Spritzen statt Bodychecks: Eishalle wird Impfzentrum

Pforzheim (mi) – Der Eishockey-Regionalligist Pforzheim steht plötzlich ohne Spielstätte da. Ihre Eishalle wird zum Impfzentrum – erfahren haben sie das aus der Zeitung.

Müssen ihre heimische Eishalle verlassen: Ein Jugendtorwart und Benjamin Frick, der sportliche Leiter der Pforzheimer Bisons. Foto: Bisons

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Müssen ihre heimische Eishalle verlassen: Ein Jugendtorwart und Benjamin Frick, der sportliche Leiter der Pforzheimer Bisons. Foto: Bisons

Gleich in der zweiten Zeile seines Briefs an die „liebe Stadt Pforzheim“ gibt Tobias Nuffer einen Einblick in seinen Gemütszustand: „Ich bin wirklich geschockt, schwer enttäuscht und sehr verärgert.“ Seine Wut verraucht auch nicht in den folgenden Absätzen des Briefs, der in Versalien so endet: „Wie soll es mit unserem Eissportverein weitergehen“? Das fragen sich nicht wenige beim 1. CfR Pforzheim, dem Aufsteiger in die Eishockey-Regionalliga Südwest. Der Verein ist plötzlich obdachlos, da die 1.600 Zuschauer fassende Eissporthalle gerade zum Impfzentrum umgestaltet wird.
Bundesweit schießen derzeit Impfzentren aus dem Boden, was von Nuffer mehr als gutgeheißen wird, allerdings fühlt sich der Verein, der bei Heimspielen regelmäßig zwischen 400 und 500 Zuschauer empfängt, schlichtweg übergangen. „Aus einem Zeitungsartikel musste ich erfahren, dass uns die gesamte Grundlage unseres Sports genommen wurde. Was absolut nicht nachvollziehbar ist, ist der nicht stattgefundene Austausch mit den Entscheidungsträgern und den Betroffenen. Eine derartige Nicht-Kommunikation ist einfach katastrophal. Man wollte uns nicht mit ins Boot nehmen. Nicht mal der Gemeinderat wurde involviert.“

Bekannt ist, dass – wie in anderen Amateursportarten auch – der Spielbetrieb in der Eishockey-Regionalliga Südwest derzeit ruht und höchst fraglich ist, ob dieser im Januar fortgesetzt werden kann. Der Aufsteiger war in seinen ersten sechs Punktspielen mit drei Siegen und drei Niederlagen durchaus akzeptabel gestartet. Doch nun sieht sich der Verein als Hauptmieter der Eishalle an der Enz in der Saison-Aussetzung vor vollendete Tatsachen ohne jeden Informationsfluss gestellt. Nuffer: „Im Moment ist nicht einmal absehbar, wie lange die Eishalle ein Kreisimpfzentrum bleiben soll.“ Pressesprecher Ilja Manheim macht sich da nichts vor: „Bei einem Impfzentrum reden wir von mehreren Monaten. Das geht mit Sicherheit bis Mitte 2021.“

Sollte die Regionalliga-Saison also tatsächlich im kommenden Jahr noch fortgesetzt werden, steht der Verein ohne Heimspielstätte da. Manheim: „Wir stehen mit leeren Händen da. Was soll auch aus unserem Nachwuchs werden?“ Bis zu 400 Kinder und Jugendliche tummeln sich normalerweise auf der Eisfläche.

Hügelsheimer Frick: „Stinkt zum Himmel“


Für den Pressesprecher ist absolut unverständlich, warum kein anderer Standort für das Impfzentrum in der 126.000-Einwohner-Stadt gewählt wurde. „Dass Kongresszentrum wäre eine gute Alternative gewesen. Die Räumlichkeiten wären dort viel besser gewesen. Unsere Eishalle ist nicht barrierefrei zugänglich, die Sanitäreinrichtungen sind auch eher überschaubar. Außerdem gibt es Industriebauten in Pforzheim, die leer stehen.“

Eigentümer der Eishalle ist der auch in Mittelbaden aktive Multiunternehmer Wolfgang Scheidtweiler, der sie vor drei Jahren von der Stadt für rund 650.000 Euro erworben hat. Der Brauereibesitzer, Hotelbetreiber, Eigentümer von Baudenkmälern und des Kunstprojekts Gasometer wird in einem Porträt der Pforzheimer Lokalzeitung vom Vorjahr als „netter, spendabler Herr“, als „Hansdampf in allen Gassen“ dargestellt, „einer, der sich freut, wenn dank seiner vielen Talente auch das Allgemeinwohl profitiert“.

Quasi zwangsenteignet

Der 1. CfR Pforzheim fühlt sich dabei mitnichten angesprochen. „Wir sind quasi zwangsenteignet worden. Alternativen wurden uns auch keine aufgezeigt. Das stinkt zum Himmel“, ist auch Benjamin Frick entsetzt. Der sportliche Leiter sieht die gesamte Aufbauarbeit des Aufsteigers gefährdet. „Wir wollen den Verein in der Regionalliga etablieren. Wir brauchen aber auch ein Konzept für unsere Sponsoren. Wir sind kein Karnevalsverein. Derzeit ist aber nichts sicher bei uns“, erklärt Frick, der in diesem Sommer nach fast 30 Jahren – darunter auch vier Spielzeiten in Hügelsheim – den Eishockey-Schläger an die Wand hängen musste, da ihn im Training ein Puck mitten ins Gesicht traf. „Gerne hätte ich noch eine Saison gespielt“, bedauert Neu-Funktionär Frick. Nun werkelt er im Hintergrund tatkräftig mit. Seine langjährige Eishockey-Erfahrung, gepaart mit Geschäftssinn als Vertriebsingenieur im Außendienst, hilft dem Regionalliga-Neuling sehr. Da Frick in Hügelsheim wohnt, überrascht auch nicht, dass für Heimspiele der Pforzheimer Bisons Werbung vor einem Bühler Optikergeschäft betrieben wird. Der Optiker ist Hauptsponsor. Nun bangen sie an der Enz aber alle um die Zukunft.

Dabei ist Tobias Nuffer, der aus der bayerischen Eishockey-Hochburg Kaufbeuren stammt („Ich habe schon mit Didi Hegens Bruder gespielt“), vom „familiären Zusammenhalt“ des aufstrebenden Vereins beeindruckt. So packten die Cracks am vergangenen Wochenende allesamt an, aber anders als gewohnt. Nuffer: „Wir müssen bis zum 22. Dezember die Kabinen besenrein räumen.“ Statt Bodychecks werden in Bälde im Eissportzentrum Spritzen gesetzt.

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Erstellt:
14. Dezember 2020, 16:35 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 12sec

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