Sportkolumne über kuriose Reportersprüche

Baden-Baden (moe) – Lothar Matthäus ist „ein Mann wie Steffi Graf“, hat TV-Kommentator Jörg Dahlmann einst gesagt. Er und seine Kollegen waren immer mal wieder verbal berauscht.

Alexander Zverev (links) hat nicht nur Novak Djokovics Traum vom Golden Slam zerstört, sondern auch eine sicher geglaubte BT-Schlagzeile. Foto: Vincenzo Pinto/AFP

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Alexander Zverev (links) hat nicht nur Novak Djokovics Traum vom Golden Slam zerstört, sondern auch eine sicher geglaubte BT-Schlagzeile. Foto: Vincenzo Pinto/AFP

Der Sieg von Alexander Zverev gegen Novak Djokovic im Halbfinale des olympischen Tennisturniers war eine Katastrophe. Klar, in erster Linie natürlich für den serbischen Tour-Dominator, aber auch für die BT-Sportredaktion. Nein, das hat keineswegs mit mangelndem Patriotismus zu tun, schon gar nicht mit einer etwaigen Geringschätzung des grandiosen Gold-Coups des Hünen aus Hamburg.

Es hat vielmehr damit zu tun, dass durch Zverevs Triumph nicht nur Djokovics Traum vom Golden Slam – Sieg in Wimbledon, Roland Garros, Flushing Meadows, Melbourne und bei Olympia – in der brüllenden Hitze von Tokio zerplatzt ist wie eine Seifenblase im Regen, sondern auch eine aus den Hirn(s)Windungen destillierte Schlagzeile: „Ein Mann wie Steffi Graf“. Fräulein Vorhand aus Brühl ist – Tenniskenner und BT-Leser wissen das – weiterhin die einzige Racket schwingende Sportlerin, der das seltene Kunststück gelungen ist. 1988, um genau zu sein.

Bonmot über „Gräfin Gnadenlos“

Auf den ersten Blick mag ein derartiger Vergleich – gelinde gesagt – etwas abseitig erscheinen, dazu muss man aber wissen, dass besagte Schlagzeile in gewisser Weise eine Reminiszenz an Sprüche von Reportern und Kommentatoren ist, die bei den Rezipienten für Verwunderung, Empörung oder bestenfalls für Erheiterung gesorgt haben.

Das vorliegende Bonmot über „Gräfin Gnadenlos“ geht auf den dieser Tage gar nicht mehr so gut beleumundeten Kollegen Jörg Dahlmann zurück, dem jüngst vom Pay-TV-Sender Sky das Mikrofon abgedreht wurde, weil ihm seine eigene Flapsigkeit bisweilen üble Streiche spielt. Im Frühjahr 2000 wurde der Kommentator des KSC-Wunders gegen Valencia auf unfreiwillig komische Weise verhaltensauffällig. Lothar Matthäus, der technisch versierte Raumausstatter aus Herzogenaurach, hatte im Spätherbst seiner Karriere gerade die große Bühne – Champions League gegen Real Madrid – verlassen, als Dahlmann ihn on air wie folgt in den fußballerischen Ruhestand komplimentierte: „Da geht er, ein Mann wie Steffi Graf.“

Kommentator mit Bildungsauftrag

In der öffentlichen Wahrnehmung ordnet man verbale Absurditäten meist eher den Protagonisten auf der anderen Seite des Mikrofons zu, also den Spielern. Auch in diesem Bereich gilt freilich Franz Beckenbauer als Lichtgestalt. Nur ein, genauer gesagt zwei Beispiele: Dereinst vermisste der Kaiser die guten, alten, langen Zeiten: „Zu meiner Zeit haben wir noch 16 Monate im Jahr Fußball gespielt“, sagte Beckenbauer. Einige Jahre später hat er seinen Fauxpas offenbar gemerkt und die Zahl nach unten korrigiert: „In einem Jahr habe ich mal 15 Monate durchgespielt!“

Weil früher Spieler und Journalisten als „Clique von Kumpels“ galten, wollten die Berichterstatter offenbar auch bleibenden Eindruck hinterlassen. Im Fall von Jörg Dahlmann mit Sätzen wie diesem: „Kohler köpft alles weg. Der würde sogar eine Kiste Bier aus dem Strafraum köpfen.“ Der Kommentator im verbalen Rausch.

