Sportkolumne über kuriose Wechsel beim Fußball

Baden-Baden (moe) – Eine anstehende Geburt, Einbrüche und jede Menge Fauxpas – die BT-Sportkolumne widmet sich kuriosen Ein- und Auswechslungen in der Welt des Fußballs.

„Schiri, Wechsel!“: Die Geschichte kurioser Ein- und Auswechselungen ist lang. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

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„Schiri, Wechsel!“: Die Geschichte kurioser Ein- und Auswechselungen ist lang. Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

In mannshohen Lettern prangt der Spruch an der Balustrade des Parc des Princes: „Ici c’est Paris!“: Das hier, das sollen verdammt nochmal alle wissen, ist Paris! Der Schlachtruf der Ultras von Paris Saint-Germain, quasi das „Mia san mia“ auf Französisch, soll eigentlich bei gegnerischen Fans wie Spielern für Angst und Schrecken sorgen. In der Tat: Aus Tausenden Kehlen in den Himmel der Capitale gebrüllt, stellen sich dem Zuhörer die Nackenhaare. Die Pandemie hat freilich auch dieses Gegröle verstummen lassen.

Und überhaupt: Mittlerweile ist das überdimensionale Spruchband in der Heimspielstätte des Traditionsvereins weniger eine Warnung für Auswärtige, den Pöbel aus der Provinz, sondern eine mahnende Erinnerung für die eigenen Akteure: „Das hier ist Paris!“ – und damit nicht immer ein wirklich gutes Pflaster für Spieler von PSG. Denn während die millionenschweren Kicker auf dem Rasen für Tore und Punkte schwitzen, räumen dreiste Gauner in schöner Regelmäßigkeit die mit reichlich und obendrein teils sündhaft teuren Luxusgütern gefüllten Villen und Wohnungen der Fußballstars aus. Wie skrupellos die Verbrecher an der Seine vorgehen, zeigt die Tatsache, dass mittlerweile sogar eine Statistik geführt wird, wie oft das kickende PSG-Personal um Wertgegenstände erleichtert wurde, während die Fußballer auf dem Platz ihrer Arbeit nachgingen: Seit 2018 wurden insgesamt sechs Spieler von PSG Opfer von Einbrüchen, einige, wie der jetzige Bayern-Profi Eric-Maxim Choupo-Moting, sogar mehrfach.

Vom Rasen in den Kreißsaal

Bei der 1:2-Niederlage des französischen Meisters gegen Nantes drangen Kriminelle nicht nur ins Haus der Eltern von Defensivspezialist Marquinhos ein und sperrten Teile der Familie im Ankleidezimmer ein, fast zeitgleich brachen Banditen ins Domizil von Flügelstürmer Angel di Maria in Neuilly-sur-Seine ein, knackten und entleerten den Safe. Der Schaden soll bei mehr als 500.000 Euro gelegen haben. Auch Uhren und Schmuck wurden gestohlen.

Mitten in der Begegnung wurde PSG-Trainer Mauricio Pochettino über den Vorfall informiert. Der Argentinier rief seinen Landsmann an die Seitenlinie, wechselte ein paar Worte mit di Maria und wechselte den Stürmer nach 62 Minuten beim Stand von 1:1 kurzerhand aus. Der 33-Jährige eilte in die Kabine und soll wenig später fluchtartig das Stadion verlassen haben.

Diese Auswechslung ist an Dramatik kaum zu überbieten, auch weil sie unterstreicht, dass es manchmal wichtigere Dinge gibt, als das Spiel auf dem grünen Rasen. Nicht in allen Fällen allerdings haben Auswechslungen derart schlimme Gründe, manchmal sind sie sogar extrem erfreulich. Wie der Fall von Florian Grillitsch exemplarisch beweist. Im Oktober vergangenen Jahres, beim Europa-League-Auftakt gegen Roter Stern Belgrad, zog der Österreicher in der ersten Hälfte noch gewohnt souverän die Fäden im Mittelfeld der TSG, in der Halbzeit wechselte Trainer Sebastian Hoeneß den Strategen zur sportlichen Verwunderung aller Unwissenden aus. Der Grund: Seine Frau Hannah war im Begriff eine kleine Tochter zur Welt zu bringen. Am Ende wurde übrigens doppelt gejubelt: Der 25-Jährige war rechtzeitig zur Geburt im Kreißsaal und Hoffenheim gewann die Partie mit 2:0.

