Sportnachwuchs leidet unter Pandemie

Baden-Baden (ket) – Seit fast einem Jahr können Kinder und Jugendliche nicht mehr regelmäßig Sport treiben, die Folgen sind unvorhersehbar.

Langer Atem: Dem Schwimmteam des TV Bühl fehlen durch ausgefallene Kurse ungefähr zehn bis 15 Nachwuchstalente. Foto: Frank Seiter

© toto

Langer Atem: Dem Schwimmteam des TV Bühl fehlen durch ausgefallene Kurse ungefähr zehn bis 15 Nachwuchstalente. Foto: Frank Seiter

Die Sporthallen und Schwimmbäder sind geschlossen, die Bälle egal welcher Art ruhen. Der Sport, zumindest ein Großteil von ihm, steckt schon seit Längerem im Corona-Schlaf, selbst Kinder und Jugendliche dürfen nach wie vor nicht ihrem geliebten Hobby nachgehen. Das führt einerseits zu einer allgemeinen Bewegungsarmut und zunehmender Immobilität samt Übergewicht, andererseits zu Qualitätsverlusten in den verschiedenen Sportarten. Die (Langzeit-)Folgen sind nur schwer zu prognostizieren. BT-Redakteur Frank Ketterer hat der Frage dennoch nachgespürt.

Volleyball

Das Beste erwähnt Oliver Stolle gleich zu Beginn. „Bislang hat es bei uns keine Abmeldeflut gegeben“, sagt der Abteilungsleiter und Manager der Bühler Volleyballer. Rund 80 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 18 Jahren erlernen beim TV Bühl die hohe Kunst des Volleybälle ballerns. Seit Anfang November freilich findet in Bühl kein Kinder- und Jugendtraining mehr statt. Kontakt zu den Kids besteht hauptsächlich über Online-Training, in denen die allgemeine Fitness sowie leichtes Balltraining im Mittelpunkt stehen. Dass die coronabedingte Trainings- und Wettkampfpause unabhängig von nach wie vor möglichen Abmeldungen negative Folgen nach sich zieht, steht für Stolle freilich außer Frage, besonders im unteren Altersbereich sei dies schon jetzt der Fall. Zum einen habe man Jugendliche, die noch vor dem ersten Lockdown an Schulen gesichtet wurden, hernach nicht ausbilden können. Zum anderen sei es seitdem erst gar nicht mehr möglich gewesen, Talente zu sichten. „Die Potenziale der vierten Klassen sind uns verloren gegangen, weil wir nicht auf sie zugreifen konnten“, sagt Stolle. Im Prinzip sind den Bühler Volleyballern damit gleich zwei Jahrgänge an potenziellen Talenten durch die Lappen gegangen. Die schon baldige Auswirkung dessen: „Bei der künftigen U16 oder U18 wird es auch leistungsmäßig eine Delle geben“, so Stolle. Ein für Bühl ohnehin schon sensationeller Erfolg wie der Gewinn der deutschen U-20-Meisterschaft vor zwei Jahren wird so noch schwerer, beziehungsweise „eher unwahrscheinlich“, wie Stolle sagt. Dabei stellt der Abteilungsleiter keineswegs in Abrede, dass man Pritschen, Baggern und Schmettern prinzipiell auch mit 14 oder 15 Jahren noch erlernen kann, für ganz nach oben, sprich in die Bundesliga, wird es dann aber kaum mehr reichen. Zwischen 13 und 14 Jahre alt seien heutzutage jene Talente, die für die Bundesliga-Internate in Berlin oder Friedrichshafen gesichtet werden im Schnitt. „Wer da nicht dabei ist, hat es schwer, ein Top-Volleyballer zu werden“, weiß Stolle.

Tischtennis

Geht es nach Susanne Gibs, dürfen sich die Dinge nach wie vor so entwickeln wie nach dem ersten Lockdown. Damals, Mitte Juni vor einem Jahr, kehrten alle Kinder und Jugendliche ins Training der Tischtennisfreunde (TTF) Rastatt zurück, sogar ein paar neue kamen hinzu. „Als anfänglich nur zehn Sportler in die Halle durften, mussten wir sogar Pläne machen, wer wann trainieren darf“, erinnert die TTF-Vorsitzende. Natürlich hofft sie, dass es auch diesmal, so endlich wieder trainiert werden darf, so kommt. Ob dem so sein wird oder doch der ein oder andere Jugendliche den Tischtennisschläger in die Ecke legt, sei derzeit freilich „schwer zu sagen“. Rund 40 Jugendliche spielen und trainieren normalerweise bei den TTF, seit den Herbstferien Mitte Oktober hopst auch hier kein Bällchen mehr. Online bieten die TTF seitdem einmal wöchentlich Training an. „Wirklich Tischtennis-Spielen“ sei das, so Gibs, allerdings nicht, vielmehr gehe es darum, die allgemeine Fitness zumindest einigermaßen zu erhalten und, gerade bei den Jüngeren, das Ballgefühl zu schulen. Welche Auswirkungen die Corona-Pause auf die weitere Entwicklung der Talente haben wird, vermag Gibs nicht zu sagen. Im Gegensatz zu anderen Sportarten, sei man im Tischtennis nicht ganz so jahrgangsfixiert. Dennoch gelte auch hier: „Je älter man ist, um so schwerer tut man sich, es zu erlernen.“ Dass das bislang fast ein Jahr Pause sich negativ aufs Spielniveau der Kinder und Jugendlichen auswirken wird, steht für Gibs außer Frage. Eine Folge davon: Die Kluft zwischen „normalen“ Talenten und jenen, die Kadermitglieder sind und somit weitgehend durchtrainieren durften, wird noch größer, als sie es zuvor schon war. Nicht ausgeschlossen, dass der ein oder andere dadurch die Lust verliert. Drei Austritte von Jugendlichen haben die TTF bislang zu verzeichnen. Das sei für den Verein zwar nicht existenzbedrohend, könne aber dazu führen, dass man für die kommende Saison eine Jugendmannschaft weniger meldet als zuletzt. Selbst damit scheint man allerdings gut bedient. „Ich weiß, dass es im Bezirk Vereine gibt, die größere Probleme haben als wir. Da könnte es durchaus den ein oder anderen kosten“, sagt Susanne Gibs.

