Sportkolumne: Warten auf die Olympiamedaille

Baden-Baden (ket) – In gut einer Woche wird in Tokio das olympische Feuer entzündet, die Wettkämpfe starten und damit verbunden die in Deutschland wichtigste Frage: Wann gibt’s die erste Medaille?

Erst fuhr Yvonne Bönisch mit unserem Autor ein bisschen Metro in Athen, dann gewann sie die erste Goldmedaille für Deutschland. Foto: Peer Grimm/dpa

© picture-alliance / dpa/dpaweb

Erst fuhr Yvonne Bönisch mit unserem Autor ein bisschen Metro in Athen, dann gewann sie die erste Goldmedaille für Deutschland. Foto: Peer Grimm/dpa

Immer wenn, so wie jetzt, Olympische Sommerspiele vor der Tür stehen, kommt einem ganz automatisch ein Name in den Sinn, nämlich der von Yvonne Bönisch. Das hat mit dem heißen Sommer 2004 und mit Athen zu tun, wohin man gereist war, um als damals noch einigermaßen junger Sportreporter von den Spielen zu berichten – und mit einer Fahrt in der Metro mit Kollegen noch ein paar Tage bevor das olympische Feuer überhaupt entzündet wurde.

Man fuhr also ein bisschen Tram durch Athen, ließ sich von der monumentalen Schönheit der Rest-Akropolis betören – und beobachtete mehr so aus den Augenwinkeln, wie an einer Haltestelle eine eher zierliche blonde Frau mit einem großen, breiten Mann an ihrer Seite zustieg, um ganz hinten in der Bahn Platz zu nehmen. Dass es sich bei der zierlichen blonden Frau um eine deutsche Olympiateilnehmerin handelte, war unschwer am Trainingsanzug zu erkennen und an ihrem Rucksack, den ein großer Bundesadler zierte. Der große Mann neben ihr wiederum, so mutmaßten wir, war bestimmt ihr Trainer.

Turnerin, Ringerin oder doch Gewichtheberin?

Womit das Rätsel quasi eröffnet war – samt der Suche nach einer Antwort auf die Frage: In welcher Sportart wird die zierliche blonde Frau um olympische Ehren kämpfen und, nicht weniger spannend: Um wen handelt es sich da überhaupt?

„Bestimmt ‚ne Turnerin“, tippte der Kollege vom Kölner Stadtanzeiger, was einerseits eine ziemlich gute Idee war, andererseits aber auch angezweifelt werden musste, weil Turnerinnen nur selten von Menschen mit der Gestalt eines Grizzly-Bären trainiert werden. „Das ist bestimmt eine Ringerin“, wollte daraufhin der Kollege vom Südkurier wissen, ein Vorschlag, den es ebenfalls schnell zu verwerfen galt, weil weder die blonde Frau noch ihr Grizzly die für Ringer typischen Blumenkohlohren zur Schau trug. Gerade als wir uns mit 3:0-Stimmen auf Gewichtheberin geeinigt hatten, geschah es: Die Metro hielt an – und die blonde Frau stieg samt ihrem Riesentrainer aus und verschwand in der wuselnden Menschenmenge.

Dass wir das Rätsel ein paar Tage später doch noch lösen konnten, war ein wenig dem Zufall geschuldet – und der unglaublichen Kampfkraft der blonden Frau, bei der es sich, wie wir nun erfahren sollten, um Yvonne Bönisch handelte. Diesmal, bei unserer zweiten Begegnung, saß Yvonne Bönisch nicht in der Metro, sondern auf dem Podium der Pressekonferenz im deutschen Haus, und sie trug auch keinen Rucksack auf dem Rücken, sondern eine Goldmedaille um den Hals. Im Judo hatte sie diese am Abend zuvor gewonnen, was nicht nur sie sichtlich stolz machte, sondern uns schon auch. Denn wer kann schon von sich behaupten, mit einer Olympiasiegerin Tram in Athen gefahren zu sein? Zumal es ja beileibe keine gewöhnliche Goldmedaille war, die Yvonne Bönisch, unser goldiges Yvonnchen, gewonnen hatte, sondern die erste für Deutschland bei diesen Spielen überhaupt.

Die Angst vor den Sportzwergen

Dazu muss man wissen, dass die erste Medaille, egal ob aus Bronze, Silber oder Gold, etwas Besonderes ist, etwas ganz Besonderes sogar, zumindest für die Medaillenzähler unter den Olympiafreunden, die ja immer auch Erbsenzähler sind. Vor der ersten Medaille ist man als Nation bei Olympischen Spielen quasi gar nicht existent oder, noch schlimmer, man liegt im Medaillenspiegel hinter Sportzwergen wie Kasachstan und Jordanien. Das nagt selbstredend am nationalen Selbstbewusstsein, im schlimmsten Fall kann eine veritable Olympia-Depression daraus erwachsen. Ohne Medaille ist selbst ein Land wie Deutschland schwach, einfach nichts. Und jeder Tag, jede Stunde ohne Medaille ist eine zu viel, entsprechend gezählt werden die Minuten und Sekunden bis zur Erlösung, allen voran die Jungs von der Bild-Zeitung sind dabei immer sehr eifrig.

Und zu zählen gab es bei den zurückliegenden Spielen einiges, zumindest aus deutscher Sicht. Deutsche Olympioniken waren in der jüngsten Vergangenheit schließlich keineswegs Schnellstarter. Eher sind sie nach dem Motto „gut Ding will Weile“ ans olympische Werk gegangen. Bei den letzten Sommerspielen vor fünf Jahren in Rio etwa mussten die Landes-Erbsenzähler bis zum vierten Wettkampftag warten, ehe es im Medaillenkässchen klingelte. Die Vielseitigkeitsreiter um Michael Jung waren es dann schließlich, die das Land erlösten – und zwar mit Gold und Silber auf einen Streich.

Medaillenchancen in 339 Wettbewerben

Schon vier Jahre zuvor hatte Jung für Besonderes gesorgt, nämlich für die ersten beiden Goldmedaillen für Deutschland bei den London-Spielen, erritten abermals am vierten Wettkampftag. Die erste deutsche Medaille an der Themse, eine Silberne, hatte tags zuvor, also am dritten Wettkampftag, bereits Degenfechterin Britta Heidemann gewonnen. Dass Deutschland satte eineinhalb Stunden länger auf dieses ohnehin schon späte Metall hatte warten müssen, lag übrigens keineswegs an Heidemann, sondern an deren Halbfinalgegnerin Shin A-Lam aus Südkorea, die gegen die Wertung des Halbfinals Protest eingelegt hatte und diesen mit einer 90-minütigen Sitzblockade zu bekräftigen versuchte.

Im Vergleich dazu relativ flott ging es bei den 2008er Spielen in Peking zu. Bereits am zweiten Wettkampftag schraubten sich die Wasserspringerinnen Heike Fischer und Ditte Kotzian zu Bronze für Deutschland. Bis zum ersten deutschen Peking-Gold dauerte es allerdings erneut vier Tage. Dem Slalomkanuten Alexander Grimm war vergönnt, es zu gewinnen.

Am 23. Juli wird in Tokio erneut das Olympische Feuer entzündet. In insgesamt 339 Wettbewerben werden in den darauffolgenden beiden Wochen Medaillen vergeben. Mal sehen, wer die erste für Deutschland gewinnt – und vor allem, wie lange es diesmal dauert...

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

Zum Artikel

Erstellt:
15. Juli 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 47sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.