Sportkolumne: Wenn Frauen wie Männer aussehen

Baden-Baden (ket) – Wenn Frauen wie Männer anmuten, hat der Sport meist ein Problem. Die BT-Sportkolumne widmet sich diesbezüglich der Frage: Ist es Doping oder sind es die Gene?

Jarmila Kratochvilova nach ihrem Weltrekord am 26. Juli 1983 in München. Foto: dpa

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Jarmila Kratochvilova nach ihrem Weltrekord am 26. Juli 1983 in München. Foto: dpa

Es ist noch gar nicht so lange her, dass man an Jarmila Kratochvilova erinnert wurde. Ihr 70. Geburtstag Ende Januar war Anlass für den ein oder anderen Zeitungstext, auch im BT stand ein Bericht über die tschechische Leichtathletin und ihren Wunderweltrekord über 800 Meter. Am 26. Juli 1983 lief Kratochvilova diesen, bei 1:53,28 Minuten blieben damals die Uhren stehen. Noch heute hat dieser Weltrekord Bestand, er ist der älteste der Leichtathletik. Nie wieder lief eine Frau die doppelte Stadionrunde so schnell wie Kratochvilova damals, vor fast 40 Jahren also.

Fabelweltrekorde nennt man Bestmarken wie diese gemeinhin, beileibe nicht alle verdienen Bewunderung. Vielmehr gelten so manche längst als Mahnmale, der Rekord von Kratochvilova gehört zweifelsohne dazu. Er ist ein warnendes Relikt aus der Zeit des Kalten Krieges, der ja auch im Sport tobte. Ein trauriges Überbleibsel aus der Hoch-Zeit des Anabolika-Dopings.

Dass bei Jarmila Kratochvilova etwas nicht stimmen konnte, war schon damals leicht zu erkennen, ganz ohne Dopingtest. Ein fast quadratischer Körper, Beine wie Baumstämme, Arme wie ein Holzhacker, dazu passend breite Schultern. Kratochvilova stampfte die Konkurrenz auf eine Art und Weise in Grund und Boden, dass schnell eine Frage im Raum stand: Ist sie wirklich Frau oder doch eher Mann? Dass sie nach Rennen nie gemeinsam mit ihren Konkurrentinnen unter die Dusche gehüpft sein soll, brachte ihr bei Reportern schnell den Namen „Herr Kratochvil“ ein.

Geschlechtertests bei Frauen

Der Sport reagierte auf Fälle wie diesen – und führte Mitte der 1960er-Jahre Geschlechtertests bei Frauen ein, die freilich aus einer ziemlich einfachen körperlichen Untersuchung bestanden: Sportlerinnen mussten nackt vor Ärzten hin- und hergehen, die im Zweifelsfall per Abtasten klären sollten, ob es auch wirklich eine Frau war, die da vor ihnen stand. Kritik an dieser würdelosen Methode blieb nicht aus. Noch vor den Olympischen Spielen 1968 in Grenoble und Mexiko reagierte das Internationale Olympische Komitee darauf und führte eine Gender Verification per Chromosomen-Test ein, über den später übrigens auch Kratochvilovas Weiblichkeit bestätigt wurde. Bis sage und schreibe 1999 war der Chromosomen-Test im Einsatz, dann wurde er abgesetzt, weil zum einen Zweifel an seiner Eindeutigkeit aufgekommen waren und er zum anderen zu teuer war. Gute zehn Jahre lang ließ der Sport das Thema links liegen.

Dann kam Caster Semenya. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2009 in Berlin lief die junge Südafrikanerin überlegen zu Gold – mit breiten Schultern und tiefer Stimme. Schnell stellten die Fernsehreporter die alte Frage: Mann oder Frau? Semenyas Konkurrentin Elisa Cusma hatte die Antwort schnell gefunden. „Für mich ist sie keine Frau, sie ist ein Mann“, stellte die Italienerin fest.

Semenya wechselt zum Fußball

Ganz falsch lag sie damit nicht, aber eben auch nicht ganz richtig. In der Tat produziert Semenyas Körper, wie man mittlerweile weiß, mehr Testosteron als der ihrer Konkurrentinnen. Hyperandrogen nennt man das. Das hat, im Gegensatz zu Kratochvilova, nichts mit Doping zu tun, sondern ist naturgegeben. Ein Problem für den Sport ist es dennoch.

Für den Leichtathletik-Weltverband ist Semenya jedenfalls ein „biologisch männlicher Athlet mit weiblicher Geschlechtsidentität“. Als DSD, „Differences of Sex Development“, wird das umschrieben. Für den Sport maßgeblich: Ein höherer Testosteronwert bedeutet gemeinhin körperliche Vorteile.

Der Internationale Leichtathletikverband (IAAF) sah just darin einen unfairen Vorteil für Semenya und setzte im Jahr 2011 einen Grenzwert von fünf Nanomol Testosteron pro Liter Blut fest. Bedeutete: Wollte die Südafrikanerin bei internationalen Großereignissen starten, musste sie ihren natürlichen Testosteronwert künstlich, also mit Medikamenten, senken.

Semenya war dazu nicht bereit – und klagte. Ein jahrelanges juristisches Hin- und Her war die Folge. Im Mai 2019 lehnte schließlich der Internationale Sportgerichtshof CAS Semenyas Einspruch gegen eine Testosteronobergrenze ab. Er bestätigte mit 2:1 Stimmen zwar die Ansicht der Klägerseite, dass eine Diskriminierung vorliege, diese sei aber notwendig, angemessen und verhältnismäßig, um die Integrität der Frauenleichtathletik zu schützen.

Semenya, das steht fest, ist keine Täterin, schon gar nicht im Hinblick auf Doping, sondern Opfer – und zwar, wenn man so will, ihrer eigenen Gene. Zuletzt hatte die Südafrikanerin ihre Laufkarriere übrigens auf Eis gelegt und ist zum Fußball übergewechselt.

Ihr Autor

BT-Redakteur Frank Ketterer

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Erstellt:
10. Februar 2021, 16:45 Uhr
Lesedauer:
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