Susanne Gibs, Vorsitzende der TTF Rastatt. Foto: Frank Seiter/Archiv

© toto

Susanne Gibs, Vorsitzende der TTF Rastatt. Foto: Frank Seiter/Archiv

Turnen

Wenn Gerd Lugauer ganz allgemein über die erwartbaren Folgen der Pandemie für Kinder und Jugendliche spricht, ist er immer noch ganz Pädagoge. Fehlendes Sozialverhalten, führt er dann ebenso auf wie Konzentrationsmängel, Haltungsschäden und Übergewicht. Spricht der 70-Jährige als Trainer junger Turner, fällt seine Prognose kaum besser aus. „Das Niveau wird sinken“, ist sich Lugauer, der beim TV Bühl Generationen das Turnen beigebracht hat, sicher. Schließlich werde gerade im Turnen der Grundstein im frühen Kindesalter gelegt, zwischen vier und fünf Jahren also. Pro Altersklasse gebe es dann Vorgaben, was ein junger Turner an Übungen können muss oder zumindest können sollte. „Diese Ziele werden wir in diesem Jahr nicht erreichen – und es wird mindestens ein Jahr brauchen, um das aufzuholen“, prognostiziert Lugauer. Die Folgen nicht zuletzt in Bühl: Der Nachwuchs wird, wenn überhaupt, zwei, drei Jahre mehr benötigen, um dort zu turnen, wo derzeit Bühls erste Riege turnt – in der dritten Liga. Insgesamt 150 Kinder und Jugendliche gehen beim TVB an die Geräte. Seit Mai freilich ruht der Betrieb, unterbrochen von einer Phase, in der bis zu zehn Turner in die Halle durften. Ersatzweise hat auch der TVB Online-Training angeboten, das zuletzt freilich immer weniger Zuspruch fand und Anfang April schließlich eingestellt wurde. Auch Gerd Lugauer wertet das als schlechtes Omen. „Ich rechne mit einer erheblichen Zahl an Austritten, so zwischen zehn und 15 Prozent“, sagt er.

Auch für die Turner ist die Zwangspause ein Balanceakt. Foto: Bernhard Schmidhuber

© sch

Auch für die Turner ist die Zwangspause ein Balanceakt. Foto: Bernhard Schmidhuber

Handball

„Wir freuen uns ja schon darüber, dass wir wenigstens im Freien in Kleingruppen wieder etwas anbieten können“, sagt Nina Ernst zur aktuellesten Entwicklung. Ob, beziehungsweise wie die SG JHA Baden die neugegebene Möglichkeit zu Kleingruppen-Training im Freien nutzen wird, werde noch besprochen. Derweil ziemlich fest für die SG-Jugendleiterin steht, dass es zurück in die Halle so schnell eher nicht gehen wird. Wenn es denn einst so weit ist, stünden laut Ernst vor allem zwei Dinge im Fokus: Wer kommt wieder? Und wie ist das Fitnesslevel? Für Letzteres hat der Deutsche Handball-Bund (DHB) ein Papier erstellt: „Return to Court“ mit Handlungsempfehlungen für die Rückkehr in die Halle. „Das ist wichtig“, findet Ernst. Denn nach Monaten des Online-Trainings (seit November war keiner mehr in der Halle) seien die Verletzungsgefahr und die Überforderung, wenn es wieder an handballspezifische Bewegungsmuster geht, erhöht. Zumal die Akzeptanz der Online-Angebote (Training, Wettbewerbe, Klopapierchallenge etc.) zuletzt immer mehr abgenommen habe. „Unsere Trainer versuchen alles, aber man kennt es von sich selbst: Man will einfach wieder Handball spielen und die Mitspieler treffen“, sagt Ernst. Bisher habe es glücklicherweise keinen nennenswerten Mitgliederschwund gegeben. Zwei Dinge machten zudem Mut: Im vergangenen Sommer, als noch einiges erlaubt war, habe es so viele Anfragen für Probetrainings gegeben wie selten zuvor. Und von anderen Standorten, beispielsweise von Pforzheim, wisse man, dass die Jugend durchaus zurückkommen kann: Als dort kurzzeitig Training erlaubt war, war der Großteil der Kinder da – im Freien mit Winterjacke! Gespannt ist die Jugendleiterin derweil darauf, wie die Spieler wieder in den Handball-Alltag mit seinen fixen Terminen finden.