Erfahrung schlägt Talentförderung

In den meisten Fällen finden Ein- beziehungsweise Auswechselungen im letzten Drittel eines Spiels ab, es sei denn, einer der Protagonisten ist verletzt und muss entsprechend ausgewechselt werden. Der junge Junjie Wen war hingegen topfit, der 22-jährige Youngster des chinesischen Erstligisten Tianjin Tianhai hatte nicht mal eine einzige Schweißperle auf der Stirn – kein Wunder, schließlich musste er den Platz bereits nach sage und schreibe 55 Sekunden wieder verlassen. Für Wen kam sein Landsmann Shuai Pei aufs Feld, seines Zeichens 26 Jahre alt. Mit dem angesichts der Spielzeit höchst kuriosen Wechsel umging das damalige Schlusslicht eine bei vielen Clubs unliebsame Regel.

In den Statuten von Chinas Super League ist es vorgeschrieben, dass mindestens ein einheimischer U-23-Akteur in der Startelf stehen muss. Wie lange dieser auf dem Feld stehen muss, enthält der Passus allerdings nicht. In dreister Regelmäßigkeit nutzen die Vereine die Lücke im Reglement aus und wenden Trick 17 an – ganz nach dem Motto: Erfahrung schlägt Talentförderung. Ganz ähnliche Spitzfindigkeiten gibt es im Übrigen auch in anderen Ligen auf dem Fußball-Globus, teilweise sollen Spieler aus demselben Grund noch viel früher ausgewechselt worden sein als Kollege Junjie Wen.

Die Liste kurioser Ein- und Auswechslungen ist ellenlang, allein die Geschichten über das mittlerweile antiquierte Verbot eines vierten Ausländers – respektive Nicht-Europäers – auf dem Platz können ganze Bücher füllen. Jeweils ein Kapitel wäre diesbezüglich für Christoph Daum, Otto Rehhagel und Winnie Schäfer reserviert. Am 11. November 1995, beim Heimspiel gegen Bayer Leverkusen, wechselte der KSC-Trainer nach der Pause mit Sergej Kirjakow den vierten Ausländer ein – einer zu viel. Slaven Bilic, Adrian Knup und Sean Dundee standen bereits auf dem Platz. Der flehende Appell des Stadionsprechers („Winnie, zähl‘ deine Ausländer.“) verhallte ungehört. Der Wechselfehler war am Ende ohnehin Makulatur, der KSC unterlag der Werkself mit Tante Käthe mit 1:4.

Besonderer Hang zur Höflichkeit

Einen besonderen Hang zur Höflichkeit – auf die Torgefährlichkeit ließ sich das nicht immer sagen – hatte derweil Marko Pantelic. Der ehemalige Hertha-Stürmer mit Winnetou-Frisur sorgte mit seiner überbordenden Freundlichkeit in der zweiten Hälfte der 2000er Jahre für den ein oder anderen denkwürdigen Auftritt. In der Partie beim damals noch nicht ausgestorbenen Bundesliga-Dino Hamburger SV ließ sich der Serbe bei seiner Auswechslung aufreizend viel Zeit. Die Pfiffe der gegnerischen Fans – und auch die Gelbe Karte des Schiedsrichters – quittierte Pantelic mit einer formschönen Verbeugung.

In die Kategorie Pleiten, Pech und Torhüterpannen gehört ein Wechsel aus dem Jahr 2011. Die zweitklassige Spielvereinigung Greuther Fürth war auf dem besten Weg, für eine veritable Sensation im Halbfinale des DFB-Pokals zu sorgen. Das Team von Mike Büskens lieferte dem haushohen Favoriten aus Dortmund einen packenden Kampf, hielt auch in der Verlängerung sehr gut mit – bis den Trainer ein folgenschwerer Geistesblitz durchzuckte. In Erwartung des Elfmeterschießens – es Stand 0:0 – wechselte Büskens zwei Minuten vor dem avisierten Abpfiff Stammkeeper Max Grün aus und Jasmin Fejzic ein. Das war insofern nachvollziehbar, da der Ersatzmann landläufig als Elfmeter-Killer bekannt war. Das Problem: Zum Duell vom Punkt kam es nicht. Wenige Sekunden nach seiner Einwechselung knallte ein Schuss von Ilkay Gündogan erst an den Pfosten, dann an Fejzics Rücken und von dort ins Tor – der Traum vom Finale war geplatzt. „Ich könnte nur noch heulen. Mehr Pech kann man nicht haben“, offenbarte der Pechvogel nach dem Aus. Wahrscheinlich hätte er sich am liebsten wieder auswechseln lassen.


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