Staatstheater: Tanzfilm von Bridget Breiner

Karlsruhe (nl) – Die Kunst lebt und treibt neue Blüten. Auch das Staatsballett Karlsruhe war nicht untätig.

Frech, schnell, witzig: Das Stück „The New 45“ macht den Tänzern Joshua Swain (links) und Pablo Octavio sichtlich Spaß.Foto: Jochen Klenk/Badisches Staatstheater

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Frech, schnell, witzig: Das Stück „The New 45“ macht den Tänzern Joshua Swain (links) und Pablo Octavio sichtlich Spaß.Foto: Jochen Klenk/Badisches Staatstheater

In der Stille meint man, das Atmen der Tänzerin zu hören. Liebevoll folgt die Kamera jeder Bewegung ihrer ausdrucksvollen Hände, betont die Linien ihrer Arme. In manchen Momenten ist man ganz nah dran, in dem Tanzfilm „Seid umschlungen – Momentaufnahme“ des Staatstheaters Karlsruhe, der online Premiere hatte und über den Erwerb eines Tickets weiterhin zu sehen ist.

Zwar hat die Reihe der Lockdowns das Theaterleben, wie wir es bisher kannten, zum Erliegen gebracht. Aber die Kunst lebt und treibt neue Blüten. Auch das Staatsballett Karlsruhe war nicht untätig. Neben den Proben zum live gestreamten „Feuervogel“ wurde seit März die „Momentaufnahme“ gedreht.

Ballettdirektorin Bridget Breiner knüpft darin an ihren ersten Karlsruher Tanzabend „Seid umschlungen, Millionen“ an, allerdings hat sie für den Film nur drei Originalchoreografien übernommen. „Tué“, das von Rita Duclos furios getanzte Solo von Marco Goecke zu melancholischen französischen Liebesschmerz-Chansons. Richard Siegals freches, schnelles und witziges Stück „The New 45“ auf lässigen Swing, der den beiden Tänzern sichtlich Spaß macht. Und schließlich Marguerite Donlons „Ruff Celts Reworked“, eine wunderbare, sehr abwechslungsreiche und manchmal sogar mystische Choreografie für Ensemble zu irischer Musik.

Zu dem farbenreichen Kaleidoskop unterschiedlicher choreografischer Handschriften trägt vor allem Bridget Breiner selbst mit neuen Stücken bei, aber auch die Beiträge der einstigen Primaballerina und Karlsruher Ballettmeisterin Lynne Charles und des ehemaligen Mannheimer Ballettdirektors Kevin O’Day sind es wert, filmisch festgehalten zu werden. Charles hat nicht umsonst viele Jahre Hauptrollen bei John Neumeier und Maurice Béjart getanzt. Ihre Version des Klassikers „Juwelen“ beschwört den Glanz virtuoser Tanzkunst des 19. Jahrhunderts und lässt die Solisten des Karlsruher Staatsballetts ihr ganzes makelloses Können im klassischen Stil zeigen.

Atmosphäre des vollen Hauses fehlt


Kevin O’Day zeigt in „Petit Poème“ eine ganz andere, verspielte Seite des Tanzes. Leise rieselt weißer Kunstschnee auf die Bühne, die Tänzerin und die Tänzer scheinen erst einmal spontan zu improvisieren. Erst mit dem Einsetzen der Musik werden die Bewegungen raumgreifender, entwickelt die Choreografie einen mitreißenden Elan.

Bridget Breiner hat sich für Musik von Rachmaninow und Chopin entschieden, live zum Tanz gespielt von den Pianistinnen Elena Kuschnerova und Angela Yoffe. In „Dark Waters“ hat Breiner die Choreografie perfekt zu Rachmaninow abgestimmt, Ausdruck, Tanz und Musik sind eine Einheit. Und genauso federleicht und spritzig wie das „Rondo“ von Chopin klingt, ist der von Breiner geschaffene Tanz dazu.

„Cut the world“ zeigt ein Paar, offenbar frisch getrennt, in weitem Abstand voneinander. Es wird so expressiv getanzt, dass man gar nicht auf die Idee kommt, der Abstand könne irgendetwas mit Corona zu tun haben. Ganz am Anfang steht eine Choreografie, die im Homeoffice entstand, zu Bob Dylans „The times, they are a-changin“ – ein überaus passender Titel derzeit. Breiner nennt ihr Stück dazu „The present now will later be the past“, auch sehr treffend, denn jede Gegenwart wird im Lauf der Zeit zu Vergangenheit.

Daheim vor dem Bildschirm denkt man oft, „hier hätte es Szenenapplaus gegeben“ oder „das hätte dem Publikum gefallen“. Aber es muss ohne die Atmosphäre gehen, die ein volles Haus vermittelt. Dafür bringt der Tanzfilm neue Perspektiven mit, man sieht auch mal die Bühne aus der Sicht der Tänzer, ihren Blick Richtung Zuschauerraum, die Seitenbeleuchtung. Als Zuschauer vor Ort ist man an seinen Platz gebunden. Die Kamera wechselt zwischen Totale und Nähe, folgt einzelnen Tänzern und Bewegungen, leuchtet Details aus, die man sonst sicher nicht wahrnehmen würde. Und – man kann ihn mehrfach ansehen, allein, zu zweit oder mit allen Menschen, mit denen man sich gerade treffen darf.

Bis zum 13. Mai, täglich um 20 Uhr, kann man über die Homepage des Staatstheaters Karlsruhe zu einem moderaten Preis ins Ballett gehen, ohne vom heimischen Sofa aufstehen zu müssen.


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