Schwimmen

Eine Prognose mag Christian Hensel nicht wirklich geben. „Ich habe es noch nicht erlebt, wie es ist, Schwimmer zu trainieren, die sechs bis acht Monate nicht geschwommen sind“, sagt er. Just diese Aufgabe wird auf den stellvertretenden Abteilungsleiter der Bühler Schwimmer früher oder später freilich zukommen. Seine zumindest leise Ahnung: Die etwas älteren Schwimmer (ab zwölf Jahren) werden zumindest eine ganze Zeit lang brauchen, um auf Vor-Corona-Zeiten-Niveau zu kommen, die jüngeren, also die neun- bis elfjährigen, vieles wieder verlernt haben. „Da war die ganze Aufbauarbeit umsonst“, befürchtet Hensel. Von einem „verlorenen Jahr“ spricht er gar. Indes: Auch die Leistungsgruppen würden „um ein Jahr zurückversetzt“. Soll heißen: „Die Leistung, die normalerweise ein 13-Jähriger erbringt, bringt jetzt ein 14-Jähriger.“ Die Tatsache, dass in anderen Bundesländern teilweise durchtrainiert worden sei und auch hierzulande die Kader-Aufnahmebedingungen nach unten korrigiert worden seien, um möglichst vielen einen Kaderstatus und damit Trainingsmöglichkeit zu sichern, habe zu einer „Zwei-Klassen-Gesellschaft“ geführt. Warum nicht auch Bühler Schimmer die Gunst der niedrigeren Normen genutzt haben? „Wir machen beim TV Bühl nicht nur Leistungssport, sondern wir vermitteln auch Werte“, sagt Hensel. Und nicht zu vergessen: Der TV Bühl lehrt Kindern das Schwimmen. Rund 100 pro Jahr lernen, sich im Schwarzwaldbad über Wasser zu halten. Seit eineinhalb Jahren freilich finden keine Kurse mehr statt. Für die Gesellschaft bedeutet das ein ganzer Jahrgang an Nichtschwimmern. Dem TVB fehlen zehn bis 15 Talente, die nach den Kursen normalerweise dem Verein beitreten.

Leichtathletik

„Im Moment spielt das keine Rolle. Aber in drei bis vier Jahren wird das durchschlagen“, sagt Michael Schlicksupp. Er meint Corona – und die Auswirkungen auf die Leichtathletik, nicht zuletzt auf jene bei seinem SR Yburg Steinbach. 200 bis 250 Kinder und Jugendliche trainieren dort normalerweise. Richtiges Training – seine zwölf Kaderathleten ausgenommen – kann freilich auch der Sportring schon seit Längerem nicht mehr anbieten. Zu was das letztendlich noch führen wird, vermag auch der Jugendwart des Badischen Leichtathletik-Verbands zumindest mit Bestimmtheit nicht zu sagen. Seine Erfahrungen beim SR bisher: Bei den U 10 bis 14 gab es bislang nur wenige Austritte, Bei den älteren (U 16 bis U 18) war es um einiges mehr. „Zehn haben sich bereits jetzt abgemeldet. Der ein oder andere wird wohl noch hinzukommen“, glaubt Schlicksupp. Seine Befürchtung ist, dass vor allem in den älteren Jahrgängen unterhalb der Kader viele von der Stange gehen, schon weil der Abstand zu denen, die durchtrainieren durften, größer geworden sei. Vor allem Spätentwickler gingen somit verloren. Für die jüngeren Jahrgänge wiederum gelte: Was die motorischen Fähigkeiten anbelangt, werden die absoluten Grundlagen zwischen zehn und zwölf Jahren gelegt. Was dort versäumt wird, sei laut Schlicksupp fast nicht mehr aufzuholen. Sein Fazit: „Das Alles wird uns noch lange zu schaffen machen.“

Die Nachwuchsleichtathleten in der Region sitzen seit Monaten auf dem Trockenen. Foto: Ralf Wohlmannstetter

© rawo

Die Nachwuchsleichtathleten in der Region sitzen seit Monaten auf dem Trockenen. Foto: Ralf Wohlmannstetter

Zur Situation im Kinder- und Jugendfußball:

Die Rückkehr auf den Fußballplatz für Kinder bis 13 Jahren rückt näher: Das Infektionsschutzgesetz erlaubt kontaktloses Training in Fünfergruppen bei einer Inzidenz über 100.

Seit 13 Monaten ruht in Mittelbaden der Trainings- und Spielbetrieb im Kinder- und Jugendfußball. Vereine aus der Umgebung berichten über die derzeitige Lage.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.