Faßbender und Rubenbauer als diabolisches Duo

Bei aller Großspurigkeit: Der Bildungsauftrag darf nicht zu kurz kommen, erst recht nicht bei Mitarbeitern des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Wahrscheinlich hat Heribert Faßbender den TV-Zuschauern deshalb weiland erklärt: „Und jetzt skandieren die Fans wieder: Türkiye, Türkiye. Was so viel heißt wie Türkei, Türkei.“ Ein Mikrofon-Dinosaurier im Dienste der Völkerverständigung. Bisweilen war Mister „N’Abend allerseits“ aber geografisch etwas derangiert: „Die Polen darf man nicht unterschätzen. Diese Balkan-Kicker sind unberechenbar!“ Mit unseren westlichen Nachbarn kannte sich der mittlerweile 80-Jährige deutlich besser aus: „Fußball ist inzwischen Nr. 1 in Frankreich. Handball übrigens auch.“ Das Credo „keine Witze mit Namen“ galt damals offensichtlich auch noch nicht, wie Faßbenders folgender Beitrag untermauert: „Bei diesem marokkanischen Spieler lachen immer alle, wenn man dessen Namen ausspricht: Lamouchi. Wahrscheinlich weil seine Bewegungen eher hölzern und gar nicht so katzenartig sind.“

Zusammen mit Faßbender bildete dereinst übrigens Gerd Rubenbauer ein diabolisches Duo. Der bajuwarische Gaudimax hat sich seinen Platz in den Reporter-Annalen mit shitstormtauglichen Sätzen wie „Die Rudi-Rudi-Rufe hat es vorher nur für Uwe Seeler gegeben“ oder „die Achillesferse von Bobic ist die rechte Schulter“ gesichert. Ob da Doktor Müller-Wohlfahrt hätte helfen können? Eine andere Frage stellt sich im Zusammenhang mit einer weiteren Rubenbauer-Äußerung. Nämlich: Hat er das wirklich gesagt? Ja, hat er – und zwar Folgendes: „Die Paraguayer foulen wie Leprakranke“.

Werner Hansch hatte bekanntlich den Schalk(e) im Nacken und den Ruhrpott in der Stimme. Seine oft dahingehauchte Recklinghausen-Rhetorik ist Kult – an diesem Status konnte auch der Ausflug in den Big-Brother-Container nichts anhaben. Sein Konto mag leer sein, dafür verfügte er über ein reiches Repertoire an Sprüchen. Hier einige Kostproben: „Das Gesicht hat er vom Gesichtsverleih“, sagte Hansch einst über den wenig freundlich dreinschauenden Ottmar Hitzfeld. Hansch hatte neben seinem allseits bekannten Faible für Königsblau („Nicht das bessere Team soll gewinnen, sondern immer Schalke.“) auch eine Vorliebe für rustikale Kulinarik: „Das war ein Sandwichspiel: Ein frühes und ein spätes Tor, dazwischen viel Gehacktes.“ Und manchmal genügten ganz wenige Worte: „Das Beste in Kürze: Das Spiel ist aus!“

Einem verbalen Foul nicht abgeneigt: Gerd Rubenbauer. Foto: Axel Heimken/dpa

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Einem verbalen Foul nicht abgeneigt: Gerd Rubenbauer. Foto: Axel Heimken/dpa

Container-König mit einem Faible für Gelsenkirchener Barock.Foto: Henning Kaiser/dpa

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Container-König mit einem Faible für Gelsenkirchener Barock.Foto: Henning Kaiser/dpa


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