts mehr“, sagte er einst.

Seit fast 20 Jahren bringt Wollenberg dem Bayer-Nachwuchs das Spiel mit dem Kopf bei, natürlich war auch er der erste seiner Zunft – mit teils, nun ja, interessanten Methoden. „Ein guter Kopfballspieler kennt keine Angst. Überhaupt keine Angst. Manchmal mache ich Schweinetraining, da verliert man seine Angst. Die kommen oft auf den Platz mit Gel in den Haaren, gestylt von oben bis unten. Dann nehme ich den Matsch vom Rasen, schmiere ihn den Jungs in die Haare und sage: ,So, und jetzt Zack!‘“ „Kopfballungeheuer“ Horst Hrubesch gefällt das.

Freistoß-Künstler: Thomas Häßler zwirbelt den Ball über die Münchner Mauer. Foto: Tobias Kuberski/GES

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Freistoß-Künstler: Thomas Häßler zwirbelt den Ball über die Münchner Mauer. Foto: Tobias Kuberski/GES


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