Staatstheater steht vor einem Veränderungsprozess

Karlsruhe (sr) –Mit einem Theaterfest beginnt am Samstag die neue Spielzeit am Badischen Staatstheater. Das Angebot ist coronabedingt reduziert, aber alle Sparten können sich präsentieren.

Am Samstag wird gefeiert: Das Badische Staatstheater eröffnet die Saison traditionell mit einem bunten Theaterfest. Foto: Uli Deck/dpa

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Am Samstag wird gefeiert: Das Badische Staatstheater eröffnet die Saison traditionell mit einem bunten Theaterfest. Foto: Uli Deck/dpa

Am Badischen Staatstheater Karlsruhe herrscht nach einem konfliktreichen Sommer, als das Mehrspartenhaus in eine öffentlich ausgetragene Führungsdiskussion und in Missbrauchsvorwürfe verstrickt wurde, nun wieder kreative Betriebsamkeit vor. Seit einer Woche wird in allen Sparten geprobt. Business as usual?

„Wir haben ja gerade erst angefangen“, sagt Schauspieldirektorin Anna Bergmann im BT-Interview – auch im Hinblick auf die Erneuerungen in der Führungsebene. „Jetzt wird ein großer Veränderungsprozess angetreten. Wir bekommen Coaches, die mit uns an neuen Strukturen arbeiten, und das Schauspielensemble geht sehr aktiv an Maßnahmen ran, um die Arbeitsbedingungen und grundsätzlichen Strukturen bei uns am Theater zu verbessern und zu verändern“, erläutert sie. Dieser Strukturwandel werde noch eine Zeit lang dauern, aber am Ende soll es flachere Hierarchien geben und soll für die einzelnen Sparten ein freieres Arbeiten möglich sein. Auch das von Anna Bergmann geleitete Schauspiel soll unabhängiger agieren können.

Zweite Spielzeit der Schauspieldirektorin

Es ist Bergmanns zweite Spielzeit am Badischen Staatstheater. Die 1978 in Kläden bei Stendal geborene, international, vor allem auch in Schweden, inszenierende Regisseurin hat ihr Amt im vergangenen Jahr in Karlsruhe angetreten; damit will das Land Baden-Württemberg mehr Frauen im Theaterbetrieb in Führungspositionen bringen. Große Unterstützung hat sie auch durch die zuständige Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst erfahren. Theresia Bauer bezeichnete Anna Bergmann bei Amtsantritt als „künstlerisches Zukunftsversprechen für Karlsruhe“.

Die Stellung der Frau ist ein wichtiges Thema für die Regisseurin Bergmann. Die einstige Schülerin des Meisterregisseurs Peter Zadek setzt auf Themen und Stoffe unter weiblichem Blickwinkel: Beziehungsgeflechte wie in den Filmen des großen schwedischen Filmregisseurs Ingmar Bergman, große Frauenrollen und Frauenthemen. Sie führt in Karlsruhe auch selbst Regie.

Mit ihrer noch für Malmö entstandenen Inszenierung „Persona“, einem Theater- und Filmstoff wiederum nach Namensvetter Bergman, erhielt sie 2019 erstmals eine Einladung zum Berliner Theatertreffen, dem wichtigsten Wettbewerb der großen deutschsprachigen Bühnen. Auch in der anbrechenden Saison am Badischen Staatstheater will sie – trotz Corona-Schwierigkeiten – seine „Szenen einer Ehe“ im Kleinen Haus neu umsetzen.

Schauspieldirektorin Bergmann hat einen ambitionierten Spielplan für die Saison 2020/21 aufgestellt mit Klassikern und wichtigen Uraufführungen. Gestartet wird am Sonntag mit dem musikalischen Ein-Mann-Solo „Mozart und Salieri“, einen Tag nach dem Theaterfest. Geprobt wird aber gerade an etwas anderem.

„Carmen„ als Crossover-Produktion

„Wir sind jetzt erst einmal gestartet mit ,Carmen‘, einer großen Crossover-Produktion mit Schauspiel und Gesang“, sagt Bergmann; Premiere soll am 15. Oktober sein. Die Produktion ist vor zwei Jahren in Schweden entstanden und wurde dort als Opernproduktion des Jahres ausgezeichnet. „Die Musik ist toll, die Geschichte mitreißend – natürlich unter Berücksichtigung der Corona-Bedingungen“, erläutert sie. Und parallel dazu beginnen die Proben für die erste Premiere der Schauspielsaison „Die neuen Todsünden“ (Start am 3. Oktober). Die sieben Kurzdramen von sieben europäischen Autorinnen sind konstruiert wie Kammeroper und Psychodrama zugleich. „Ganz unterschiedliche Ästhetiken finden an diesem Abend zusammen, ein großes Ensemblestück – unser Aufschlag in die neue Saison, politisch gesehen wird es das ganze Spektrum abdecken“, so Anna Bergmann. Ab 2. Oktober spielt sie ein Stück der französischen Erfolgsdramatikerin Virginie Despentes („Apokalypse Baby“), ein Frauen-Krimi mit zwei Detektivinnen.

Ein Highlight der ersten Saisonhälfte wird wohl „Toni Erdmann“ (noch im Dezember) nach dem Oscar-nominierten Erfolgsfilm der Karlsruherin Maren Ade. „Sie hat uns die Filmfassung zur Verfügung gestellt, da wird weiter dran gearbeitet – und wenn alles gut geht, kommt Maren Ade vielleicht zur Premiere“, hofft Anna Bergmann und fügt hinzu: „Die Originalfigur Toni Erdmann gibt es ja hier in Karlsruhe, ihren Vater, eine ganz schöne Geschichte.“ Da scheine es Ähnlichkeiten zu geben, kleinerer oder größerer Art.

„Toni Erdmann“
lebt in Karlsruhe

Auch Ferdinand von Schirachs „Gott“ hat das Badische Staatstheater im Angebot, das neue Stück über Sterbehilfe; es wurde gerade in Berlin und Düsseldorf uraufgeführt und soll auch verfilmt werden. Bergmann hofft, es Ende Januar am Bundesgerichtshof zeigen zu können, wenn es Corona zulässt, ansonsten im Kleinen Haus des Staatstheaters.

„Ich habe geguckt, dass wir Stücke so inszenieren, dass sie auch mit Corona möglich sind.“ Auch experimentelle „Corona-Solos“ in zwei Teilen hat sie für Oktober geplant, Stoffe, die die Schauspieler während des Lockdown beschäftigt haben. Die sind unter Corona-Bedingungen aufzuführen, jeweils eine Schauspielerin oder ein Schauspieler auf der Bühne. „Das ist derzeit das Sicherste, was man machen kann – und mit vier bis sechs Metern Abstand zum Publikum“, so Bergmann.

Ihre „Todsünden“-Inszenierung kommt auch in Schweden und Luxemburg heraus: „Dort sind die Sicherheitsvorkehrungen nicht so hoch wie bei uns“, erklärt sie. „Da können die Leute viel freier auf der Bühne agieren, weil getestet wird wie in Österreich“, sagt die Karlsruher Schauspieldirektorin. „Das würde auch bei uns die Angst nehmen.“ Aber am Staatstheater sei der Umgang miteinander „sehr achtsam“ – alle trügen Maske.

Im Vergleich zur Praxis in Flugzeugen, wo die Passagiere, sobald sie auf ihren Sitzen Platz genommen haben, keine Masken mehr tragen müssten, seien die strengen Abstandsregeln an den Theatern hierzulande nach Ansicht Bergmanns sehr restriktiv. „Da dürfen in großen Häusern keine 80 Leute sitzen“, sagt sie. „Die Kultur wird bei uns sehr zuungunsten gehandelt. Das steht in keiner Relation und ist nicht gut so.“

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Ihr Autor

Christiane Lenhardt

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Erstellt:
19. September 2020, 10:00 Uhr
Lesedauer:
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